Lade Login-Box.
Corona Newsletter
Topthemen: Coronavirus in ThüringenCorona-HilfsbörseFreies Wort hilftFolgen Sie uns auf Instagram

Boulevard

US-Justiz stößt bei Harvey Weinstein an Grenze

Kein Fall ist so eng an die MeToo-Bewegung geknüpft wie der von Harvey Weinstein. Der Prozess gegen den einst mächtigen Produzenten hinterlässt Zweifel, wie geeignet Laienrichter in Zeiten maximaler medialer Mobilisierung sind.



Harvey Weinstein
Das Strafmaß gegen Harvey Weinstein wird am 11. März verkündet.   Foto: John Minchillo/AP/dpa

Die Menschen des Staates New York vs. Harvey Weinstein» stand immer wieder auf den großen Bildschirmen im Gerichtssaal 1530 in Manhattan. Die besagten Menschen saßen an der Seite in zwei Reihen, fünf Frauen und sieben Männer.

Sie sprachen nun den einst übermächtigen Weinstein schuldig. Nicht in den schwersten Anklagepunkten, doch trotzdem wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung - er könnte Jahrzehnte hinter Gitter kommen. Das Verfahren aber kämpfte vom ersten Tag an mit einer großen Schwäche: Der maximalen medialen Mobilisierung.

«Wie kann so etwas in Amerika passieren?», sagte Weinstein in Schockstarre nach Angaben seines Anwalts, während er das historische Urteil hörte. Es war das vorläufige Ende eines beispiellosen öffentlichen Kampfes, angefangen vor mehr als zwei Jahren mit Vorwürfen von Frauen aus der Unterhaltungsbranche gegen Weinstein. Unter großem Risiko für sich und ihre Karrieren traten sie in Artikeln des «New Yorkers» und der «New York Times» hervor. Ihre Zahl schwoll bald auf über 80 an.

Doch aus dem Skandal um Weinstein erwuchs etwas noch Größeres: Viele erkannten ihre eigenen Peiniger in den Geschichten wieder, die Weinsteins Opfer erzählten. Der massige Mann mit dem schiefen Gesicht wurde zum Symbol des «raubtierhaften» männlichen Machtmissbrauchs. Und die MeToo-Debatte fand Eingang in Familien, Büros, Sportvereine und bis in die letzten Winkel der Gesellschaft.

Kaum jemand blieb von der umwälzenden Macht der Bewegung mit 19 Millionen #MeToo-Tweets in einem Jahr unbeeindruckt. So gut wie jeder hatte eine Meinung zur neuen Welle im Kampf für Frauenrechte. Ob es nun die blanke Wut vieler gegenüber frauenverachtendem Verhalten war oder ein Unverständnis bei Anderen, von denen einige sich fragten: «Was darf man jetzt eigentlich noch?».

MeToo veränderte nicht nur die USA, sondern die ganze Welt. Und auch, wenn die Prozessbeteiligten den Eindruck vermeiden wollten: Für viele wurde das Verfahren gegen Weinstein zu einem Stresstest der Bewegung.

Der Fall von Harvey Weinstein brachte die US-Justiz dabei an ihre Grenzen. Idealerweise stehen Juroren den Inhalten eines Gerichtsverfahrens mit größtmöglicher Neutralität gegenüber und sind für Argumente von Anklage und Verteidigung gleichermaßen offen - das schien in diesem Fall in New York kaum möglich. Wie tief MeToo in die Gesellschaft vorgedrungen war, zeigte sich auch, als sich potenzielle Geschworene bei der Jury-Auswahl reihenweise für befangen erklärten.

Proteste und Gesänge von Aktivisten waren bis in den Gerichtssaal im 15. Stock hinein zu hören. Weinsteins Verteidiger argumentierten, dass bei einer Atmosphäre wie in einem «Zirkus» kein unparteiischer Prozess möglich sei. Ihr Antrag zur Verlegung aus der Stadt heraus wurde von Richter James Burke zurückgewiesen. Der schärfte den gewählten Juroren ein: «Dieser Prozess ist kein Referendum über die MeToo-Bewegung».

Weinstein-Chefanwältin Donna Rotunno sprach die Jury in einem umstrittenen Kommentar für das US-Magazin «Newsweek» direkt an. Sie bemängelte die angebliche Parteilichkeit der Medien und bezweifelte, dass die Juroren sich vom Sog ihrer Berichterstattung fernhalten konnten: «Glaubt jemand in einem hochkarätigen Fall wie dem von Harvey Weinstein wirklich, dass dies realistisch möglich ist?»

Nun kann man den fünf Frauen und sieben Männern der Jury nicht vorwerfen, dass sie es sich leicht gemacht hätten. Eine ihrer Anfragen am Freitagnachmittag offenbarte, dass sie bei den beiden schwersten Vorwürfen mit sich rangen. Am Ende stand der Schuldspruch in zwei Fällen, ein Freispruch in dreien.

Auch die Reaktionen offenbarten das immense Spannungsfeld, in dem die Entscheidung getroffen wurde. Während die Verteidigung in ihrer angekündigten Berufung die Neutralität des Gerichts anzweifeln dürfte, kritisierten mutmaßliche Opfer Weinsteins - darunter prominente Schauspielerinnen wie Ashley Judd und Rosanna Arquette -, dass Weinstein nicht in allen Punkten schuldig gesprochen wurde.

Das Urteil ist trotzdem ein großer Sieg und Meilenstein für sie, die MeToo-Bewegung und Opfer sexueller Gewalt. Außerhalb des Gerichtssaals hatte die Gesellschaft Weinstein auch angesichts der überwältigenden Zahl von Frauen, die ihn überzeugend beschuldigten, schon längst gerichtet. Dass er seine Machtposition schamlos ausnutzte, um junge Frauen dazu zu bringen, mit ihm zu schlafen, ist unbestritten. Doch moralische Schuld war und ist nicht gleichzusetzen mit der juristischen.

In den vergangen Wochen ging es darum, ob die Vorwürfe auch in den engen Grenzen einer Anklage vor Gericht bestehen könnten. Die Staatsanwaltschaft kam mit der Anklage auch einem riesigen öffentlichen Druck nach. Ihr Vorgehen war risikoreich: Die Anschuldigungen vieler Frauen konnten aus verfahrenstechnischen Gründen nicht Teil des Prozesses sein - übrig blieben sechs mutmaßliche Opfer. Dazu kam die Schwierigkeit, eine Jury von sexuellen Übergriffen nur anhand von Zeugenaussagen zu überzeugen.

In zwei Anklagepunkten schafften die Staatsanwältinnen Joan Illuzzi und Meghan Hast das trotzdem - ein auch rechtlich historischer Sieg.

Veröffentlicht am:
25. 02. 2020
11:05 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Ashley Judd Frauen Frauenrechte Gerichtsprozesse und Gerichtsverfahren Harvey Weinstein MeToo Schauspielerinnen Sexualdelikte und Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung Sexuelle Nötigung Staatsanwaltschaft Staatsanwälte Vergewaltigung
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Harvey Weinstein

25.02.2020

MeToo-Bewegung feiert Weinstein-Verurteilung

Der Fall Weinstein setzte die weltweite MeToo-Bewegung in Gang. Rund zwei Jahre später hat eine Jury in New York den einstigen Filmmogul nun der Sexualverbrechen schuldig gesprochen - wenn auch nicht in allen Anklagepunk... » mehr

Ex-Filmmogul

06.01.2020

Weinsteins Mitleidsmasche? Ex-Filmmogul vor Gericht

Schwere Vorwürfe sexueller Belästigung gegen Harvey Weinstein lösten vor mehr als zwei Jahren die MeToo-Bewegung aus. Jetzt hat in New York der Prozess gegen den früheren Hollywood-Mogul begonnen - und er schien es zu Be... » mehr

Harvey Weinstein

06.03.2020

Harvey Weinstein nach Herz-Operation im Gefängnis

Nach dem Schuldspruch kam er ins Krankenhaus. Jetzt erholt sich Harvey Weinstein von seiner Herz-OP und wartet auf die Verkündigung des Strafmaßes. Ihm drohen bis zu 29 Jahre Haft. » mehr

Weinstein-Prozess

22.02.2020

Jury im Weinstein-Prozess anscheinend uneins

Ist Harvey Weinstein des «raubtierhaften sexuellen Angriffs» schuldig? Bei den schwersten Anklagepunkten, die ihm lebenslange Haft einbringen könnten, scheint die Jury nicht einig. » mehr

Elisabeth Moss

15.03.2020

Elisabeth Moss hat feministische Wurzeln

In den letzten Jahren ist einiges in Bewegung gekommen. Schauspielerin Elisabeth Moss positioniert sich eindeutig. » mehr

Harvey Weinstein

21.01.2020

Weinstein-Prozess: Worauf es jetzt ankommt

Die Jury steht nach komplizierter Geschworenensuche. Im Prozess gegen Harvey Weinstein wegen Sexualverbrechen geht es jetzt richtig los. Einige befürchten eine Schlammschlacht. Die wichtigsten Fragen. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Sperrung vor Neustadt am Rennsteig Neustadt am Rennsteig

Sperrung Neustadt am Rennsteig | 23.03.2020 Neustadt am Rennsteig
» 4 Bilder ansehen

Brand in Katzhütte Katzhütte

Brand Katzhütte | 23.03.2020 Katzhütte
» 4 Bilder ansehen

inbound3887575027251749210

#Ichbleibdaheim |
» 8 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
25. 02. 2020
11:05 Uhr



^