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Boulevard

Nah am Feuer und nicht verbrannt - Waggershausen mit 70

Mit tollen Melodien zu klugen Texten hat Stefan Waggershausen Ohrwurm-Hits geschaffen. Heute bevorzugt der «Bodensee-Aborigine» einen lasziven Bluesrock. Und er spricht gern mit seiner Gitarre.



Stefan Waggershausen
Der Sänger Stefan Waggershausen macht auch mit 70 weiter Musik.   Foto: Henning Kaiser

Es gab eine Zeit, da dauerte es nie lange, bis man im Radio einen Barden aus dem Süden zu hören bekam. Mit Hits wie «Hallo Engel» und «Es geht mir gut».

Oder auch mit großen Duetten, die das Flair weltoffener Zweisprachigkeit in die deutsche Popmusik brachten: «Zu nah am Feuer» mit der Italienerin Alice und «Das erste Mal tat's noch weh» mit der Französin Viktor Lazlo. Nun (20. Februar) wird Stefan Waggershausen 70. Und aus dem jugendlich-stürmischen «Bodensee-Aborigine» mit der angerauten Stimme von einst, sagt er, sei längst ein «grauer Wolf» geworden.

Aber das sei natürlich ironisch gemeint, schiebt der gebürtige Friedrichshafener schnell nach: «Meine Knochen und alles andere funktionieren immer noch perfekt. Und es gibt nichts Schöneres, als morgens in den Bodensee zu springen und ein paar Runden zu kraulen.»

Na ja, dass man in dem Alter gelegentlich etwas wunderlich sein darf, versteht sich aber von selbst. Nach eigenem Bekunden spricht Waggershausen gern mit seiner Gitarre. «Hey, Gibson», sagt er etwa, «wonach ist dir heute, wie wär's mit Blues?» Das lässt sich die amerikanische Lieblingsgitarre aus seiner Südstaaten-Phase nicht zweimal sagen.

Wie wunderbar rund und doch vielschichtig die gute alte Gibson ES-150 unter Waggershausens Händen bei Blues, Country oder manchmal auch Rock klingt, ist auf seinem neuen Album «Aus der Zeit gefallen» zu hören. Der Titel ist irgendwie Programm. Fans, die mit ihm erwachsen wurden, kennen das: Dieser Typ mit der dunklen Sonnenbrille und der schwarzen Lederjacke lässt sich Zeit.

14 Jahre hatte eine selbst verordnete «Atempause» gedauert, bis der Singer-Songwriter 2010 «So ist das Spiel» veröffentlichte. Da fragten manche schon «Waggers - wer?» Bis zum nächsten Album werde aber nicht wieder so viel Zeit vergehen, versprach er. Es wurden «nur» neun Jahre. «Aus der Zeit gefallen» ist das 15. Album seiner bislang 45-jährigen Musikerkarriere. Dass es nun kurz vor dem 70. erschien, sei nicht so geplant gewesen, berichtet der Singer-Songwriter.

«So lange sollte es nicht dauern, allerdings wollte ich das auch nicht einfach so runterschreiben, sondern entspannt und cool arbeiten, lasziv-faul sozusagen.» Dann seien etliche Projekte dazwischen gekommen. Kompositionen für Kollegen, fürs Fernsehen, unter anderem für die Kinderserie «Siebenstein» und - apropos faul - die Arbeit mit Otto Waalkes am Film «Ice Age», für dessen deutsche Version der Komiker dem Faultier Sid seine Stimme lieh. Anfangs sollte es nur ein Filmsong werden, am Ende war es ein ganzes Album mit rockigen «Ice Age»-Kinderliedern, gesungen von Otto als Sid.

«Ich bin sehr detailverliebt», sagt Waggershausen. «Ich gebe ein Lied erst frei, wenn ich glaube, dass es genau richtig geworden ist. Da spielen wir dann schon mal vier, fünf verschiedene Versionen ein.» So entstanden die Lieder für das 15. Album im Laufe mehrerer Jahre. Das Bluesrock-Stück «Der Rock'n'Roll ruft seine Kinder heim» schrieb Waggershausen schon 2011 - unter dem Eindruck des Todes von Amy Winehouse: «Musik wird meine Seele retten und morgen ist mein Leben hell. Sie war schon einen Schuss voraus, ein paar Drinks zu schnell.»

Waggershausen war selbst sehr nah am Feuer. Am Feuer des Ruhms, aber er ist nicht verbrannt. Damals, als sein Hitmix zwischen Rock und Schmachtfetzen im Radio rauf- und runterlief, als der Druck immer größer, das Musikgeschäft immer industrieller und immer rascher mehr vom Selben verlangt wurde - da ist er ausgestiegen.

«Es war der wichtigste Moment in meinem Leben, als ich in den 90er Jahren in New Orleans den Schalter umgelegt habe vom Pop-Musikmachen zu dem Revier, in dem ich mich musikalisch wirklich zu Hause fühle», erzählt er. «Im Revier der Gitarren, der Geigen, der Akkordeons und des Lebensgefühls von Cajun-Musikern in Louisiana, Musik aus lauter Lebensfreude.»

Er schiele längst nicht mehr auf Hitparaden, versichert der «altersweise Wolf». Waggershausen sieht sich als musikalischer Geschichtenerzähler. «Das Allerwichtigste ist dabei für mich, dass ich authentisch bleibe. Dass die Geschichten zu mir passen, dass man sie mir abnimmt.»

Klingt gut, genau wie das neue Album. Aber wird es ein 16. geben? Man fragt sich das gleich beim ersten Song der Nummer 15 «Die Drinks sind getrunken»: Vom Rückzug ins Private ist da die Rede. «Der Lack ist ab, die Schlacht verloren, die Bühne - die ist leer. Nichts geht in diesem Lande mehr.» Es ist der düsterste Song des Albums.

«Da merkt man wohl, dass ich gern mal Leonard Cohen höre», sagt Waggershausen lachend. «Das ist halt so ein Bodensee-Nebel-Lied, ein Novembersong. Muss auch mal sein, als Abwechslung zu Liedern voller hemmungsloser Fröhlichkeit.» Die Nummer 16, verrät er, sei schon zu 80 Prozent fertig. Starttermin: Ende des Jahres, spätestens Anfang 2020. «Dann werde ich möglicherweise nach vielen Jahre auch wieder mal live auftreten, wenigstens bei ein paar kleinen Clubkonzerten.»

Veröffentlicht am:
19. 02. 2019
18:01 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
19. 02. 2019
18:01 Uhr



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