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Boulevard

Regisseur Kirill Serebrennikow bleibt in Freiheit

Russlands bekanntester Filme- und Theatermacher Kirill Serebrennikow muss nicht in Haft. Trotzdem gilt seine Verurteilung als Schlag gegen die liberale Kunstszene. Angesichts von Protesten melden sich auch der Kreml und die Kulturministerin zu Wort.



Kirill Serebrennikow
Kirill Serebrennikow nach der Gerichtsverhandlung. Der Regisseur bleibt in Freiheit, wurde aber zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.   Foto: Pavel Golovkin/AP/dpa

Der russische Starregisseur Kirill Serebrennikow bleibt nach einer umstrittenen Verurteilung wegen Betrugs in Freiheit. Ein Bezirksgericht in Moskau verurteilte den 50-Jährigen am Freitag zu drei Jahren Haft - die Strafe wurde aber zur Bewährung ausgesetzt.

Es sei nicht nötig, ihn von der Gesellschaft zu isolieren, sagte die Richterin Olessja Mendelejewa am Freitag der Agentur Interfax zufolge. Zudem sollten er und sein Team die veruntreute Summe von 129 Millionen Rubel (1,6 Millionen Euro) in die Staatskasse zurückzahlen.

Vor dem Gerichtsgebäude brach Jubel unter den Demonstranten aus. Einige weinten vor Erleichterung, dass der Star nicht ins Gefängnis muss. Er sei nicht zufrieden mit dem Urteil, sagte Serebrennikow. Sein Verteidiger Dmitri Charitonow kündigte an, dagegen vorzugehen. Die Richterspruch sei noch nicht rechtskräftig. Serebrennikow sagte unter Beifall seiner Fans: «Danke für Eure Unterstützung. Danke, dass Ihr an unsere Unschuld glaubt. Für die Wahrheit muss man kämpfen.»

Serebrennikow leitet das populäre Gogol-Theaterzentrum in Moskau. Der Starregisseur übt in seinen Filmen und Theateraufführungen immer wieder auch Gesellschaftskritik. Damit hatte er sich im Machtapparat und in der einflussreichen russisch-orthodoxen Kirche Feinde gemacht.

Das Gericht blieb hinter dem Antrag der Staatsanwaltschaft zurück, die sechs Jahre Haft gefordert hatte. Das Verfahren gegen den auch in Deutschland bekannten Künstler gilt als Schauprozess gegen die liberale Kunstszene in Russland. Hunderte Menschen, darunter viele Schauspieler, protestierten trotz eines Demonstrationsverbots wegen der Corona-Pandemie in Moskau gegen Justizwillkür.

Drei Jahre hatte das Verfahren gedauert - mit Serebrennikow standen auch seine drei Kollegen Sofja Apfelbaum und Alexej Malobrodski sowie Juri Itin vor Gericht. Malobrodski und Itin wurden ebenfalls verurteilt, Apfelbaum verließ ohne Strafe den Gerichtssaal. Die Richterin warf dem Künstlerteam vor, eine Gruppe für einen kriminellen Plan zur eigenen Bereicherung gegründet zu haben. Dagegen betonte die Verteidigung, es habe keine Beweise gegeben.

Richterin Mendelejewa verlas das Urteil in rasendem Tempo mit leiser und monotoner Stimme. Sie begründete den Schuldspruch mit den Aussagen von Serebrennikows Buchhalterin Nina Masljajewa, die die künstlerische Leitung belastet hatte. Masljajewa hatte einen Deal mit der Anklagebehörde geschlossen. Ihr Fall wird in einem getrennten Verfahren behandelt.

Serebrennikow erschien mit schwarzer Gesichtsmaske vor Gericht. Er hatte schon in seinem Schlusswort am Montag seine Unschuld beteuert. Zugleich räumte er ein, dass die Buchhaltung seines Theaters schrecklich organisiert gewesen sei. Er verstehe aber selbst nichts von Buchhaltung und Finanzen, sagte er.

Als die Richterin am späten Vormittag eine Pause einlegte, meldete sich auch Kremlsprecher Dmitri Peskow zu Wort. Er sagte der Agentur Interfax zufolge, dass anhand dieses Falls analysiert werden müsse, wie sich die staatliche Finanzierung der Kultur in Russland gestalte. Verbreitet ist in der russischen Politik die Meinung, dass derjenige, der das Geld gibt, auch bestimmt, was gespielt wird. Deswegen bezeichneten es einige Kulturschaffende in Russland auch als Fehler, dass Serebrennikow überhaupt vom Staat Geld angenommen habe.

Kulturministerin Olga Ljubimowa sagte, dass gesetzliche Schritte ergriffen werden sollten, um solche Fälle wie bei Serebrennikow künftig auszuschließen. Ziel müsse eine stärkere Trennung von künstlerischer Leitung und Verwaltung bei Theatern und Orchestern sein. Die Ministerin wollte das Urteil zunächst nicht kommentieren - weil das Haus am Verfahren beteiligt und die geschädigte Seite sei. Der Staat habe einen großen Schaden erlitten, behauptete Ljubimowa.

Der Opern- und Schauspielregisseur inszenierte auch in Berlin, Stuttgart und Hamburg - oft in Abwesenheit, weil er im Hausarrest saß und auch nach seiner Freilassung im vergangenen Jahr nicht reisen durfte. Eingesetzt hatten sich für den Künstler auch Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie internationale Stars. Die deutsche Theaterszene protestierte am Freitag gegen die Verurteilung vor der russischen Botschaft in Berlin. Es wurde vergeblich versucht, dem Botschafter eine Unterstützerliste mit 56 000 Unterschriften zu überreichen, wie die Dramaturgin Birgit Lengers sagte.

Bei dem Protest seien schätzungsweise 120 Menschen gewesen, so Lengers, die den internationalen Bereich des Deutschen Theaters Berlin leitet. Unter den Teilnehmern waren demnach neben Schauspieler Lars Eidinger weitere Theaterschaffende wie Ulrich Khuon, Thomas Ostermeier und Jossi Wieler.

Vor dem Gerichtsgebäude in Moskau empfingen viele Schauspieler, Sänger und Kulturschaffende Serebrennikow mit Beifall. Einige trugen T-Shirts mit der Aufschrift «Free Kirill!», insgesamt seien etwa 400 Menschen dort, wie ein Reporter der Deutschen Presse-Agentur berichtete.

Russland erlebe gerade die «Wiedergeburt der Repressionsmaschine» wie zu Zeiten des Sowjetdiktators Josef Stalin, sagte die prominente Kulturexpertin Irina Prochorowa im Radiosender Echo Moskwy. Der Politologe Leonid Gosman sprach in einer Videoschalte der Internetplattform des Radiosenders von einem «echten Hass» des Machtapparats gegen Serebrennikow. «Das ist ein Regime, das gegen alles Lebendige, gegen alles Talentierte ist.»

© dpa-infocom, dpa:200626-99-572660/8

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Veröffentlicht am:
26. 06. 2020
17:11 Uhr

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26. 06. 2020
17:11 Uhr



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