Lade Login-Box.
Topthemen: Landtagswahl 2019Freies Wort hilftFolgen Sie uns auf InstagramSport-Tabellen

Brennpunkte

9. November: Judenhass, Mauerfall und Geburt der Republik

Vor 80 Jahren wurden Synagogen und Geschäfte verwüstet, tausende Juden deportiert - die Pogromnacht war die Vorstufe zum Holocaust. Aber der 9. November ist auch ein Meilenstein für Freiheit und Demokratie. Schwieriges Erinnern, auch wegen beklemmender Aktualität.



Grenzübergang
DDR-Bürger strömen durch den neuen Grenzübergang an der Bernauer Straße in den Westteil Berlins.   Foto: Wolfgang Kumm » zu den Bildern

Der 9. November steht wie kein anderer Tag für die widersprüchliche deutsche Geschichte, für antisemitischen Hass und rechtsextreme Gewalt, aber auch für demokratischen Aufbruch und die Öffnung der deutsch-deutschen Grenze.

Die Spitzen des Staates gedachten am Freitag der Ausrufung der Republik vor 100 Jahren ebenso wie der Pogromnacht von 1938 und des Falls der Mauer 1989.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier forderte einen «demokratischen Patriotismus», Kanzlerin Angela Merkel warnte vor zunehmendem Judenhass, und der Zentralrat der Juden machte die AfD für Attacken und Hetze gegen jüdische Menschen, Muslime und Flüchtlinge mitverantwortlich.

Im Bundestag warb Steinmeier dafür, der Novemberrevolution von 1918 endlich den Platz zu geben, der ihr gebühre. Der 9. November 1918, als der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann vom Berliner Reichstagsgebäude aus die Republik ausrief, sei ein historischer «Meilenstein», aber leider immer noch «ein Stiefkind unserer Demokratiegeschichte».

Viel Beifall erhielt das Staatsoberhaupt, als er mit Blick auf rechtsextreme Proteste die deutschen Nationalfarben für die Demokratie reklamierte. «Wer heute Menschenrechte und Demokratie verächtlich macht, wer alten nationalistischen Hass wieder anfacht, der hat gewiss kein historisches Recht auf Schwarz-Rot-Gold.»

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble sagte zur Bedeutung des 9. Novembers: «An diesem Datum verdichtet sich unsere jüngere Geschichte in ihrer Ambivalenz, mit ihren Widersprüchen und Gegensätzen.» Und er fügte hinzu: «Das Tragische und das Glück, der vergebliche Versuch und das Gelingen, Freude und Schuld: All das gehört zusammen. Untrennbar.»

Auch Steinmeier benannte Widersprüche und Konflikte: «Wir können stolz sein auf die Traditionen von Freiheit und Demokratie, ohne den Blick auf den Abgrund der Shoa zu verdrängen», sagte er und erinnerte auch an den Fall der Mauer 1989 - «den glücklichsten 9. November in unserer Geschichte».

Es bleibe aber die «schwierigste und schmerzhafteste Frage», wie wenige Jahre nach dem demokratischen Aufbruch 1918 Feinde der Demokratie Wahlen gewinnen konnten, das deutsche Volk seine europäischen Nachbarn mit Krieg und Vernichtung überzog und «jüdische Familien in Viehwagen pferchte und Eltern mit ihren Kindern in Gaskammern schickte.»

Ohne sie direkt zu nennen, griff Zentralratspräsident Josef Schuster die AfD scharf an. Eine Partei, die im Bundestag am ganz äußeren rechten Rand sitzt, habe die Hetze perfektioniert. «Sie sind geistige Brandstifter», sagte er bei der Gedenkstunde an die Pogromnacht von 1938 in der Berliner Synagoge Rykestraße. In der «Passauer Neuen Presse» wurde er noch deutlicher: «Die AfD leistet deutlich einer Enthemmung Vorschub und duldet Antisemitismus und Rassismus in ihren eigenen Reihen.»

Am 9. November 1938 hatten die Nationalsozialisten den Befehl für einen inszenierten «Volkszorn» gegen die Juden in ganz Deutschland ausgegeben. Tausende Synagogen und Geschäfte wurden angezündet und geplündert, Zehntausende Juden gedemütigt und deportiert. Wie viele Menschen starben, ist unklar. Die Pogrome gelten als Beginn der systematischen Verfolgung und Vernichtung der Juden in Deutschland.

Merkel begrüßte ebenso wie Steinmeier, dass es in Deutschland heute wieder jüdisches Leben gibt. «Doch zugleich erleben wir einen besorgniserregenden Antisemitismus, der jüdisches Leben in unserem Land und an anderen sicher geglaubten Orten der Welt bedroht.» Sie ging auch auf antisemitische Tendenzen bei Muslimen ein. Der Staat müsse konsequent handeln, «wenn Hass auf Juden und Hass auf Israel, verbal und nonverbal, von in unserem Lande lebenden Menschen ausgeht, die von einem anderen religiösen und kulturellen Hintergrund geprägt worden sind», sagte Merkel.

Leider sei der polizeiliche Schutz jüdischer Einrichtungen zur Gewohnheit geworden. «Aber wir erschrecken uns über Angriffe auf Menschen, die eine Kippa tragen, und stehen fassungslos vor dem rechtsradikal motivierten Angriff auf ein jüdisches Restaurant im August dieses Jahres in Chemnitz.» Diese Form antisemitischer Straftaten wecke «schlimme Erinnerungen an den Beginn der Judenverfolgung in den 30er Jahren», sagte die Kanzlerin.

Am 29. Jahrestag des Mauerfalls wurde in Berlin auch an die Opfer der deutschen Teilung erinnert. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller warnte vor einer neuen Spaltung der Gesellschaft. Mit dem Fall der Mauer habe Deutschland den Weg zur Einheit im Namen von Demokratie, Freiheit und Rechtsstaat beschritten. «Deutschland ist ein vereintes Land, das sich als Garant der Menschenrechte begreift. Das soll und muss auch so bleiben», sagte Müller. Die deutsche Teilung dauerte mehr als 28 Jahre. Allein in Berlin starben nach dem Mauerbau vom 13. August 1961 mindestens 140 Menschen durch das DDR-Grenzregime.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
09. 11. 2018
16:47 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Alternative für Deutschland Antisemitismus Bundeskanzlerin Angela Merkel Demokratie Deportationen Deutscher Bundestag Facebook Frank-Walter Steinmeier Hass Josef Schuster Juden Judentum Mauerfall Michael Müller Philipp Scheidemann Polizei Republik SPD Schwangerschaft und Geburt Synagogen Wolfgang Schäuble Zentralrat der Juden in Deutschland
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Einsatz in Halle

09.10.2019

Rechtsextremist wollte Massaker in Halle anrichten

Die jüdische Gemeinde in Halle entgeht nur knapp einer Katastrophe. Ein Attentäter will das Gotteshaus stürmen, scheitert aber. Dann erschießt er zwei Menschen vor der Synagoge und in einem Döner-Laden. Es soll ein 27-jä... » mehr

Mutmaßlicher Täter

10.10.2019

Seehofer garantiert Juden nach Anschlag Sicherheit

Vier Schusswaffen, Sprengsätze, Bekennervideo und ein «Manifest». Für die Ermittler gibt es keinen Zweifel: Der rechtsextremistische Schütze von Halle plante ein Massaker in der Synagoge mit weltweiter Wirkung. Und die B... » mehr

«Unteilbar»-Demonstration

13.10.2019

Nach Terror in Halle: Tausende setzen ein Zeichen

Der antisemitische Terroranschlag von Halle hat Entsetzen ausgelöst. Vielerorts in Deutschland gehen die Menschen aus Protest gegen rechte Gewalt auf die Straße, viele mit Israel-Flaggen. Doch wie reagiert die Politik? » mehr

Synagoge

12.10.2019

Terroranschlag von Halle: Attentäter legt Geständnis ab

Die Bluttat von Halle sorgt für Bestürzung über Deutschland hinaus. In seinen Vernehmungen erweist sich Stephan B. als redselig - und bestätigt den Verdacht eines rechtsextremistischen Motivs. » mehr

Andreas Geisel

14.08.2019

Jüdischer Mann in Berlin attackiert

Wieder soll es in Berlin eine antisemitische Attacke gegeben haben. Innensenator Geisel plant einen Antisemitismus-Beauftragten - und einen Runden Tisch. » mehr

AfD-Wahlkampf

18.08.2019

Zentralrat: Teile der AfD entwickeln sich ins Völkische

Der Zentralrat der Juden blickt mit Sorge auf Entwicklungen in der rechtspopulistischen Partei und warnt andere Politiker vor Koalitionen - etwa in Ostdeutschland. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Unfall B 281 Sachsenbrunn Sachsenbrunn

Unfall B281 Sachsenbrunn | 16.10.2019 Sachsenbrunn
» 14 Bilder ansehen

Gebäudebrand Merbelsrod Merbelsrod

Gebäudebrand Merbelsrod | 15.10.2019 Merbelsrod
» 14 Bilder ansehen

Ausschreitung Asylheim Suhl Suhl

Ausschreitung Asylheim Suhl | 15.10.2019 Suhl
» 11 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
09. 11. 2018
16:47 Uhr



^