Lade Login-Box.
Sommerausklang in Südthüringen zum Digital-Abo
Topthemen: Freies Wort hilftCoronavirus in ThüringenFolgen Sie uns auf Instagram

Boulevard

Kunst und Moral: Gauguin-Schau in London wirft Fragen auf

Die National Gallery in London ist mit einer bahnbrechenden Ausstellung über Porträts von Paul Gauguin in Erklärungsnot geraten.



Paul Gaguin
Paul Gauguin, Die Vorfahren von Tehamana oder Tehamana hat viele Eltern, 1893.   Foto: The Art Institute of Chicago/dpa

Wie gehen Museen mit Künstlern um, deren Verhalten gegenüber Frauen nach heutigen Maßstäben nicht mehr akzeptabel ist? Diese heikle Frage wird zurzeit von einer bahnbrechenden Ausstellung von Porträts des französischen Malers Paul Gauguin (1848-1903) in London aufgeworfen.

Die National Gallery zeigt rund 50 Werke des exzentrischen Post-Impressionisten, der seinen Job als Börsenmakler in Paris aufgab und Frau und Kinder sitzen ließ, um im fernen Polynesien neue künstlerische Inspiration zu finden. Der Haken dabei ist, dass Gauguin bei seinen zwei Reisen in die damaligen französischen Kolonien auf Tahiti mindestens eine minderjährige Braut nahm und schwängerte.

Das Werbeplakat der Schau ist zugleich auch Stein des Anstoßes: Das Gemälde «Tehamana hat viele Eltern» (1893) zeigt die minderjährige Tahitierin Tehamana, die Gauguin auf seiner ersten Reise nach Ozeanien von 1891 bis 1893 geheiratet haben soll. Er malte sie in der westlichen Kleidung der damaligen Kolonialmacht Frankreich, umgeben von einheimischen Symbolen, um damit auf seine Weise gegen die Unterdrückung der ethnischen Kultur durch Missionare zu protestieren, wird in der National Gallery erklärt.

Eine Lithografie («Der Geist der Toten wacht») zeigt Tehamana als mythische Gestalt, von bösen Geistern geplagt ausgestreckt auf ihrem Bett. Das Werk gehört nach Angaben von Hauptkurator Christopher Riopelle zu den «verstörendsten» der Ausstellung. Eine Leihgabe des Museum Folkwang Essen, «Barbarische Geschichten» (1902), gilt als Paradestück unter den 50 Exponaten. Zwei halbnackte Frauen, verkörpern jeweils den Buddhismus und die Kultur der einheimischen Maohi, während eine teufelsähnliche Figur im Hintergrund die christlich-jüdische Tradition darstellt.

Das Museum weist an zahlreichen Stellen auf die Komplexität des Künstlers, seine Eigensucht, Unkonventionalität und ständige Identitätssuche hin und bemüht sich, sein Werk im Kontext der Zeit zu erläutern. «Gauguin ist zum Fokus für Themen unserer Zeit geworden», sagte Riopelle in einem begleitenden Film. Eine formale Analyse der Gemälde dürfe die «unerfreulichen Aspekte des wahren Lebens» nicht ausklammern. Museumschef Gabriele Finaldi sagte zur Eröffnung, Gauguins «radikale und höchst persönliche Sicht» habe Kunstwerke entstehen lassen, die «verblüffen, ergreifen und bisweilen verstören».

Gleich beim Eintritt werden Besucher auf einer Wandtafel darauf hingewiesen, dass für Gauguin «der symbolische oder spirituelle Inhalt» seiner Werke wichtiger war als das Detail seiner Modelle. Zu den Tahiti-Bildern heißt es: «Zur Zeit Gauguins waren frauenfeindliche Fantasien über polynesische Frauen weit verbreitet ... Es kann keinen Zweifel daran geben, dass Gauguin seine privilegierte Stellung als westlicher Besucher ausnutzte, um die vorhandenen sexuellen Freiheiten bis aufs letzte auszuschöpfen.»

Nach Angaben der Kunsthistorikerin Janet Marstine hat die National Gallery mit ihrer Präsentation der Gauguin-Ausstellung einen «ersten wichtigen Schritt» unternommen. Museen würden zunehmend danach beurteilt werden, wie sie mit der ethischen Haltung der gezeigten Künstler umgehen, sagte die Expertin für Museumsethik der globalen Kunstplattform artnet. «Sie müssen auf den zeitgenössischen Kontext reagieren. Ansonsten könnten sie sehr wohl zur Rechenschaft gezogen werden.»

Ko-Kuratorin Cornelia Homburg erinnerte in einem Vortrag an Traditionen auf Tahiti und anderswo, in denen Kinder und junge Mädchen mit «mehreren Eltern» zusammenlebten und «von Familie zu Familie gereicht wurden». Gauguin habe mit einem Mädchen von dreizehn oder vierzehn Jahren gelebt. «Das ist für uns heute eine horrende Vorstellung», sagte Homburg. Das Mündigkeitsalter habe damals, «für uns heute Gottseidank unfassbar», bei zwölf Jahren gelegen.

Homburg bezeichnete Gauguins Porträts im allgemeinen als «Konstruktionen, in denen sich Wahrheit, Fantasie und Mystik» vermischten. «Es kann ebenso gut sein, dass Gauguins Geschichten über die Frauen, mit denen er gelebt hat, seiner Fantasie und Angeberei entsprungen sind», führte sie aus. «Wir wissen es nicht.»

Veröffentlicht am:
28. 11. 2019
12:23 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Ethnien Exponate Folkwang Museum Französische Maler Malerinnen und Maler Mädchen Paul Gauguin
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Ausstellung "Keith Haring"

21.08.2020

Folkwang Museum zeigt Keith Haring

Tanzende Figuren ohne Gesicht und bellende Hunde: Seine Zeichnungen machten Keith Haring in den 80er Jahren weltbekannt. Das Folkwang in Essen zeigt jetzt eine große Ausstellung zwischen Politik und Sex. » mehr

Museum Barberini

03.09.2020

Plattners Impressionismus-Sammlung in Potsdam

Renoir, Sisley, Monet - mit seinen mehr als 100 Gemälden großer Impressionisten lädt das Museum Barberini Besucher zu einem Spaziergang durch die Welt ein - mit dem Blick der Impressionisten. » mehr

Pierre Soulages-Retrospektive

11.12.2019

Paris feiert Pierre Soulages zum 100. Geburtstag

Frankreich würdigt den 100. Geburtstag des «Schwarz-Malers» Pierre Soulages mit einer Doppelwerkschau in Paris. Eine davon findet im Louvre statt, der eine solche Hommage bisher nur Picasso und Chagall erwiesen hat. » mehr

Sammlung "Neue Welten"

18.06.2019

«Neue Welten» im Museum Folkwang

Folkwang-Direktor Peter Gorschlüter hat sein Museum umgeräumt. Doch keine Sorge: Renoirs «Lise mit dem Sonnenschirm» und andere Hauptwerke großer französischer Maler werden weiterhin prominent gezeigt. Sortiert ist die s... » mehr

Kunsttransporte in Coronazeiten

28.07.2020

Wenn eine Madonna in Berlin strandet

Wenn Kunstwerke zu Ausstellungen reisen, ist das ein heikles Geschäft. Zu feucht, zu trocken, zu warm - Gemälde und andere Exponate sind meist hochempfindlich. Und Corona macht für die Museen alles noch viel komplizierte... » mehr

Museum Folkwang

08.03.2020

Folkwang Museum ist «Museum des Jahres»

Das «Museum des Jahres» steht in Essen. Vor allem das Ausstellungskonzept des Folkwang Museums hat Deutschlands Kunstkritiker überzeugt. Es sind aber nicht die einzigen Auszeichnungen, die vergeben wurden. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Oldtimerteilemarkt Suhl Suhl

Oldtimer-Teilemarkt Suhl | 27.09.2020 Suhl
» 44 Bilder ansehen

Wohnungsbrand HBN Hildburghausen

Brand Hildburghausen | 27.09.2020 Hildburghausen
» 21 Bilder ansehen

Schwarzbiernacht mit Remode Suhl

Schwarzbiernacht Remode | 26.09.2020 Suhl
» 79 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
28. 11. 2019
12:23 Uhr



^