Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Freies Wort hilftCoronavirus in ThüringenFolgen Sie uns auf Instagram

Boulevard

Mehr Boulevard als finstere Komödie: «Die Empörten»

Zum Abschluss des Premierenreigens der Salzburger Festspiele gibt es noch eine Uraufführung: Theresia Walsers Komödie «Die Empörten» versucht, die Debatte über den Rechtspopulismus mit humoristischen Mitteln einzufangen.



Salzburger Festspiele - Die Empörten
Caroline Peters (Corinna Schaad, l) und André Jung (Pilgrim) in Salzburg auf der Bühne.   Foto: Barbara Gindl/APA

Wenn es stimmt, dass eine gute Komödie im Kern eine Tragödie ist und man oft nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll, dann ist das neue Stück von Theresia Walser keine wirklich gute Komödie.

Denn bei der Uraufführung von «Die Empörten» am Sonntagabend bei den Salzburger Festspielen gluckste und kicherte das Publikum fast die ganze Zeit über kalauernden Wortwitz und offensive Situationskomik, und niemandem blieb das Lachen im Hals stecken. Streckenweise erinnerte der Abend an die unverbindliche Türenklapp-Komik eines Boulevardtheaters. Der Schlussapplaus fiel kurz aus und es gab sogar Buhrufe für die Autorin.

Dabei geht es in der «finsteren Komödie» der Tochter des Schriftstellers Martin Walser um das Aufregerthema schlechthin, den Rechtspopulismus. Hauptperson ist Corinna Schaad, Bürgermeisterin einer namenlosen voralpinen Kleinstadt, eines Postkartenidylls mit Industriegebiet. Die offenbar gemäßigt konservative Politikerin, Vertreterin Merkelscher Willkommenskultur, versucht sich mit Vernunft und Menschenverstand, aber auch einer gehörigen Portion Opportunismus gegen ihre rechtspopulistische Konkurrentin zu behaupten.

Die Gegenspielerin Elsa Lerchenberg ist eine schneidige Blondine, Typ Alice Weidel, die die üblichen Phrasen von «Überfremdung» und «deutscher Selbstzerstörung» drischt, aber insgesamt weniger unsympathisch rüberkommt als man vielleicht erwarten sollte. Jedenfalls werden sich die Protagonistinnen in ihrer politischen Wankelmütigkeit, ihrem Opportunismus und ihrem kurzfristigen Erfolgsdenken immer ähnlicher, bevor sich die Bürgermeisterin doch noch entschließt, entschlossen anzukämpfen gegen «die Gier nach dem großen Sog ins Gedärm». Doch ihr moralischer Furor gegen die braune Gefahr wirkt nach zwei Stunden recht unterhaltsamen Klamauks etwas aufgesetzt.

Das Ganze wird von einer Handlung eingerahmt, die wahlweise an «Arsen und Spitzenhäubchen» erinnert oder Alfred Hitchcocks cineastisches Kammerspiel «Cocktail für eine Leiche». Die kurz vor einer Wahl um ihre Stellung fürchtende Bürgermeisterin hat nämlich zusammen mit ihrem Bruder Anton, einem verkrachten «Lebenskünstler», die Leiche des gemeinsamen Halbbruders aus dem Leichenschauhaus entführt. Der war umgekommen, als er in eine Menschengruppe gefahren war, wobei es einen muslimischen Toten gab.

Caroline Peters als Bürgermeisterin und Silke Bodenbender als Lerchenberg verfügen über solides humoristisches Talent, doch man vermisst jene Momente, in denen die Figuren zu sich selbst kommen und das Stück auf den Punkt. Am ehesten gelingt das noch Anke Schubert als Frau Achmedi, Witwe des muslimischen Opfers, und Sven Prietz als Anton. In der Hanswurstenrolle des Gemeindeangestellten Pilgrim erinnert André Jung stark an Didi Hallervorden und heimst kräftig Applaus ein.

Es gibt diverse Running Gags, die der szenisch vor sich hin dümpelnden Inszenierung von Regisseur Burkhard C. Kosminski - einer Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart - Struktur verleihen sollen. So scheitert Pilgrim notorisch an der Lichtschranke der Rathaustür, die nur ihn mit Nichtbeachtung zu strafen scheint. Dann ist da noch ein Kreuz, das Pilgrim auf Geheiß der Bürgermeisterin (höchst widerstrebend) abhängen soll, weil Muslime betroffen seien. Doch die Betroffene hat gar nichts gegen den Schmerzensmann. «Besser als gar keine Religion», habe ihr Mann immer gesagt, sagt Frau Achmedi. Das nennt man Toleranz.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
19. 08. 2019
11:32 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Alfred Hitchcock Alice Weidel Autor Boulevardtheater Bürgermeister und Oberbürgermeister Dieter Hallervorden Islam Komödie Kunst- und Kulturfestivals Leichen Leichenschauhäuser Martin Walser Regisseure Salzburger Festspiele Theresia Walser
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
The BossHoss

07.08.2020

Pop-Konzert mit 13.000 Zuschauern in Düsseldorf geplant

Das Leben kehrt so langsam auf die größeren Bühnen zurück. Die Salzburger Festspiele haben den Anfang gemacht, jetzt wird die nächste Großveranstaltung angekündigt. » mehr

Salzburger Festspiele

07.08.2020

Corona-Prävention: Salzburger Festspiele verbieten Fächer

In der Sommerhitze fächelt sich das Publikum im Saal gern Luft zu. Bei den Salzburger Festspielen ist das nun verboten. » mehr

Salzburger Festspiele

25.07.2020

Salzburger Festspiele sehen sich als Vorreiter

Im August finden die Salzburger Festspiele in reduzierter Form statt. Die Veranstalter spüren eine große Verantwortung für den weiteren Verlauf des internationalen Kulturlebens. » mehr

Salzburger Festspiele

09.06.2020

Salzburger Festspiele präsentieren abgespecktes Programm

Zum 100-jährigen Bestehen werden die Salzburger Festspiele auch im Jahr der Corona-Pandemie ein Programm auflegen, wenn auch in stark reduzierter Form. Die Sicherheit der Festspielbesucher soll an erster Stelle stehen. » mehr

Psycho

15.06.2020

Angst beim Duschen: Hitchcock-Schocker «Psycho» wird 60

Er drehte über 50 Filme, darunter die Klassiker «Rebecca», «Das Fenster zum Hof» und «Die Vögel». Doch mit «Psycho» entlockte Alfred Hitchcock dem Publikum die meisten Schreie. Der Gruselschocker wird nun 60 Jahre alt. » mehr

Ulrike Lunacek

15.05.2020

Rücktritt und Fahrplan: Viel Bewegung in Österreich

Die Kulturszene der Kulturnation Österreich war in Aufruhr. Nun zieht die zuständige Staatssekretärin die Konsequenzen. Zugleich wird ein Fahrplan für das Hochfahren der Kultur präsentiert. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Montgolfiade Heldburg

Montgolfiade | Heldburg
» 24 Bilder ansehen

Brand Tettau Tettau

Großbrand Tettau | 09.08.2020 Tettau
» 39 Bilder ansehen

Flächenbrand Limbach Limbach

Flächenbrand Limbach | 09.08.2020 Limbach
» 10 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
19. 08. 2019
11:32 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.