Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Podcast: Offen gesagtCoronavirus in ThüringenCorona-HilfsbörseFolgen Sie uns auf Instagram

Boulevard

Künstlerinnen im toskanischen Herrenclub

Michelangelo, Botticelli, Leonardo da Vinci: Die italienischen Künstler der Renaissance kennt jeder. Restauratorinnen gehen nun der Frage nach: Wo sind die Frauen? Die Bewegung ist eine von mehreren, die Kunst nicht mehr als Männerdomäne akzeptieren wollen.



Die vergessene Malerin der Renaissance
«Das letzte Abendmahl» von Plautilla Nelli (Ausschnitt): Jesus gibt Judas ein Stück Brot.   Foto: Rabatti-Domingie Firenze/Advancing Women Artists/dpa

Der Museumskomplex Santa Maria Novella beherbergt einen neuen Schatz. Sieben mal zwei Meter misst das Ölgemälde, das seit Oktober in der Klosteranlage im Herzen der italienischen Stadt Florenz ausgestellt ist. Darauf abgebildet ist das Letzte Abendmahl von Jesus und seinen Aposteln.

Doch das Kunstwerk stammt nicht von Renaissance-Maler Leonardo da Vinci, sondern von seiner Kollegin Plautilla Nelli. Ihren verspäteten Ruhm verdankt die Künstlerin der Stiftung Advancing Women Artists (AWA). Sie hat sich zum Ziel gesetzt, in der männlich geprägten Kunstwelt der Toskana auch die Werke von Künstlerinnen sichtbar zu machen.

Gegründet wurde die AWA im Jahr 2006 von der US-Journalistin Jane Fortune, nachdem diese mehrere Museen in Florenz besichtigt hatte. «Wo sind die Frauen?», habe sie sich gefragt, erinnert sich Linda Falcone, die Präsidentin der Stiftung. Es habe sich herausgestellt, dass sich in den Sammlungen der Museen sehr wohl Werke von Künstlerinnen versteckten - diese müssten aber dringend restauriert werden.

Vier Jahre dauerte es, bis die aufwendigen Arbeiten an Nellis Abendmahl abgeschlossen waren und das Gemälde in Santa Maria Novella ausgestellt werden konnte. Das Kunstwerk von 1560 sei womöglich «eines der bedeutsamsten Bilder in der Kunstgeschichte», «die erste und vielleicht die einzige» Darstellung des Letzten Abendmahls von einer Frau der Renaissance, heißt es auf der Homepage des Museums.

Nelli lebte von 1524 bis 1588 in Florenz. Sie stammte aus einer Handelsfamilie und trat mit 14 in ein Dominikanerkloster ein, wo sie ein Atelier betrieb und sich selbst das Malen beibrachte. Als eine der wenigen Frauen erwähnte sie der Maler und Kunsthistoriker Giorgio Vasari (1511-1574) in seinen Künstlerbiografien: «Es gab so viele ihrer Gemälde in den Häusern der Herren, es wäre mühsam, sie alle zu erwähnen», zitiert ihn die Stiftung auf ihrer Homepage.

Das «Letzte Abendmahl» sei die Krönung von Nellis Karriere gewesen, sagt Falcone. Das Gemälde sei von Nellis Oberin in Auftrag gegeben worden, um es im Speisesaal des Klosters aufzuhängen. Es sei wohl auch vom gleichnamigen Gemälde Leonardo da Vincis beeinflusst worden, sagt Falcone. Auf dem Bild wird der Moment dargestellt, in dem Jesus der Überlieferung nach zu seinen zwölf Aposteln sagt: «Einer unter Euch wird mich verraten.»

Wer das ist, teilt Jesus seinen Jüngern in Nellis Interpretation mit, indem er Judas ein Stück Brot reicht. Die Reaktionen darauf schlagen sich vor allem in der Gestik der Apostel nieder: Sie «sprechen mit ihren Händen und tanzen mit ihren nackten Füßen», sagt die Restauratorin des Bildes, Rosella Lari. Die Hände seien so detailreich dargestellt, dass «sogar die Sehnen, die Adern und fast die abgestorbene Haut um die Nägel» sichtbar seien.

Bis heute hat die AWA die Restaurierung und Ausstellung von fast 70 Kunstwerken gefördert, darunter «David und Bathseba» von der Barockmalerin Artemisia Gentileschi, einer der bekanntesten Malerinnen des 17. Jahrhunderts. Mittlerweile ist die Kunstwelt sensibler für Fragen der Gleichberechtigung geworden, auch dank wachsender Zahlen von Museumsdirektorinnen und Kuratorinnen.

In Ländern wie Großbritannien gibt es neuerdings sogar ein Vagina-Museum, um mit der Stigmatisierung des weiblichen Geschlechts aufzuräumen. Ebenfalls in London beschäftigt sich eine Ausstellung in der Tate Britain mit der Vernachlässigung von Frauen in der Kunstgeschichte. Dazu wurden in der Abteilung Zeitgenössische Kunst der letzten 60 Jahre die Werke männlicher Künstler abgehängt. In «Sixty Years» wird über neun Räume die Geschichte von Künstlerinnen von 1960 bis heute erzählt. Kein Wunder: Die Museumsleiterin ist eine Frau, Maria Balshaw.

Nicht nur in London sind Frauen am Ruder. Selbst der Vatikan hat erstmals eine Frau als Chefin der Vatikanischen Museen ernannt. Barbara Jatta wacht nun über die Schätze der katholischen Kirche, inklusive der Sixtinischen Kapelle.

Auch in Deutschland ist das Frauen-Thema präsent: In der Alten Nationalgalerie in Berlin widmet sich derzeit eine Ausstellung dem schwierigen Weg von Frauen zu künstlerischer Anerkennung. «Kampf um Sichtbarkeit - Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919» zeigt bis zum 8. März 60 malerische und bildhauerische Werke von 43 Künstlerinnen, die alle vor 1919 entstanden sind.

«Sie wachen langsam auf», sagt Falcone, die Präsidentin der Stiftung in Florenz. Doch noch sei die Arbeit der AWA nicht getan. In den Kellern verschiedener Kunstinstitutionen der Toskana befänden sich derzeit noch immer etwa 1500 Gemälde von 40 Künstlerinnen. «Was wir wollen, ist ihre Geschichte wiederherzustellen», sagt Falcone.

Veröffentlicht am:
07. 01. 2020
10:23 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Artemisia Gentileschi Gemälde Katholische Kirche Klöster (Bauwerke) Kulturgeschichte Künstlerinnen und Künstler Leonardo Da Vinci Maler der Renaissance Malerinnen und Maler Museen und Galerien Museumsleiter Sixtinische Kapelle Tate Britain Vatikan
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
James-Ensor-Haus in Ostende

06.08.2020

James Ensor-Haus: Im Kopf des Maskenmalers

James Ensor hat als Maler der Masken Kunstgeschichte geschrieben. Das Werk des Belgiers gibt noch heute Rätsel auf. Mit einem Erlebniszentrum will das neu eröffnete Ensor-Haus in Ostende dem Mysterium näher kommen. » mehr

Museumsdirektor

30.03.2020

Gemälde von van Gogh aus Museum gestohlen

Die Einbrecher kamen in der Nacht. Sie brachen die Glastür des Museums auf und griffen schnell und gezielt zu. Die Beute: Ein Gemälde von Vincent van Gogh. » mehr

Leonardo-Schau im Louvre

22.02.2020

Bei Leonardo nachts um halb vier

Das Louvre in Paris zeigt die Werke von Leonardo da Vinci. Die Ausstellung enthält mehr als 160 Exponate des Ausnahmekünstlers - und ist auf dem Weg, die meistbesuchteste in der Geschichte des Museums zu werden. » mehr

Louvre

05.07.2020

Mona Lisa hinter Zick-Zack-Barrieren

Der Louvre ist das meist besichtigte Museum der Welt. Allein Leonardos Mona Lisa lockt Millionen Besucher jährlich an. In Zeiten von Corona muss der Louvre seine Besucherzahl drastisch reduzieren. » mehr

Louvre

25.06.2020

Louvre öffnet wieder: Im Zickzack zur Mona Lisa

Der Louvre ist das meist besichtigte Museum der Welt. Allein Leonardos berühmte Mona Lisa lockt Millionen Besucher jährlich an. In Zeiten von Corona muss der Louvre nun drastisch seine Besucherzahl reduzieren. » mehr

Gerhard Richter

18.07.2020

Richter-Bild für mehr als zwei Millionen Euro versteigert

Gerhard Richters Bild «Christiane und Kerstin» zählt zu den frühen Arbeiten des Künstlers. Dementsprechend begehrt war es bei einer Auktion in München. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Unfall Motorrad Steinbach Steinbach

Motorradunfall Steinbach | 08.08.2020 Steinbach
» 17 Bilder ansehen

Suche nach Angler Goldisthal

Vermisstensuche in Goldisthal | 07.08.2020 Goldisthal
» 7 Bilder ansehen

Tödlicher Unfall Streufdorf Streufdorf

Tödlicher Unfall Streufdorf | 07.08.2020 Streufdorf
» 12 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
07. 01. 2020
10:23 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.