Topthemen: Der NSU-ProzessMobilität und EnergieGebietsreformFußball-Tabellen

Brennpunkte

Angriff auf Präsidentschaftskandidaten erschüttert Brasilien

In Brasilien läuft der Wahlkampf um das Präsidentenamt heiß - der zuletzt in Umfragen führende rechtsextreme Kandidat Bolsonaro wird Ziel eines Attentats. Die Motive des Angreifers geben Rätsel auf.



Messerattacke
Jair Bolsonaro, konservativer Präsidentschaftskandidat, verzieht nach dem Messerangriff in Juiz de Fora vor Schmerzen das Gesicht.   Foto: Raysa Leite/AP

Brasiliens führender Präsidentschaftskandidat Jair Bolsonaro ist während einer Wahlkampfveranstaltung auf offener Straße mit einem Messer lebensgefährlich verletzt worden.

Bolsonaro sei erfolgreich operiert worden, sein Zustand bleibe aber kritisch, teilten Ärzte des Krankenhauses in der Stadt Juiz de Fora im südlichen Staat Minas Gerais nach dem Eingriff am Donnerstagabend (Ortszeit) mit. Der rechtsextreme Kandidat war unter anderem am Darm und einer Arterie verletzt worden und hatte viel Blut verloren.

Den mutmaßlichen Angreifer nahm die Polizei noch am Ort des Anschlags fest. Der 40-Jährige habe aus «religiösen Gründen mit politischem Hintergrund» gehandelt, zitierte das Nachrichtenportal G1 der Globo-Gruppe den Anwalt des Festgenommenen. «Er hatte in keinem Moment die Absicht, zu töten», sagte demnach Adélio Pedro Augusto Lima Possa. Es sei ihm nur darum gegangen, Bolsonaro zu verletzen.

Auch der Kommandant einer Einheit der Militärpolizei sagte dem TV-Sender TV Globo, der Verdächtige habe gesagt, «auf Befehl Gottes» und wegen unterschiedlicher politischer Ansichten gehandelt zu haben. Er gehöre keiner Partei an, sagte der Kommandant Antônio Rodrigues de Oliveira. Der mutmaßliche Täter soll am Freitag verhört werden.

Unklar war zunächst, ob der Ex-Militär seinen Wahlkampf fortsetzen kann. Er werde voraussichtlich bis zu zehn Tage im Krankenhaus bleiben müssen, zitierte die Zeitung «O Globo» einen der behandelnden Ärzte. Mit einer Reihe von Aussagen über Homosexuelle, Schwarze und Frauen hatte er in Brasilien für Empörung gesorgt.

Bolsonaro war zum Favoriten bei der Präsidentenwahl am 7. Oktober aufgestiegen, nachdem ein Gericht die Kandidatur des inhaftierten Ex-Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva untersagt hatte. Einen Tag vor dem Angriff veröffentlichte das Meinungsforschungsinstitut Ibope erstmals eine Wählerumfrage ohne Lula. Darin führte der frühere Fallschirmjäger mit einem Zuspruch von 22 Prozent vor der Mitte-Politikern Marina Silva und dem Linken Ciro Gomes.

Politiker aller Couleur verurteilten den Anschlag auf Bolsonaro. Präsident Michel Temer nannte den Angriff «nicht hinnehmbar», der linke Präsidentschaftskandidat Gomes sprach von «Barbarei», und Lulas Nachfolger als Präsidentschaftskandidat Fernando Haddad schrieb auf Twitter: «Ich verurteile jede Gewalttat und wünsche Jair Bolsonaro gute Besserung.» Die 2016 per Amtsenthebungsverfahren abgesetzte Präsidentin Dilma Rousseff von Lulas Arbeiterpartei PT twitterte: «Ich bedauere sehr die Gewalt und das Geschehene. (...) Der Hass darf nicht gesät werden.»

Auf einem Video kurz vor dem Angriff war zu sehen, wie Bolsonaro auf den Schultern seiner Anhänger durch Juiz de Fora getragen wird. Plötzlich zuckt der Politiker zusammen und krümmt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht. Es ist eine Klinge zu erkennen, die vom Körper weggezogen wird. Zunächst war nur von einer oberflächlichen Wunde die Rede gewesen. «Bedauerlicherweise war es schlimmer, als wir dachten. Auch die Leber, die Lunge und der Darm wurden verletzt. Er verlor viel Blut, erreichte fast tot das Krankenhaus», schrieb Bolsonaros Sohn Flavio auf Twitter. «Sein Zustand scheint nun stabil zu sein. Bitte betet.»

Bolsonaro ist dafür bekannt, dass er gegen Homosexuelle und Schwarze hetzt und die Militärdiktatur (1964-1985) verherrlicht. Immer wieder schockiert er mit Entgleisungen. Einer Politikerin bescheinigte er einmal, sie habe es nicht verdient, vergewaltigt zu werden, «weil sie sehr hässlich ist». Die Anhänger von Lulas linker Arbeiterpartei sollten erschossen werden, sagte er ein anderes Mal.

Der «Trump Brasiliens» mischt zwar schon lange im Politikbetrieb mit, präsentiert sich neuerdings aber als Anti-System-Kandidat. Im Falle eines Wahlsiegs will er Ministerposten mit Militärs besetzen und angesichts der eskalierenden Kriminalität die Bevölkerung bewaffnen.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
07. 09. 2018
12:27 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Arbeiterparteien Attentate Darm Dilma Rousseff Homosexuelle James Alix Michel Luiz Inácio Lula da Silva Marina Silva Michel Temer Polizei Präsidentschaftsbewerber Rechtsradikalismus Twitter Umfragen Verbrechen und Kriminalität Wahlkampf
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Wahlen in Brasilien

28.10.2018

Rechtspopulist Bolsonaro gewinnt Wahl in Brasilien

Die Brasilianer haben die Nase voll von Korruption und Gewalt. Diese Wechselstimmung hat den Rechtspopulisten Bolsonaro ins höchste Staatsamt getragen. Seine Anhänger feiern ihn als Retter - seine Gegner sehen in ihm ein... » mehr

«Er nicht»

29.10.2018

Ultrarechter Bolsonaro wird neuer Präsident Brasiliens

Die Wut ist groß in Brasilien - Wut auf die korrupte Politikerkaste, die nichts gegen Gewalt, Elend und Armut im Alltag zu tun gedenkt. Jetzt soll es ein Mann richten, der bis vor kurzem noch ein skurriler Hinterbänkler ... » mehr

Wahlen in Brasilien

09.10.2018

«Tropen-Trump» triumphiert in Brasilien

Die Brasilianer haben die Nase voll von Korruption, Gewalt und Misswirtschaft. Der ultrarechte Ex-Militär Jair Bolsonaro will mit harter Hand durchgreifen. Mit seinen frauenfeindlichen Sprüchen und seiner Sympathie für d... » mehr

«Frauen gegen Bolsonaro»

30.09.2018

Proteste gegen Präsidentschaftskandidaten Bolsonaro

«Ele não» - alle, nur nicht Jair Bolsonaro - eine Woche vor der Präsidentenwahl in Brasilien demonstrieren Zehntausende gegen den Ex-Militär. In Umfragen liegt er trotzdem vorne. Bolsonaro kann derweil das Krankenhaus ve... » mehr

Nach der Wahl in Brasilien

30.10.2018

Brasilien: Korruptionsermittler soll Justizminister werden

Im Wahlkampf hat der Rechtspopulist Bolsonaro ordentlich auf den Putz gehauen. Jetzt muss er liefern. Seine Wähler erwarten einen echten politischen Wandel im größten Land Lateinamerikas. Es gibt erste Hinweise, wohin di... » mehr

FBI im Einsatz

28.10.2018

Erst Rohrbomben, dann Antisemitismus: USA in Schockstarre

Eine Woche lang lähmten die Rohrbomben eines Trump-Fanatikers die USA. Kaum ist der Täter gefasst, erschießt ein Antisemit elf Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Pittsburgh. Eine Woche vor einer wegweisenden Wahl befin... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Kita Sachsenbrunn Sachsenbrunn

Bewegungsfreundliche Kita | 14.11.2018 Sachsenbrunn
» 25 Bilder ansehen

US-Airforce in Erfurt gelandet Erfurt

Airforce-Flieger landet in Erfurt | 13.11.2018 Erfurt
» 8 Bilder ansehen

Konzert Julia Engelmann in Erfurt Erfurt

Julia Engelmann in Erfurt | 12.11.2018 Erfurt
» 16 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
07. 09. 2018
12:27 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".