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Margaret Atwood kehrt nach Gilead zurück

Die Veröffentlichung von Margaret Atwoods Roman «Die Zeuginnen» hat international große Aufmerksamkeit erregt. Der Roman würde an Atwoods Erfolgsroman «Der Report der Magd» anschließen, hieß es. Aber so einfach hat es Atwood sich und ihrer Leserschaft nicht gemacht.



Margaret Atwood
Margaret Atwood 2017 bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche.   Foto: Arne Dedert

Ein Staat, in der Frauen keinerlei Rechte haben, noch nicht einmal einen eigenen Namen. Gilead hat die Kanadierin Margaret Atwood 1985 in ihrem Erfolgsroman «Der Report der Magd» diesen Staat genannt und als Nachfolger der USA beschrieben. Hier erlebte die junge Desfred ein Martyrium, denn als sogenannte Magd ist ihre einzige Aufgabe, sich vom Hausherrn schwängern zu lassen.

«Der Report der Magd» wurde zu einem internationalen Erfolg. Mehrere Millionen Exemplare wurden weltweit verkauft, hinzu kamen ein Hollywoodfilm und eine sehr erfolgreiche Fernsehserie. Eine Frage aber blieb: Was wurde aus Desfred? Der als Tagebuch der jungen Frau gestaltete Roman endet mitten in einem Fluchtversuch.

Über viele Jahre wollte Margaret Atwood nichts von einem zweiten Roman über Gilead wissen. Aber nach einer Pause von 34 Jahren, in denen sie zahlreiche Bücher zu anderen Themen schrieb, hat Margaret Atwood nun mit «Die Zeuginnen» einen neuen Roman veröffentlicht, der in Gilead spielt. Internationale Aufmerksamkeit war Atwood sicher, ebenso eine hohe Erstauflage für den Roman, der in vielen Ländern und Sprachen gleichzeitig veröffentlicht wurde.

Um es gleich zu sagen: «Die Zeuginnen» ist keine Fortsetzung des «Reports der Magd». Der zweite Roman spielt etwa 15 Jahren nach den Ereignissen des ersten, und Desfred, die zentrale Stimme des «Reports», taucht nur einmal ganz kurz auf.

Im Nachwort zu «Die Zeuginnen» erläutert Margaret Atwood ihre grundlegenden Gedanken zu der Geschichte: «Totalitäre Staaten können von innen heraus anfangen zu bröckeln, wenn sie die Versprechen, die sie an die Macht gebracht haben, nicht halten. Oder sie werden von außen angegriffen. Oder beides. Es gibt keine untrüglichen Rezepte.»

Der Roman beschreibt, wie Fanatiker die USA in einen fundamentalistischen Staat verwandeln, der an die Puritaner des 17. und 18. Jahrhunderts erinnert, aber auch Element moderner Gottesstaaten aufgreift. Dabei werden Zwang und Gewalt wichtige Faktoren, aber auch Duckmäusertum und Anpassungsbereitschaft.

Im neuen Roman erzählen drei sehr unterschiedliche Frauen ihre Lebensgeschichten. Aus diesen Aussagen von Zeitzeuginnen ergibt sich dann ein zusammengesetztes Bild des Lebens in und Scheitern von Gilead. Zwei von ihnen sind junge Mädchen. Agnes wächst als Tochter eines Funktionärs in Gilead auf, Daisy in Kanada bei einem Ehepaar, das sich im Widerstand gegen Gilead engagiert.

Die wichtigste Stimme jedoch gehört Lydia. Anfangs eine liberale Richterin, wird sie von den neuen extremistischen Machthabern durch Gewalt dazu gebracht, zu einer radikalen Vertreterin des Regimes zu werden. Sie trägt den Titel «Tante», mit dem verschleiert wird, dass sie nicht nur die «Perlenmädchen» betreut, die wie Missionarinnen die Ideen des Regimes verbreiten. Sie erzwingt die Umsetzung dieser Ideen auch, indem sie gnadenlos dem Geheimdienst zuarbeitet.

Während Agnes von den Hausangestellten lernen muss, «wir können nicht immer machen was wir wollen. Nicht mal du», ist sich Lydia durchaus bewusst, wie unsicher das Leben in ihrem Staat ist: «Warum glaubte ich, es werde schon irgendwie so weitergehen wie immer?» Am Beispiel von Lydia zeigt Atwood, wie vielschichtig Charaktere sein können. «Ich habe Entscheidungen getroffen, und dann hatte ich, eben will sie getroffen worden waren, weniger Spielraum.»

Atwood hat eine ganze Reihe von Handlungssträngen in «Die Zeuginnen» entwickelt. Der wichtigste von diesen ist der Auftrag des Geheimdienstes an Lydia, dass sie herausfinden soll, ob es innerhalb der Machtelite Unterstützer für das geheime Netzwerk gibt, das Gilead-Bürgern die Flucht nach Kanada ermöglicht.

Mit den drei weitgehend unabhängig voneinander erzählten Erlebnisberichten hat Margaret Atwood in «Die Zeuginnen» ein komplexes Bild einer von Angst und Unterdrückung beherrschten Gesellschaft gezeichnet. Aber natürlich erzählt sie im Roman keine Fantasiegeschichte. Bei einer Fragestunde auf dem Internetportal reddit betonte Atwood, dass im «Report der Magd» «nichts steht, dass nicht schon einmal irgendwo irgendwann passiert Wäre». Dasselbe gilt auch für «Die Zeuginnen».

Auch wenn «Die Zeuginnen» vermutlich nicht die Art von Fortsetzung des «Reports der Magd» ist, auf die viele Fans des Vorgängerromans gehofft hatten, so steht der Roman eigenständig neben dem «Report».

Margaret Atwood, die am 18. November ihren 80. Geburtstag feiert, gehört seit vielen Jahren zu den bedeutendsten kanadischen Schriftstellerinnen. Seit ihrem ersten Roman «Die essbare Frau» aus dem Jahre 1969 zieht sich das Thema Unterdrückung von Frauen und der Kampf dagegen als roter Faden in den unterschiedlichsten Variationen durch ihr Schaffen.

Für ihr umfangreiches Werk, zu dem neben Romanen auch Kurzgeschichten, Essays und Gedichtsammlungen gehören, ist Margaret Atwood mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht worden. Unter anderem wurden ihr der britische Booker Preis und der kanadische Preis des Generalgouverneurs zuerkannt. In Deutschland erhielt sie vor zwei Jahren den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Auch als Kandidatin für den Literaturnobelpreis ist sie seit Jahren im Gespräch.

Margaret Atwood: Die Zeuginnen. Berlin Verlag, 572 Seiten, 25 Euro, ISBN 978-3-8270-1404-7

Veröffentlicht am:
24. 09. 2019
12:52 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
24. 09. 2019
12:52 Uhr



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