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Boulevard

Torsten Rohdes Twitter-Oma stürmt die Charts

Renate Bergmann aus Spandau ist als Twitter-Oma eine Institution. Die Kunstfigur stürmt auch Bestseller-Listen. Autor Torsten Rohde weiß alles über sie - auch die Gemeinsamkeiten mit Pippi Langstrumpf.



Torsten Rohde
Torsten Rohde hat Renate Bergmann erfunden.   Foto: Carsten Koall/dpa

Wenn Renate Bergmann sich morgens nicht meldet, wollen Twitter-Fans gleich den Pflegedienst schicken. «Das ist ein bisschen anstrengend», sagt Torsten Rohde.

Der 45-Jährige ist der geistige Vater der 82 Jahre alten Renate Bergmann. Rohde setzt deswegen immer schon früh einen Morgengruß an die mehr als 55.000 Follower ab.

In sieben Jahren hat sich die Kunstfigur @RenateBergmann einen Kultstatus ertwittert. Ihre Bücher sind in den Bestseller-Listen zu finden. Der gerade erschienene jüngste Corona-Band «Dann bleiben wir eben zu Hause!» schaffte es sogar an die Spitze der Verkaufscharts.

Die Eckdaten sind schnell erzählt: Renate Bergmann (geb. Strelemann), Ost-Vergangenheit, 40 Jahre Reichsbahnerin, lebt in Spandau, war vier Mal verheiratet. Die Verblichenen liegen auf Friedhöfen der Hauptstadt, was die vierfache Witwe entsprechend auf Trab hält. Es gibt eine Tochter im Sauerland, Freunde und einige Bekannte in Berlin. Dank eines Großneffen ist sie netzaffin, hat «Händi» und «Klappcomputer» - und ihren Twitter-Account.

Eckpfeiler seiner Figur tastet Rohde nicht an. Etwa die Altersfrage. «Renate Bergmann wurde auf Twitter mit 82 geboren. Als ich das erste Buch geschrieben habe, war sie selbstverständlich auch 82», erinnert sich der Autor im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Berlin. «Eigentlich müsste sie älter werden. Ich habe aber beschlossen, dass es wie bei Pippi Langstrumpf ist. Die bleibt auch immer ein kleines Mädchen, obwohl sie jetzt 75 ist.»

Eine Weihnachtsfeier brachte Rohde zu seiner Figur. Damals war er noch Buchhalter in seiner Heimatstadt Genthin in Sachsen-Anhalt. Er hielt Freunde per Twitter über Skurrilitäten im Familienkreis auf dem Laufenden. Die amüsierten Tweet-Leser forderten eine Fortsetzung, Renate Bergmann war geboren.

Ähnlich locker lässt Rohde seine Renate twittern. «Es ist tatsächlich alles spontan», versichert er. Er mag zwar bei einer Kunstfigur nicht von Authentizität reden, «aber es muss auch mal ein Fehler drin sein. Man muss auch mal schief liegen oder schlechte Laune haben - das muss irgendwie echt sein.» Deswegen seien die Tweets nicht vorbereitet.

Themen liefern der Alltag («Wer die Fensterrahmen nicht mitputzt wäscht sich auch nur an den Stellen die man sieht.»), Feiertage, Essen («Ich hatte nicht damit gerechnet, dass so viele nicht wissen was «Suppenstock» ist.»), die Friedhofsgänge, das Leben.

Zurückhaltung legt sich Rohde nur politisch auf. Eigentlich. Aber es gibt Grenzen. «Anstand zu haben und gegen rechts zu sein, hat nichts mit Politik zu tun, sondern mit Haltung», sagte Rohde mit Blick auf Rechtsextreme und Verschwörungsgläubige. «Das darf auch eine Kunstfigur. Und das versuche ich, deutlich zu machen.»

So wundert sich Renate Bergmann schon mal, «was manche für Blödsinn ins Interweb schreiben, da kräuselt es einem die Haare». Und twittert Anfang Juni zur Meinungsfreiheit: «Wissen Se, bei uns ist vielleicht nicht alles perfekt. Aber jeder darf sagen, was er denkt, und wenn es so ein Blödsinn ist wie von dem schlechten Sänger oder vom Koch ohne Fleisch. Das halten wir aus, ohne dass die Armee einschreitet. Im Grunde sind wir doch ein prima Land!» Dafür schießt die Zustimmung dann schon mal auf ein Vielfaches der üblichen Herzchen-Werte.

Der rasche Twittererfolg machte die Verlagswelt aufmerksam. Rohde zögerte. «Ich hatte BWL studiert, als Buchhalter in einer Kleinstadt gearbeitet - so etwas wie Bücherschreiben war völlig utopisch und unvorstellbar.» Dann kam «eine Riesenumstellung» von Tweets mit damals noch 160 Zeichen zu «diesem Rechner mit dem weißen Blatt - und das sollte ich voll schreiben?» Das habe er erst lernen müssen.

Zudem konnte die Bergmann da bereits auf eine ereignisreiche Twitter-Zeit zurückblicken. «Als es an das Buch ging, musste ich mir erstmal einen Zeitstrahl machen. So habe ich mir das Universum, was ich da irgendwie schon mal in die Welt geschossen hatte, an die Wand gemalt, damit ich durchblicke und irgendwie eine in sich konsistente Geschichte machen kann.»

Der Erfolg kam schnell: Der Bergmann-Erstling «Ich bin nicht süß, ich hab bloß Zucker» erschien 2014. Schon im Jahr darauf folgten zwei neue Bände der Online-Omi. Inzwischen summiert sich das auf ein gutes Dutzend Bücher, regelmäßig platziert in den Charts. Der im Mai erschienene Band «Dann bleiben wir eben zu Hause!» schaffte es bei «Spiegel» und «Focus» an die Spitze, wurde von «Bunte» ausgezeichnet.

«Das Corona-Buch war tatsächlich ein Schnellschuss», sagt Rohde. In für Verlage und Autoren schwierigen Situation habe das zeitlich super gepasst. Der Buchhandel hatte gerade wieder eröffnet und die Leute suchten vielleicht «nach etwas Neuem und irgendwie was zum Lachen». Der nächste Band liegt schon bereit: «Ans Vorzelt kommen Geranien dran» erscheint am 29. Juni. Renate Bergmann geht dann campen.

Die Online-Omi ist neben Twitter auch auf Facebook und Instagram aktiv. TikTok mit seinen Video-Schnipseln hält Rohde nicht Bergmann-kompatibel. Auf die Theaterbühne hat es eine Version bereits geschafft. Und was ist mit Film? «Es gibt einen Plan», verrät Rohde, «aber das ist alles noch nicht spruchreif.»

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dpa

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Veröffentlicht am:
10. 06. 2020
11:11 Uhr

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