Lade Login-Box.
Topthemen: Gebietsreform: Das ändert sich in SüdthüringenMobilität und EnergieFußball-Tabellen

Brennpunkte

Anklage will lebenslang für Patientenmörder Högel

Die Liste der mutmaßlichen Todesopfer von Högel ist lang. An die meisten Morde kann er sich nicht mehr erinnern. Doch die Staatsanwaltschaft legt ihm die grausame Rechnung vor, auf der 97 Morde stehen.



Prozess
Der wegen Mordes angeklagte Niels Högel sitzt im Gerichtssaal neben seinen Anwältinnen Ulrike Baumann (M.) und Kirsten Hüfken.   Foto: Hauke-Christian Dittrich/Pool » zu den Bildern

Das geforderte Strafmaß für den mutmaßlichen Serienmörder und Ex-Krankenpfleger Niels Högel konnte nicht überraschen.

«Lebenslange Freiheitsstrafe unter Feststellung der besonderen Schwere der Schuld», beantragte Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann in ihrem stundenlangen Plädoyer. Und das wegen 97-fachen Mordes. Högel sitzt bereits wegen zwei Morden und zwei Mordversuchen lebenslang im Gefängnis. Wenn das Landgericht Oldenburg eine besondere Schwere der Schuld feststellt, kann der 42-Jährige nur in Ausnahmefällen - etwa bei schwerer Krankheit - nach 15 Jahren freikommen. Doch bei diesem besonderen Prozess geht es nicht um die Strafe, sondern vor allem um die Aufklärung der vermutlich größten Mordserie im Nachkriegsdeutschland.

Die Dimension der Verbrechen machte Gaby Lübben deutlich. Statt die angeklagten Taten einzeln aufzuzählen, schaltete die Rechtsanwältin und Nebenklage-Vertreterin einen Beamer ein und zeigte in langsamer Folge auf zwei Leinwänden Fotos vieler Opfer. Högel habe einmal gesagt, dass ihn die toten Seelen im Traum besuchen, er sie aber nicht zuordnen könne, erinnerte Lübben. «Deshalb stelle ich sie Ihnen jetzt vor.» Bei jedem Foto erzählte sie aus den Leben der getöteten Menschen. Nach jedem Opfer herrschte jeweils ein Moment Stille im Saal.

Staatsanwältin Schiereck-Bohlmann ging dezidiert jeden einzelnen der angeklagten 100 Fälle durch. «Allein die Aussage «Größter Serienmörder der Geschichte» reicht nicht aus, ihn zu verurteilen», sagte die Oberstaatsanwältin auch mit Blick auf die Medienberichterstattung. Nur in drei Fällen sah sie keine hinreichenden Beweise für eine Mordtat Högels, der deshalb in diesen Fällen freizusprechen sei. (Az. 5 Ks 1/18)

In den 97 anderen Fällen hatte sie dagegen «keine vernünftigen Zweifel», dass die Patienten von dem 42-jährigen Deutschen getötet wurden. Viele wurden exhumiert und toxikologisch untersucht. Oft fanden die Experten Medikamentenrückstände, mit denen Högel die Patienten an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst in lebensbedrohliche Lagen brachte, um bei der notwendigen Reanimation vor seinen Kollegen zu glänzen.

Lübben, die als erste Nebenkläger-Vertreterin plädierte, sagte, sie habe oft die Frage gehört, wozu das Verfahren noch geführt werde. «Der Mittelpunkt sind die Menschen hinter den Anklagepunkten», sagte die Anwältin. «Die Klarheit, die wir hier erlangen konnten, hilft den Angehörigen, das Erlebte verarbeiten zu können.» Allerdings hätten die Angehörigen auf «ehrliche Worte der Reue» von Högel gehofft, seien aber enttäuscht worden.

Högel selbst hatte in dem seit Ende Oktober laufenden Prozess 43 der 100 Taten eingeräumt und 5 ausdrücklich bestritten. An die übrigen 52 Taten konnte er sich angeblich nicht erinnern. Er schloss aber auch nicht aus, diese Patienten getötet zu haben. Der Angehörigen-Sprecher Christian Marbach hatte Högel vor dem Plädoyer als Lügner bezeichnet. Anders als angekündigt habe dieser die Chance nicht genutzt, zur Aufklärung beizutragen, reinen Tisch zu machen und den Angehörigen Wahrheit zu verschaffen.

Es gehe in erster Linie nicht um das Urteil, sondern vor allem um die Aufklärung, die für die Angehörigen extrem wichtig sei, sagte Marbach. Sein Großvater gehört zu den Opfern, für deren Tod Högel sich bereits vor Gericht verantworten musste. Marbach hat eine klare Position: «Ich hoffe, dass er nie mehr aus dem Gefängnis kommt.»

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
16. 05. 2019
17:40 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Anklage Deutsche Presseagentur Justizvollzugsanstalten Landgericht Oldenburg Lebenslange Freiheitsstrafe Mord Mordversuche Niels Högel Staatsanwaltschaft Staatsanwälte Strafarten Todesopfer Tötung
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Prozess um vergifteten Kartoffelsalat

23.05.2019

Mordversuch mit Kartoffelsalat - Lange Haft für Ehefrau

Über viele Jahre hinweg soll eine Frau den Mord an ihrem Mann geplant haben, um an sein Erbe zu kommen. Sie wurde zur Giftmischerin. Vor Gericht wird klar: Es war nicht ihre erste derartige Tat. Und es war nicht der erst... » mehr

Haftbefehl erlassen

10.05.2019

Tödliche Gewalttat: Geschwisterpaar in Dresden getötet

Ein Vater steht unter einem schrecklichen Verdacht. Er soll seine beiden kleinen Kinder getötet haben. Im Raum steht die Frage nach dem Warum. » mehr

Unbeteiligte getötet

29.04.2019

Mutmaßlicher Autoraser mit Haftbefehl als Mörder gesucht

In Moers stirbt eine unbeteiligte Frau bei einem mutmaßlichen Autorennen. Nach dem Tod der 43-Jährigen wird wegen Mordverdachts ermittelt. » mehr

Stutthof-Museum

19.04.2019

Anklage gegen ehemaligen SS-Wachmann aus Hamburg

Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat Anklage gegen einen 92-jährigen ehemaligen SS-Wachmann wegen Beihilfe zum 5230-fachen Mord erhoben. » mehr

Unbeteiligte getötet

30.04.2019

Mutmaßliches Autorennen in Moers: Verdächtiger stellt sich

Bei einem mutmaßlichen Autorennen in Moers wird eine unbeteiligte Frau tödlich verletzt. Eine Woche lang fahndet die Polizei nach dem mutmaßlichen Unfallfahrer. Nun hat sich der 21-Jährige der Polizei gestellt. » mehr

Entlassen

03.05.2019

Verurteilte Kim-Attentäterin aus Gefängnis entlassen

Die Ermordung von Kim Jong Uns Halbbruder machte 2017 riesige Schlagzeilen. Zwei Jahre danach ist jetzt auch die letzte Beteiligte wieder auf freiem Fuß. Die mutmaßlichen Drahtzieher gingen bislang straffrei aus. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

25. Feuerwehr-Jugendleistungsmarsch in Eisfeld Eisfeld

25. Jugendleistungsmarsch | 25.05.2019 Eisfeld
» 11 Bilder ansehen

Schmalkalden feiert „Am Walperloh“ - Mit dem Schweizer Star-DJ Antoine Schmalkalden

Prachtparade Schmalkalden | 24.05.2019 Schmalkalden
» 20 Bilder ansehen

Fridays for Future

Fridays-Demo-MGN |
» 18 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
16. 05. 2019
17:40 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".