Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Podcast: Offen gesagt#GemeinsamHandelnCoronavirus in ThüringenCorona-Hilfsbörse

Boulevard

Wie geht es weiter auf dem Grünen Hügel?

Die Erkrankung von Katharina Wagner trifft die Bayreuther Festspiele in einer Zeit, in der endlich mehr als nur ein Hauch von Aufbruch wehte auf dem Grünen Hügel. Dass die Chefin pausieren muss, sorgt für eine nie dagewesene Situation.



Katharina Wagner
Die künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin der Bayreuther Festspiele, Katharina Wagner, ist längerfristig krank.   Foto: Nicolas Armer/dpa

Es war die kulturelle Schocknachricht der Woche: Katharina Wagner, die Chefin der Bayreuther Festspiele, muss ihr Amt «bis auf Weiteres» aus gesundheitlichen Gründen ruhen lassen.

Nach der Absage der Festspiele wegen der Corona-Pandemie ist es die zweite große schlechte Nachricht aus Bayreuth in diesem Jahr.

Bis Richard Wagners Urenkelin hoffentlich bald wieder genesen zurückkehrt auf den Grünen Hügel, ist dort nun eine Situation entstanden, die es noch nie gab: Zum ersten Mal in der Geschichte des wohl größten deutschen Opernspektakels steht derzeit kein Wagner an seiner Spitze.

Bislang war die Leitung fest in Familienhand - angefangen mit dem Meister selbst. Richard Wagner (1813-1883) setzte sich schon zu Lebzeiten ein Denkmal mit Opernspielen ihm zu Ehren. Nach seinem Tod übernahm seine zweite Frau Cosima das Zepter. Nach ihrem Tod war dann der gemeinsame Sohn Siegfried an der Reihe und nach dessen Tod wiederum seine Frau Winifred. Als glühende Verehrerin Adolf Hitlers war sie maßgeblich dafür verantwortlich, dass ihre Söhne Wieland und Wolfgang nach dem Zweiten Weltkrieg viel Zeit und Energie aufbringen mussten, um den braunen Dunst, der den Grünen Hügel seither umgab, zu vertreiben.

Mit Wieland und Wolfgang begann 1951 - nach einer Pause von sieben Jahren - «Neu-Bayreuth». Wieland galt dabei als künstlerisches Mastermind, Wolfgang eher als Geschäftsmann. Eine Konstellation, die sich nach Wielands frühem Tod 1966 zu einer gepflegten Familienfehde zwischen den beiden Wagner-Stämmen hochschaukelte.

Wolfgang Wagner war fast 90 Jahre alt, als er die Macht 2008, nach 57 Jahren, an seine Wunschnachfolgerin, Tochter Katharina, und deren ältere Halbschwester Eva Wagner-Pasquier abgeben konnte. Das Schwestern-Duo setzte sich damals gegen ihre Cousine Nike Wagner durch, die Wortführerin des Wieland-Stammes.

Eine reine Erfolgsgeschichte wurde die Doppelspitze zwar nicht, doch in den vergangenen Jahren wurde es besser - viel viel besser. «Die Meistersinger von Nürnberg» in der Regie von Barrie Kosky wurden hochpolitisch. Yuval Sharons «Lohengrin» sah dank Neo Rauchs spektakulärem Bühnenbild wenigstens toll aus. Und dann kam 2019 der überwältigende neue «Tannhäuser» von Regisseur Tobias Kratzer, der endgültig zeigte, dass ein neuer, bunter, junger Wind weht. Kratzer ließ seine Protagonisten an einer geschlossenen Biogasanlage vorbeiheizen, dem Symbol für die verkorkste «Tannhäuser»-Inszenierung von 2011. Aufbruch als Programm.

Der neue «Ring des Nibelungen», der - so der Plan vor Corona - in diesem Jahr auf die Bühne kommen sollte, sollte da anknüpfen. Ein junges Team um den österreichischen Regisseur Valentin Schwarz wurde engagiert. Ein mit Spannung erwartetes Wagnis. Nach mehr als einem Jahrzehnt an der Spitze der Festspiele - so schien es - hatte Katharina Wagner sich endlich vom übermächtigen Schatten ihres Vaters befreit und war bereit, Bayreuth in eine moderne, jüngere Zukunft zu führen. Dass sie jetzt von einer Krankheit ausgebremst wird, ist nicht nur für sie selbst tragisch, sondern auch für die Institution der Festspiele.

«Es ist eine künstlerische Vollbremsung sondergleichen», sagte Regisseur Schwarz der dpa, nachdem bekannt wurde, dass sein «Ring» in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie nicht in Bayreuth Premiere feiern wird. «Man nimmt Fahrt auf, fährt über die Autobahn und wird dann plötzlich zum Stillstand gezwungen.» Ähnliches dürfte mit der Erkrankung von Wagner jetzt auch für die Festspiele insgesamt gelten.

Und die Situation wirft noch eine weitere Frage auf: Wie geht es weiter mit dem Einfluss der Familie Wagner, die einst uneingeschränkt herrschte auf dem Grünen Hügel? Das Festspielhaus ist schon seit Jahrzehnten nicht mehr im wagnerischen Besitz - seit es 1973 in die Richard-Wagner-Stiftung überging, in der die Familie heute vier von 24 Stimmen hat.

Ein Familienunternehmen sind die Festspiele schon lange nicht mehr. Seit 1986 sind sie eine GmbH - zuerst mit dem Alleingesellschafter Wolfgang Wagner, seit 2008 mit vier Gesellschaftern: der Bundesrepublik Deutschland, dem Freistaat Bayern, der Stadt Bayreuth und der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth. Katharina Wagner ist heute - gemeinsam mit Holger von Berg und nun auch Heinz-Dieter Sense - lediglich Geschäftsführerin und künstlerische Leiterin in Personalunion. Ihr Vertrag wurde im November 2019 bis 2025 verlängert.

Und danach? Nachdem jahrelang ungeschriebenes Gesetz war, dass ein Wagner an der Spitze stehen muss, ist das inzwischen keine Selbstverständlichkeit mehr - auch weil es so viele Wagners nicht mehr gibt, die Ansprüche auf die Hoheit über den Grünen Hügel stellen wollten.

Nach ihrer Niederlage im Kampf um die Festspielleitung 2008 hat Nike Wagner (wird im Juni 75), deren Intendanz des Bonner Beethovenfestes in diesem Jahr ausläuft, sich - von der ein oder anderen Spitze abgesehen - aus den Bayreuther Angelegenheiten ziemlich rausgehalten. Ebenso die Schauspielerin Daphne Wagner (73) oder Ex-Co-Leiterin Eva Wagner-Pasquier (gerade 75 geworden).

Am Zuge wäre dann wohl am ehesten die Ur-Urenkel-Generation, die kaum bekannt ist und aus der - zumindest öffentlich - bislang keine Ansprüche gestellt wurden. Zwingend ist es nicht, dass ein Wagner an der Spitze der Festspiele steht. Alles andere ist aber nur schwer vorstellbar.

Veröffentlicht am:
01. 05. 2020
12:00 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Adolf Hitler Bayreuther Festspiele Beethovenfest Cousinen Deutsche Presseagentur Eva Wagner-Pasquier Familien Grüner Hügel Katharina Wagner Künstlerinnen und Künstler Künstlerische Leiter Nike Nike Wagner Regisseure Richard Wagner Söhne Wolfgang Wagner Österreichische Regisseure
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Nike Wagner

05.06.2020

Nike Wagner: Nochmal Bayreuth? «Um Gotteswillen!»

Sie gilt als geistreiche, scharfzüngige Bayreuth-Kritikerin: Nike Wagner, die Urenkelin Richard Wagers, wird nun 75 Jahre alt - und muss in ihrer letzten Saison als Intendantin des Beethovenfestes auf eine große familiär... » mehr

Valentin Schwarz

05.04.2020

«Ring»-Regisseur: «Ein Jahr ohne Sommer»

Vollbremsung kurz vor dem Ziel: Unmittelbar vor den ersten großen Proben zum neuen Bayreuther «Ring» wird bekannt, dass auch die Festspiele dem Coronavirus zum Opfer fallen. Regisseur Valentin Schwarz hat der dpa erzählt... » mehr

Katharina Wagner

26.05.2020

Genesung von Katharina Wagner wird Monate dauern

Die vergangenen Monate waren turbulent für die Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele - noch turbulenter als sonst. Jetzt gibt es Neuigkeiten von der erkrankten Chefin Katharina Wagner. » mehr

Katharina Wagner

27.04.2020

Katharina Wagner «längerfristig erkrankt»

Ende 2019 erst hat sie ihren Vertrag verlängert - dennoch müssen die Festspiele jetzt erstmal ohne ihre Chefin Katharina Wagner auskommen. Die 41-jährige ist «längerfristig erkrankt». » mehr

Katharina Wagner

12.03.2020

Katharina Wagners «Lohengrin»-Premiere in Barcelona abgesagt

Die Chefin der Bayreuther Festspiele will einen neuen «Lohengrin» auf die Bühne bringen. Allerdings nicht in Bayreuth, sondern rund 1500 Kilometer vom Grünen Hügel entfernt. Doch da macht ihr das Coronavirus erstmal eine... » mehr

Katharina Wagner

15.11.2019

Katharina Wagner bleibt Festspiel-Chefin in Bayreuth

Die Urenkelin bleibt die Chefin: Der Vertrag von Katharina Wagner als Leiterin der Bayreuther Festspiele wird um weitere fünf Jahre verlängert. Damit liegt die Festspielleitung seit mehr als 140 Jahren in der Hand der Ko... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Verkehrsunfall Oberhof Oberhof

Unfall Oberhof | Oberhof
» 6 Bilder ansehen

Verkehrsunfall Hildburghausen Hildburghausen

Verkehrsunfall Hildburghausen | 07.07.2020 Hildburghausen
» 11 Bilder ansehen

Motorradunfall Streufdorf Streufdorf

Motorradunfall Streufdorf | 04.07.2020 Streufdorf
» 7 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
01. 05. 2020
12:00 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.