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Tote Römer, schön gestapelt: Schaudern in der Knochenkammer

Hunderte Schädel, Tausende Knochen... eine uralte Kölner Kirche wartet mit Makaberem auf. Am bekanntesten ist das größte Beinhaus nördlich der Alpen allerdings für eine bestimmte Art von Lächeln.



Knochenkammer
Gebeine bis unter die Decke.   Foto: Oliver Berg » zu den Bildern

Wenige Schritte vom Kölner Hauptbahnhof entfernt kann man unvermutet in eine andere Welt stolpern. In der 900 Jahre alten Kirche St. Ursula tut sich das größte Beinhaus nördlich der Alpen auf.

800 Totenschädel und Abertausende Knochen sind bis unter die Decke gestapelt und mit barockem Schmuck verziert. Ein unglaublicher Anblick, gerade wenn dann auch noch Sonnenlicht durch die Fenster fällt und alles mit einem goldenen Schein überzieht. Dann versteht man sehr gut, warum der Raum seit Jahrhunderten «die Goldene Kammer» genannt wird.

Anna Pawlik ist als Konservatorin des Erzbistums Köln für die Kammer zuständig. Die 36-Jährige sagt: «Ich gehe als Wissenschaftlerin natürlich einerseits sehr nüchtern da ran. Aber ich bin auch jedesmal wieder beeindruckt. Wenn Besucher kommen, dann sehe ich dieses Staunen auf ihren Gesichtern, verbunden mit ein bisschen Grusel. So müssen sich schon die Besucher vor 200 Jahren gefühlt haben. Ich empfinde das hier als Schlüsselloch in die Vergangenheit.»

Die Schädel und Knochen sind Überreste von Menschen, die vor etwa 2000 Jahren gelebt haben. Römische Legionäre dürften dabei sein, ebenso wie Germanen, die sich im damaligen «Colonia» angesiedelt hatten. Vielleicht sind auch maurische Sklaven darunter, Kaufleute vom Mittelmeer oder Gladiatoren aus Spanien. Das römische Köln war eine kosmopolitische Stadt mit Zuwanderern aus dem ganzen Imperium.

Sie alle wurden einst außerhalb der Stadtmauern begraben. Gut 1000 Jahre später, im Mittelalter, vergrößerte sich Köln und schluckte das Gebiet des ehemaligen römischen Friedhofs. Bei Bauarbeiten kamen die Knochen zutage. Sie wurden jetzt allerdings nicht mehr den Römern zugeordnet, sondern in Zusammenhang mit einer christlichen Legende gebracht: Demnach war die Heilige Ursula, eine englische Prinzessin, auf dem Rückweg von einer Pilgerreise nach Rom vor den Toren Kölns von wilden Hunnen überfallen und niedergemetzelt worden. Angeblich wurde sie dabei von 11.000 Jungfrauen begleitet. Also war doch klar, wie man sich die vielen Knochen erklären musste: Es waren die Überreste der christlichen Märtyrerinnen!

«Diese Ursula-Reliquien sind dann zu absoluten Exportschlagern geworden», erklärt Anna Pawlik. «Pilger haben sie als Souvenir mitgenommen.» Für jeden Geldbeutel war knochenmäßig etwas dabei. Wer richtig reich war, erwarb sein Mitbringsel in einer ganz besonderen Verpackung: Diese bestand aus einer kunstvollen Büste, die Kopf und Oberkörper einer jungen Frau mit goldenem Haar darstellte. Klappte man die Schädeldecke auf, kam darunter der echte Schädel zum Vorschein - die eigentliche Reliquie. In der Goldenen Kammer befinden sich heute über 100 dieser Kostbarkeiten.

Alle Büsten zeigen lächelnde Frauen - höchst ungewöhnlich: «In der mittelalterlichen Kunst wird eigentlich selten gelächelt», sagt Pawlik. Es ging ernst zu. «Aber diese Damen hier strahlen eine unheimliche Herzenswärme aus.» Es ist ein ganz besonderes Lächeln: Früher nannte man es «selig», heute würde man vielleicht sagen: in sich ruhend, relaxt. Die Jungfrauen waren nach christlicher Überlieferung voller Zuversicht auf ein Weiterleben im Himmel in den Tod gegangen. Die Büsten fanden so weite Verbreitung, dass sich in ganz Europa der Begriff «Kölner Lächeln» etablierte.

Im 17. Jahrhundert ermöglichte ein reicher Spender mitten im Dreißigjährigen Krieg den Aufbau der Goldenen Kammer. «Es ist die größte Reliquienkammer der Welt, ein barockes Gesamtkunstwerk», sagt Pawlik. «Aus Reiseberichten wissen wir, dass sie einen ungeheuren Eindruck gemacht hat. Es war die zweitgrößte Touristenattraktion nach dem Dom.» Vor allem englische Reisende steuerten die Kammer an, weil die Heilige Ursula ja von der Insel stammte.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Innenstadt von Köln zu 90 Prozent zerstört - aber die Goldene Kammer blieb verschont. «Für mich ist das ein Wunder», sagt Anna Pawlik. «Aber gut, so viele Heilige an einem Ort - da sind alle Bomben dran vorbeigefallen.» Während sie das sagt, umspielt ein Lächeln ihre Lippen. Ein echtes Kölner Lächeln.

Veröffentlicht am:
22. 04. 2019
18:26 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
22. 04. 2019
18:26 Uhr



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