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Boulevard

Politiker stellen sich dem «Chor des Hasses»

Morddrohungen und Beleidigungen: Die Postfächer von Politikern sind voller Wut-Post. Bei einem Hamburger Theaterprojekt stellen sich neben anderen zwei Bundesminister diesem «Chor des Hasses». Ihr Umgang damit ist sehr unterschiedlich.



"Chor des Hasses"
Claudia Michelsen (l-r), Robert Stadlober, Iris Berben und Dietmar Bär lasen aus Hassmails vor.   Foto: Georg Wendt » zu den Bildern

Witzfigur», «Du Müll», «Mieses Stück Scheiße». Unablässig prasseln die Hasstiraden, die Politiker wie Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und Außenminister Heiko Maas (SPD) in ihrer Post finden, am Sonntagabend beim Hamburger Theaterfestival auf das Publikum ein.

Vorgelesen von den Schauspielern Iris Berben, Claudia Michelsen, Dietmar Bär und Robert Stadlober. Ganz in Schwarz gekleidet lesen sie die harte Kost an einem langen Tisch auf der Bühne, während Schimpfwörter und Morddrohungen auf einer riesigen Leinwand eingeblendet werden. Die Idee zu der Produktion «Chor des Hasses» auf Kampnagel stammte von «Zeit»-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Er hat die Adressaten der Hasspost eingeladen, mit ihm darüber zu sprechen, wie sie mit diesen furchtbaren E-Mails und Briefen umgehen.

Gekommen sind neben von der Leyen und Maas auch der Grünen-Politiker Cem Özdemir und der Bürgermeister der westfälischen Stadt Altena, Andreas Hollstein. Vor knapp einem Jahr hatte ein Mann den CDU-Politiker in einem Döner-Imbiss mit einem Messer attackiert und dabei leicht am Hals verletzt. In der Inszenierung von Ulrich Waller hören die Politiker nun in geballter Form, was alles in ihren Postfächern landet. Das Projekt will öffentlich machen, wie sehr Politiker mit Hass überschüttet werden und der Frage nachgehen, wie das die Sprache verändert und möglicherweise auch das Handeln.

Krass dabei die Gegensätze: Viele Schreiben beginnen höflich mit «Sehr geehrter Herr...», bevor wüste Beschimpfungen folgen. Es herrscht eine gedrückte Stimmung im ausverkauften Saal. «Schwer auszuhalten», flüstert einer der 850 Zuschauer seinen Sitznachbarn zu. Als die Lesung endet und die Politiker die Theaterbühne betreten, zollt di Lorenzo ihnen Respekt, «dass Sie sich das angetan haben». Riesenapplaus vom Publikum. Der Journalist bietet erst einmal einen Schnaps an. «Falls Sie jetzt einen brauchen», sagt er und sorgt - nach solch einem schweren Anfang - mit dieser Geste für Gelächter im Saal. Welche Macht hat dieser Chor des Hasses? Das will di Lorenzo von seinen Gästen wissen.

«Das lässt einem schon den Atem stocken», sagt von der Leyen. «Ich hab' das Gefühl, das ist schlimmer geworden in den vergangenen Jahren.» Vor zehn Jahren habe sie noch Zuschriften bekommen, in denen sie etwa als «miese Mutter» beschimpft worden sei. Doch die Dimension habe sich - vor allem seit sie Verteidigungsministerin sei - verändert. Ausgeprägt sei eine starke Sexualisierung, berichtet die Politikerin. «Es gibt keine Mail, wo nicht "Fotze" drinsteht und immer diese brutale, widerliche Art der Vergewaltigungsfantasien.» Sie habe aber gelernt, sich davon «abzuspalten».

Lokalpolitiker Hollstein, bekannt für seine liberale Flüchtlingspolitik, betont angesichts der Flut von Hasspost an ihn, man dürfe diesen Menschen nicht einen Deut nachgeben. Maas erklärt, er lese solche Mails in der Regel nicht. «Was ich bisher gesehen habe, ist so abartig, so krank, dass ich es auch nicht ernst nehmen kann», sagt er. Erschreckend sei, dass die Hemmschwelle der «Verbal-Radikalität» immer weiter abgenommen habe. Zudem sei früher fast alles anonym gewesen, nun finde sich öfter der ganze Name plus Adresse auf den Schreiben. «Das macht mir dann doch noch einmal deutlich, mit welcher Form der Verrohung wir es hier zu tun haben.»

Grünen-Politiker Özdemir fordert mit Blick auf die vielen Hasskommentare in den sozialen Medien, dass dies kein rechtsfreier Raum sein dürfe. Gewalt sei immer zu verurteilen, die Zivilgesellschaft gefordert. «Die Auseinandersetzung muss mit den Mitteln der Demokratie stattfinden.»

Veröffentlicht am:
08. 10. 2018
11:45 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
08. 10. 2018
11:45 Uhr



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