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Schriftsteller und «Fußball-Poet» Ror Wolf gestorben

Ror Wolf ist vor allem für zerschnipselte Zitate von Fußballspielern, Kommentatoren und Zuschauern bekannt. Doch der Autor schuf mit seiner ganz eigenen Sprache viel mehr Texte.



Ror Wolf
Ror Wolf sezierte mit Witz und Können Gedichte, Bild-Collagen und Hörspiele.   Foto: Uwe Anspach/dpa

Seine Montage von Fußball-Hörspielen hat den vielfach ausgezeichneten Schriftsteller Ror Wolf vor allem bekannt gemacht. Er war jedoch weit mehr als ein «Fußball-Poet». Sprachgewaltig und humoristisch sezierte er in Romanen, Gedichten, Bild-Collagen und Hörspielen die Wirklichkeit.

Am Montagabend ist der gebürtige Thüringer im Alter von 87 Jahren nach längerer Krankheit in seiner Wahlheimat Mainz in einem Krankenhaus gestorben. Das berichteten der Frankfurter Schöffling-Verlag und Freunde Wolfs. Zuletzt habe er an einem autobiografischen Text gearbeitet, typischerweise einer Art Collage, heißt es in seinem Freundeskreis.

Die sogenannte Schmach von Córdoba, bei der die deutsche Fußball-Nationalmannschaft 1978 während der Weltmeisterschaft gegen Österreich mit 2:3 unterlag, wurde für Wolf zur Sternstunde. Als einer der ersten Intellektuellen widmete er sich dem Volkssport Fußball - auf seine Weise: Er setzte Kommentarfetzen und Interviewpassagen zu amüsanten Hörspiel-Collagen zusammen. Doch Wolf wirkte auch als Schriftsteller, Lyriker und sogar als bildender Künstler.

Bewegung in die Köpfe brachte er mit seinen Prosa- und Poesie-Texten, die immer wieder die Erwartungshaltung des Lesers brechen und ihn herausfordern. So veröffentlichte er 2012 den Horror-Roman «Die Vorzüge der Dunkelheit», in dem er den Ich-Erzähler auf einen surrealen Streifzug durch Absteigen und Kaschemmen schickt. Auch seine Gedichte sind mal komisch und mal melancholisch, aber fast immer überraschend.

Skurril bis grotesk sind die meisten seiner Bücher. Immer wieder beschäftigte sich Wolf mit der Welt und ihrem Auseinanderdriften von der Wirklichkeit. Eine allgemeinverbindliche Wirklichkeit gebe es für ihn als Autor ohnehin nicht, sagte Wolf. Es zähle vor allem das Erlebte: «Die Realität ist eine Mischung, die im Laufe der Jahre zustande kommt.»

Eine der letzten Auszeichnungen, die Wolf bekam, war 2016 der Schiller-Gedächtnispreis des Landes Baden-Württemberg. Die Jury urteilte: «Für die zersplitterte Gegenwart, in der wir leben, hat Ror Wolf wie kein anderer literarische Formen entwickelt, die mit den tröstlichen Verbindlichkeiten des konventionellen Erzählens nichts zu tun haben.»

Wolf kam 1932 im thüringischen Saalfeld zur Welt. Bevor er 1953 die DDR verließ, arbeitete er zwei Jahre als Bauarbeiter, seine Bewerbungen zum Studium wurden zunächst abgelehnt. 1954 begann er in Frankfurt am Main unter anderem bei Marx Horkheimer und Theodor W. Adorno ein Studium der Literatur, Soziologie und Philosophie. Sein erstes Buch, der Roman «Fortsetzung des Berichts», erschien 1964, eine auf Papier gebrachte Traumlandschaft in Anlehnung an Franz Kafka. Seine unverwechselbare Sprache entwickelte er bereits in Romanen wie «Pilzer und Pelzer» (1967).

Mehr als 30 Mal zog Wolf um. Er wohnte in New York, London, Frankfurt/Main. Zwischen seinen zahlreichen Lebensorten und seiner Arbeit mit Collagen sah er durchaus einen Zusammenhang. «Das ergibt sich notwendigerweise aus so einem Leben.» Zuletzt lebte Wolf rund 30 Jahre in Mainz. Die Stadt habe er seit fünf Jahren vor allem aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr verlassen, hatte er zu seinem 85. Geburtstag gesagt.

Fußball sei ihm in seiner Jugend noch fremd gewesen, erzählte Wolf. Den Sport lernte er bei Fans in Stuttgart kennen, wo er als Hilfsarbeiter tätig war. Die Weltmeisterschaft 1954 habe «Bewegung in die Köpfe gebracht». In den 1970er Jahren schrieb er vor allem aus dem Stadion der Frankfurter Eintracht Texte und nahm Radiostücke auf, die ihn bekannt machten.

Collagen schuf Wolf auch als bildender Künstler. Dabei übertrug er das Spiel mit dem Verfremden ins Optische. Seine Arbeit an den Bild-Collagen sei aber nur eine «gewollte Nebenbeschäftigung» sagte er, ein Ausgleich zum Schreiben.

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dpa

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Veröffentlicht am:
18. 02. 2020
13:35 Uhr

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18. 02. 2020
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