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Boulevard

Nach dem Ende der Blockbuster-Schauen

Die Zeit der Großausstellungen ist in vielen Kunstmuseen vorbei. Die Kosten sind zu hoch, die Städte zu klamm. In Wuppertal macht das Von der Heydt-Museum aus der Not eine Tugend.



Ausstellung "Blockbuster Museum"
Gerhard Finckh vor dem Plakat seiner letzten Ausstellung "Blockbuster Museum".   Foto: Oliver Berg » zu den Bildern

Auf dem Schreibtisch von Museumsdirektor Gerhard Finckh stapelten sich schon die Bücher über die Kunst des 18. Jahrhunderts. An der Pinnwand hingen die Leihvereinbarungen mit Schloss Versailles. Kunsthistoriker lieferten Katalogtexte zum Zeitalter der Aufklärung.

Dann aber sagten die Geldgeber der Stadt Wuppertal die Abschiedsausstellung des langjährigen Direktors des Von der Heydt-Museums kurzerhand wegen zu hoher Kosten ab. Die geplante Schau «Aufbruch zur Freiheit» landete aber nicht ganz in der Tonne.

Finckh, der mit einer Reihe von Ausstellungen zu den französischen Impressionisten in den vergangenen Jahren Hunderttausende Besucher nach Wuppertal lockte, machte aus der Finanznot eine Tugend. Die Planungen und Pinnwände für «Aufbruch zur Freiheit» wurden selbst zum Teil einer ungewöhnlichen Ausstellung, die vom 7. Oktober an in Wuppertal zu sehen ist.

«Hängen Sie doch die Sammlung auf», hatte die Stadt Finckh empfohlen, als sie sein Projekt zum 18. Jahrhundert cancelte. Den Rat hat der 66 Jahre alte erfahrene Museumschef auch befolgt - aber anders als von der Stadt erwartet. In seiner Ersatz-Schau «Blockbuster-Museum» sind zwar die schönsten Werke aus der Sammlung des Von der Heydt-Museums zu sehen - von Monet, Sisley, Kandinsky, Marc, Macke, Grosz, Beckmann, Munch, Picasso bis zu Beuys, Neo Rauch und Gerhard Richter. Aber auf den Fluren stehen Bilder-Transportkisten, auf den Böden liegen Holzlatten, Gerüste versperren den Blick auf Gemälde. Und an den Saalwänden hängen zwischen den Meisterwerken Fotos von Technikern, Kassiererinnen, Aufsichtspersonal und Buchhalterinnen.

Einen Blick hinter die Kulissen des Museumsbetriebes will Finckh in dieser etwas anderen Ausstellung ermöglichen. Und damit demonstrieren, dass es überhaupt nicht einfach ist, eine Kunstausstellung auf die Beine zu stellen. Eine Restaurierungswerkstatt ist aufgebaut, und sogar die Bedeutung der Bilderrahmen wird illustriert. Die Ergebnisse der jahrelangen Erforschung der Sammlung nach NS-Raubkunst, die zur Rückgabe einiger Bilder an die Erben der früheren jüdischen Besitzer führte, sind ebenso zu besichtigen wie ein von einer Granate durchschossener Hitler-Bronzekopf von Arno Breker, der aus den Tiefen des Depots ans Tageslicht geholt wurde.

Der Titel «Blockbuster-Museum» ist dabei wohl auch als Mahnung zu verstehen. Rund 300 000 Besucher kamen 2009/10 in Finckhs Ausstellung zu Claude Monet. Aus den Millionen-Einnahmen konnte er über Jahre kleinere Ausstellungen mitfinanzieren. Doch die Zeit der Blockbuster ist nicht nur im klammen Wuppertal, das ohnehin keine Touristenstadt ist, vorbei. «Viele Kollegen klagen darüber, dass es schwierig geworden sei, große Ausstellungen zu machen, weil Leihgaben extrem schwierig zu bekommen sind und wahnsinnig teuer werden», sagt Finckh.

Auf der anderen Seite scheine auch das Publikum nicht mehr so in große Ausstellungen zu strömen. Finckh versucht deshalb, vermehrt Busreise-Gruppen anzuwerben. Und das sind meist ältere Leute. «Wenn die mal gebucht haben, dann kommen die auch, egal wie das Wetter ist.» So kamen mehr als die Hälfte der 100 000 Besucher der Ausstellung zu Édouard Manet in Gruppen.

Auch bei den Sponsoren ändern sich die Prioritäten. Statt Kunst wollten sie heutzutage das Geld zum Beispiel für soziale Zwecke oder Sport ausgeben, sagt Finckh. «Der Kampf um die Sponsoren wird immer schwieriger.» Ein Raum der Ausstellung widmet sich daher auch ironisch der Rolle des Museumschefs als Bettler inmitten von Mäzenen, der versucht, Geld einzuwerben. In einer Vitrine können sogar die Finanzpläne des Von der Heydt-Museums studiert werden.

Auch Gisela Bungarten, Sprecherin der Fachgruppe Kunstmuseen im Deutschen Museumsbund, sagt, viele Unternehmen setzten inzwischen etwa auf Jugendförderung oder Sport, «nicht mehr so sehr auf die Kultur». Ob noch Großausstellungen gestemmt werden könnten, sei aber von Museum zu Museum verschieden. Das Städel in Frankfurt etwa glänze weiter mit Publikumsmagneten. Die Rubens-Ausstellung zählte mehr als 162 000 Besucher. Die Monet-Schau 2015 im Städel sahen sogar rund 432 000 Menschen - dabei waren die berühmten Seerosen-Bilder gar nicht dabei.

Einige Museumschefs wenden sich inzwischen bewusst ab von Großausstellungen. So sagte der neue Chef des Essener Museums Folkwang, Peter Gorschlüter, im Interview des Stadtmagazins «offguide»: «Die Ausrichtung eines Hauses auf ein einziges Kunstevent bindet viele Energien und Möglichkeiten für Kreativität.» Wie es in Wuppertal weitergeht, ist völlig offen. Direktor Finckh verlässt im April nach 13 Jahren das Von der Heydt-Museum. Ein Nachfolger ist noch nicht gefunden.

Veröffentlicht am:
07. 10. 2018
13:27 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
07. 10. 2018
13:27 Uhr



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