Lade Login-Box.
Topthemen: Landtagswahl 2019Freies Wort hilftFolgen Sie uns auf InstagramSport-Tabellen

Boulevard

Nick Caves «Ghosteen»: Die Trauer muss raus

Der Schmerz ist unermesslich - und Nick Cave versucht ihn rauszulassen: Nach dem düsteren «Skeleton Tree» verarbeitet der Australier nun auch auf «Ghosteen» die Trauer über den Unfalltod seines Sohnes Arthur.



Nick Cave
Ambient und Transzendenz: Nick Cave.   Foto: Matt Thorne/dpa

Wieder ist Herbst - und wieder erscheint ein leises Album von Nick Cave, zu dem man die Blätter fallen hört. Was der Indierock-Düstermann im September 2016 mit dem bewegenden «Skeleton Tree» begann, setzt er nun auf «Ghosteen» fort: Cave trauert öffentlich um seinen mit nur 15 Jahren bei einem Unfall gestorbenen Sohn Arthur.

Das vor drei Jahren erschienene Werk reduzierte Caves phänomenale Band The Bad Seeds auf Zuträgerarbeit - dennoch gilt es wegen der emotionalen Wucht von Caves Stimme und seiner herzzerreißenden Lieder als eines der glanzvollsten Meisterstücke des seit langem in Großbritannien lebenden Australiers. Die Konzerte nach «Skeleton Tree» waren Messen der Schwermut, in denen sich der einst oft unnahbare Sänger ins Publikum begab, Hunderte Hände drückte, wildfremde Menschen umarmte.

Das am 4. Oktober zunächst nur digital erschienene «Ghosteen» (auf CD und Vinyl am 8. November über Rough Trade) ist nun kaum weniger berührend - man erkennt Caves ehrliche Absicht, Schmerz und Fassungslosigkeit über den Verlust des eigenen Kindes zu zeigen und womöglich zu bewältigen. Doch die zweiteilige, in acht beziehungsweise drei Stücke unterteilte, fast 70-minütige Platte kann insgesamt nicht so überzeugen wie «Skeleton Tree».

Das beginnt beim kitschigen, pastellfarbenen Cover mit allerlei Getier und einem (göttlichen?) Lichtstrahl, der bereits auf die sakralen Elemente der Musik hinweist. Diese entspricht dem New-Age-Eindruck: Viel Gewaber aus dem Synthesizer, Pianokaskaden, Choräle - darüber die gebrochene, klagende, teils ins ungewohnte Falsett übergehende Baritonstimme des Meisters, der seine Trauer gelegentlich auch in Spoken-Word-Stücken («Fireflies») ausdrückt.

Rhythmus findet auf «Ghosteen» praktisch nicht statt, die Bad Seeds haben - soweit hörbar - eher wenig zu tun. Dass diese Band unter der Leitung des genialen Klangzauberers Warren Ellis auch infernalisch rocken kann - man erinnert sich, muss dafür jedoch ein Weilchen zurückdenken. Schon auf dem gefeierten «Push The Sky Away» (2013) war im Cave-Sound Altersmilde eingekehrt.

«Ghosteen» ist natürlich keine schlechte Platte - man muss die elegische Stimmung zulassen, sich freiwillig in den Schmerzenssog begeben. Am schönsten - wenn auch kaum weniger mit Ambient-Gospel aufgeladen als die zehn Stücke davor - gelingt der 14-minütige Closer «Hollywood» mit dem sonoren, bewusst monotonen Bass-Spiel von Martyn Casey. «I'm just waiting now/for peace to come», barmt Cave dazu - man wünscht ihm allen Seelenfrieden der Welt.

Wie so oft lässt sich dieser enigmatische Songwriter wenig über sein Werk aus. «Die Lieder auf dem ersten Album sind die Kinder. Die Songs auf dem zweiten Album sind ihre Eltern. 'Ghosteen' ist eine wandernde Seele», sagt der 62-Jährige über sein neues Konzeptwerk. Vielleicht kann Cave nun «loslassen», da er Arthurs Tod als Vater und Künstler so intensiv zu verarbeiten versucht hat.

Veröffentlicht am:
08. 10. 2019
10:58 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Debakel Eltern Lied als Musikgattung Liedermacher und Singer-Songwriter Nick Cave Songs Sänger Söhne Trauer Unfalltod Warren Ellis Öffentlichkeit
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Niels Frevert

06.09.2019

Niels Freverts geglückte Krisenbewältigung

Niels Frevert gehört schon seit einer gefühlten Ewigkeit zu den besten deutschen Singer-Songwritern - wenn auch nicht zu den berühmtesten. Fünf Jahre hat er für sein neues Album gebraucht. Gut investierte Zeit. » mehr

Alter Bridge

15.10.2019

Alter Bridge: «Es fühlt sich nach Trost und Frieden an»

Seit 15 Jahren sind Alter Bridge ein feste Größe in der Rock-Szene. Über ihr neues Album «Walk The Sky» haben Myles Kennedy und Mark Tremonti einiges zu erzählen. » mehr

Jeff Tweedy

01.10.2019

Wilco-Boss Tweedy: «Ich möchte und muss Optimist sein»

«Ode To Joy», also wie bei Beethoven «Ode an die Freude» - so heißt das neue Album von Wilco. Können Rocksongs in politisch düsteren Zeiten Hoffnung spenden? Ein langes Gespräch mit Wilco-Boss Tweedy. » mehr

Avicii

06.06.2019

Avicii-Album: Nachdenkliche Texte zu glücklichen Beats

Avicii machte die Menschen mit seiner Musik glücklich, konnte dieses Glück auf der Jagd nach neuen Songs aber oft selbst viel zu wenig spüren. Das neue Album des viel zu jung gestorbenen Schweden zeigt diese Zerrissenhei... » mehr

Bruce Springsteen

23.09.2019

Bruce «The Boss» Springsteen wird 70

Aus der ärmlichen US-Provinz in den Rock-Olymp: Die Karriere von Bruce Springsteen ist eine atemberaubende Heldensaga, hier wurde ein «American Dream» wahr. Jetzt feiert der weltweit verehrte Musiker seinen 70. Geburtsta... » mehr

Thees Uhlmann

22.09.2019

Thees Uhlmanns Comeback-Album berührt

Als «Deutschlands Bruce Springsteen» startete Thees Uhlmann vor acht Jahren eine erfolgreiche Solokarriere. Große melodische Rocksongs bietet jetzt auch sein Comeback. Die Texte aber wollte er härter und konkreter - aus ... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Unfall B 281 Sachsenbrunn Sachsenbrunn

Unfall B281 Sachsenbrunn | 16.10.2019 Sachsenbrunn
» 14 Bilder ansehen

Gebäudebrand Merbelsrod Merbelsrod

Gebäudebrand Merbelsrod | 15.10.2019 Merbelsrod
» 14 Bilder ansehen

Ausschreitung Asylheim Suhl Suhl

Ausschreitung Asylheim Suhl | 15.10.2019 Suhl
» 11 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
08. 10. 2019
10:58 Uhr



^