Lade Login-Box.
Topthemen: Gebietsreform: Das ändert sich in SüdthüringenMobilität und EnergieFußball-Tabellen

Brennpunkte

9. November: Judenhass, Mauerfall und Geburt der Republik

Vor 80 Jahren wurden Synagogen und Geschäfte verwüstet, tausende Juden deportiert - die Pogromnacht war die Vorstufe zum Holocaust. Aber der 9. November ist auch ein Meilenstein für Freiheit und Demokratie. Schwieriges Erinnern, auch wegen beklemmender Aktualität.



Grenzübergang
DDR-Bürger strömen durch den neuen Grenzübergang an der Bernauer Straße in den Westteil Berlins.   Foto: Wolfgang Kumm » zu den Bildern

Der 9. November steht wie kein anderer Tag für die widersprüchliche deutsche Geschichte, für antisemitischen Hass und rechtsextreme Gewalt, aber auch für demokratischen Aufbruch und die Öffnung der deutsch-deutschen Grenze.

Die Spitzen des Staates gedachten am Freitag der Ausrufung der Republik vor 100 Jahren ebenso wie der Pogromnacht von 1938 und des Falls der Mauer 1989.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier forderte einen «demokratischen Patriotismus», Kanzlerin Angela Merkel warnte vor zunehmendem Judenhass, und der Zentralrat der Juden machte die AfD für Attacken und Hetze gegen jüdische Menschen, Muslime und Flüchtlinge mitverantwortlich.

Im Bundestag warb Steinmeier dafür, der Novemberrevolution von 1918 endlich den Platz zu geben, der ihr gebühre. Der 9. November 1918, als der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann vom Berliner Reichstagsgebäude aus die Republik ausrief, sei ein historischer «Meilenstein», aber leider immer noch «ein Stiefkind unserer Demokratiegeschichte».

Viel Beifall erhielt das Staatsoberhaupt, als er mit Blick auf rechtsextreme Proteste die deutschen Nationalfarben für die Demokratie reklamierte. «Wer heute Menschenrechte und Demokratie verächtlich macht, wer alten nationalistischen Hass wieder anfacht, der hat gewiss kein historisches Recht auf Schwarz-Rot-Gold.»

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble sagte zur Bedeutung des 9. Novembers: «An diesem Datum verdichtet sich unsere jüngere Geschichte in ihrer Ambivalenz, mit ihren Widersprüchen und Gegensätzen.» Und er fügte hinzu: «Das Tragische und das Glück, der vergebliche Versuch und das Gelingen, Freude und Schuld: All das gehört zusammen. Untrennbar.»

Auch Steinmeier benannte Widersprüche und Konflikte: «Wir können stolz sein auf die Traditionen von Freiheit und Demokratie, ohne den Blick auf den Abgrund der Shoa zu verdrängen», sagte er und erinnerte auch an den Fall der Mauer 1989 - «den glücklichsten 9. November in unserer Geschichte».

Es bleibe aber die «schwierigste und schmerzhafteste Frage», wie wenige Jahre nach dem demokratischen Aufbruch 1918 Feinde der Demokratie Wahlen gewinnen konnten, das deutsche Volk seine europäischen Nachbarn mit Krieg und Vernichtung überzog und «jüdische Familien in Viehwagen pferchte und Eltern mit ihren Kindern in Gaskammern schickte.»

Ohne sie direkt zu nennen, griff Zentralratspräsident Josef Schuster die AfD scharf an. Eine Partei, die im Bundestag am ganz äußeren rechten Rand sitzt, habe die Hetze perfektioniert. «Sie sind geistige Brandstifter», sagte er bei der Gedenkstunde an die Pogromnacht von 1938 in der Berliner Synagoge Rykestraße. In der «Passauer Neuen Presse» wurde er noch deutlicher: «Die AfD leistet deutlich einer Enthemmung Vorschub und duldet Antisemitismus und Rassismus in ihren eigenen Reihen.»

Am 9. November 1938 hatten die Nationalsozialisten den Befehl für einen inszenierten «Volkszorn» gegen die Juden in ganz Deutschland ausgegeben. Tausende Synagogen und Geschäfte wurden angezündet und geplündert, Zehntausende Juden gedemütigt und deportiert. Wie viele Menschen starben, ist unklar. Die Pogrome gelten als Beginn der systematischen Verfolgung und Vernichtung der Juden in Deutschland.

Merkel begrüßte ebenso wie Steinmeier, dass es in Deutschland heute wieder jüdisches Leben gibt. «Doch zugleich erleben wir einen besorgniserregenden Antisemitismus, der jüdisches Leben in unserem Land und an anderen sicher geglaubten Orten der Welt bedroht.» Sie ging auch auf antisemitische Tendenzen bei Muslimen ein. Der Staat müsse konsequent handeln, «wenn Hass auf Juden und Hass auf Israel, verbal und nonverbal, von in unserem Lande lebenden Menschen ausgeht, die von einem anderen religiösen und kulturellen Hintergrund geprägt worden sind», sagte Merkel.

Leider sei der polizeiliche Schutz jüdischer Einrichtungen zur Gewohnheit geworden. «Aber wir erschrecken uns über Angriffe auf Menschen, die eine Kippa tragen, und stehen fassungslos vor dem rechtsradikal motivierten Angriff auf ein jüdisches Restaurant im August dieses Jahres in Chemnitz.» Diese Form antisemitischer Straftaten wecke «schlimme Erinnerungen an den Beginn der Judenverfolgung in den 30er Jahren», sagte die Kanzlerin.

Am 29. Jahrestag des Mauerfalls wurde in Berlin auch an die Opfer der deutschen Teilung erinnert. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller warnte vor einer neuen Spaltung der Gesellschaft. Mit dem Fall der Mauer habe Deutschland den Weg zur Einheit im Namen von Demokratie, Freiheit und Rechtsstaat beschritten. «Deutschland ist ein vereintes Land, das sich als Garant der Menschenrechte begreift. Das soll und muss auch so bleiben», sagte Müller. Die deutsche Teilung dauerte mehr als 28 Jahre. Allein in Berlin starben nach dem Mauerbau vom 13. August 1961 mindestens 140 Menschen durch das DDR-Grenzregime.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
09. 11. 2018
16:47 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Alternative für Deutschland Antisemitismus Bundeskanzlerin Angela Merkel Demokratie Deportationen Deutscher Bundestag Facebook Frank-Walter Steinmeier Hass Josef Schuster Juden Judentum Mauerfall Michael Müller Philipp Scheidemann Polizei Republik SPD Schwangerschaft und Geburt Synagogen Wolfgang Schäuble Zentralrat der Juden in Deutschland
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Mann mit Kippa

28.05.2019

Antisemitismus-Beauftragter ruft zum Kippa-Tragen auf

Kippa-Tragen als Zeichen gegen Intoleranz und als Zeichen der Solidarität - schlägt der Antisemitismusbeauftragte Klein vor. Zentralratspräsident Schuster rät zur Vorsicht. Mit einer speziellen Forderung melden sich Rabb... » mehr

Vor dem Kirchentag

19.06.2019

Steinmeier wirbt für mehr Einmischung

Mit viel Prominenz hat der Evangelische Kirchentag in Dortmund begonnen. Er rückt das Vertrauen, das vielen in der Gesellschaft abhanden gekommen ist, in den Fokus. Und schon an Tag eins gibt es klare politische Botschaf... » mehr

Kippaträger

26.05.2019

Antisemitismusbeauftragter: Kippa nicht überall tragen

Die Zahl antisemitischer Straftaten ist bundesweit stark gestiegen. Wer eine Kippa trägt, setzt sich mancherorts einem Risiko aus. Das dürfe nicht so bleiben, fordern Vertreter der Juden hierzulande. Auch der israelische... » mehr

Kippa

01.06.2019

Proteste gegen Al-Kuds-Marsch in Berlin

Der Marsch radikal-islamischer Gruppen in Berlin ruft lautstarke Proteste auf den Plan - sowohl auf der Straße als auch von Organisationen. Politiker warnen vor erstarkendem Antisemitismus. » mehr

Internationaler Holocaust-Gedenktag

27.01.2019

Holocaust-Gedenktag: Mahnung gegen Rassenwahn und Hass

Zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus mahnt nicht nur die Kanzlerin zum Aufstehen gegen Antisemitismus. Außenminister Maas regt einen neuen Umgang bei der Vermittlung der NS-Verbrechen an. » mehr

Rolf Mützenich

04.06.2019

Kommissarischer SPD-Fraktionschef bekennt sich zur GroKo

Zweiter Teil des Rückzugs: Nach der Verabschiedung aus dem Parteivorstand sagt Andrea Nahles auch in der SPD-Bundestagsfraktion «good bye». Der Koalitionspartner CDU/CSU verlangt ein Bekenntnis zur Arbeit der GroKo. Er b... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

300 Jahre Kirmes Empfertshausen Empfertshausen

300 Jahre Kirmes Empfertshausen | 21.07.2019 Empfertshausen
» 136 Bilder ansehen

Werratal-Triathlon Breitungen

Werratal-Triathlon | 21.07.2019 Breitungen
» 44 Bilder ansehen

Motorrad Unfall Ratscher Heckengereuth

Motorradunfall Ratscher | 21.07.2019 Heckengereuth
» 5 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
09. 11. 2018
16:47 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".