Lade Login-Box.
Sommerausklang in Südthüringen zum Digital-Abo
Topthemen: Freies Wort hilftCoronavirus in ThüringenFolgen Sie uns auf Instagram

Brennpunkte

Betrugsprozess: Anwalt soll NSU-Opfer erfunden haben

Sie sollte sogar von Bundeskanzlerin Angela Merkel empfangen worden sein: eine Frau, die beim Kölner NSU-Anschlag verletzt worden war. Den Anschlag gab es, er war verheerend. Aber das Opfer war erfunden - laut Staatsanwaltschaft von einem Anwalt. Jetzt steht er vor Gericht.



Prozess in Aachen
Der Angeklagte sitzt vor Beginn seines Prozesses in einem Saal des Aachener Landgerichts neben seinem Rechtsanwalt.   Foto: Henning Kaiser/dpa

Zu Beginn eines Betrugsprozesses vor dem Landgericht Aachen hat die Staatsanwaltschaft einem Rechtsanwalt die Erfindung eines NSU-Opfers vorgeworfen.

Der 52 Jahre alte Jurist habe beim NSU-Prozess in München ein Opfer des Nagelbombenanschlags der Rechtsterroristen in der Kölner Keupstraße vertreten, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt, sagte der Staatsanwalt. Dafür habe der Anwalt mehr als 211.000 Euro aus der Staatskasse bezogen. Der Angeklagte bestreitet die Vorwürfe. Bei Prozessbeginn äußerte er sich zunächst nicht.

Im Falle eines Schuldspruchs drohen ihm eine Geldstrafe oder bis zu fünf Jahre Haft, wie ein Gerichtssprecher sagte. In einem besonders schweren Betrugsfall seien sogar bis zu zehn Jahre möglich. Es geht in dem Prozess auch um die Frage, ob der Anwalt aus Eschweiler bei Aachen seinen Beruf weiter ausüben darf. Es werden ihm Betrug, versuchter Betrug, Urkundenfälschung und Anstiftung zur falschen Versicherung an Eides statt vorgeworfen.

Meral Keskin - so hieß das angebliche Opfer des Kölner NSU-Anschlags. Fakt ist: Der Anschlag war furchtbar. 22 Menschen wurden verletzt, vier davon schwer. Viele wurden extrem traumatisiert. Nur eben nicht Meral Keskin - denn die hat es nachweislich nie gegeben.

Der Anwalt wusste das Oberlandesgericht München laut Anklage dennoch von ihrer Existenz zu überzeugen. Dafür habe er falsche medizinische und psychologische Bescheinigungen vorgelegt und auf eine Fernsehreportage verwiesen: Darin gebe es sogar Bilder von Meral Keskin.

Der Anwalt - so die Darstellung des Staatsanwalts - spiegelte dem Oberlandesgericht sogar vor, dass seine Mandantin in Berlin den Bundespräsidenten getroffen und von Bundeskanzlerin Angela Merkel empfangen worden sei. Bei dem Betrug arbeitete er laut Anklage mit einem echten Nebenkläger aus dem NSU-Prozess zusammen. Dieser ist mittlerweile gestorben. Nachdem die Vorwürfe gegen den Anwalt 2015 bekannt geworden waren, hatte sich dieser damit gerechtfertigt, dass er von dem Mann hereingelegt worden sei. Er sei immer davon überzeugt gewesen, dass seine Mandantin wirklich existierte.

Über fünf Jahre waren am Oberlandesgericht München die rassistischen Morde des sogenannten «Nationalsozialistischen Untergrunds» (NSU) zwischen 2000 und 2006 sowie der Mord an einer Polizistin verhandelt worden. 2018 wurde Beate Zschäpe wegen zehnfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Da sich der Prozess so lange hinzog, nahm der Anwalt aus Eschweiler an zahlreichen Verhandlungen teil und kassierte dafür der Anklage zufolge die Erstattung von Reisekosten und Vorschüsse auf Sitzungsgebühren. Außerdem habe er 5000 Euro Härteleistung für das Opfer bezogen. Insgesamt kamen so laut Staatsanwalt 211.000 Euro zusammen. Nur 1500 Euro soll er bisher an die Staatskasse zurückbezahlt haben.

Angeklagt ist der Anwalt auch im Zusammenhang mit dem Prozess um die Loveparade-Katastrophe in Duisburg. In diesem Prozess soll er - erfolglos - versucht haben, ein vermeintliches Opfer der Techno-Party zu vertreten. Dabei soll ihm bewusst gewesen sein, dass der Betroffene eine Erkrankung als Folge der Katastrophe nur vorgeschoben hatte.

In München flog der mutmaßliche Betrug auf, als das Gericht Meral Keskin vorlud, in Duisburg, als die Staatsanwaltschaft ärztliche Belege einforderte. Ein Urteil in dem Aachener Prozess ist erst in einigen Monaten zu erwarten.

© dpa-infocom, dpa:200807-99-78699/2

Veröffentlicht am:
07. 08. 2020
13:53 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Angeklagte Beate Zschäpe Betrug Betrugsfälle Betrugsprozesse Bundeskanzler der BRD Bundeskanzlerin Angela Merkel Landgericht Aachen NSU-Prozess Nationalsozialistischer Untergrund Oberlandesgericht München Polizistinnen und Polizisten Rechtsterroristen Staatsanwaltschaft Staatsanwälte
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Seda Basay-Yildiz

27.07.2020

Rechtsextreme Drohmails: Ehepaar vorübergehend festgenommen

In der Affäre um «NSU 2.0»-Drohmails führt eine Spur nach Bayern. In Landshut werden ein ehemaliger Polizeibeamter und seine Ehefrau vorübergehend festgenommen. Doch es sind noch viele Fragen offen. » mehr

Tödlicher Angriff auf Weizsäcker

19.05.2020

Fritz von Weizsäcker erstochen - War es Mord aus Hass?

War die tödliche Messerattacke gegen Fritz von Weizsäcker die Tat eines Wahnkranken? Der gewaltsame Tod eines Sohnes des früheren Bundespräsidenten löste Entsetzen aus. Nun sitzt ein 57-Jähriger auf der Anklagebank. Der ... » mehr

Berliner Landgericht

08.07.2020

Angeklagter wegen Mordes an Fritz von Weizsäcker verurteilt

Bei einem Vortrag in einer Klinik rammte ein Mann dem Chefarzt Fritz von Weizsäcker ein Messer in den Hals. Ohne Reue und Zweifel saß der Täter vor Gericht. Nun fiel das Urteil. » mehr

Beuth zur Drohmail-Affäre

21.07.2020

«NSU 2.0»: Beuth berichtet von 69 Drohschreiben

Mittlerweile werden die Drohschreiben mit der Unterschrift «NSU 2.0» in viele Bundesländer verschickt. Ob es sich bei allen Drohungen um denselben Absender handelt, ist offen. » mehr

Der Angeklagte im Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach

25.08.2020

39-Jähriger im Fall Bergisch Gladbach steht vor Gericht

Der gigantische Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach sorgt für Entsetzen. Im Herbst 2019 entdeckten Ermittler bei einem Familienvater kinderpornografisches Material - und Kontakte zu anderen Männern. Nun steht in Wiesbad... » mehr

Festnahme 2019

26.05.2020

Fritz von Weizsäcker erstochen - Angeklagter ohne Reue

Der gewaltsame Tod des renommierten Berliner Arztes sorgte bundesweit für Entsetzen. Wie aus dem Nichts wurde der jüngste Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker mit einem Messer angegriffen. Nun hat s... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Brand altes Stellwerk Bahnhof Zella-Mehlis

Brand Altes Stellwerk Zella-Mehlis |
» 6 Bilder ansehen

Mopedunfall Steinheid

Mopedunfall Steinheid |
» 4 Bilder ansehen

Schwerer Unfall Effelder Effelder

Unfall Effelder | 13.09.2020 Effelder
» 12 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
07. 08. 2020
13:53 Uhr



^