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Boulevard

Köln zeigt genialen Schnitzer vom Niederrhein

Das Mittelalter-Museum von Köln präsentiert eine echte Entdeckung: Arnt, den geheimnisvollen Skulpturen-Schnitzer vom Niederrhein. Seinem Jesus möchte man an den Bizeps fassen.



Ausstellung  "Arnt der Bilderschneider"
Die Szene "Martyrium des Hl Georg aus dem Georgsretabel aus der Kirche St. Nicolai in Kalkar" aus der Werkstatt des Arnt Beeldersnider.   Foto: Henning Kaiser/dpa » zu den Bildern

Wie ein graziler durchtrainierter Tänzer posiert der fast lebensgroße Mann mit überkreuzten Beinen vor dem Besucher. Man könnte ihm über die dicken Adern streichen und ihm den gespannten Bizeps fühlen.

Nur ein absoluter Meister seines Fachs vermag aus einen Baumstamm einen so überzeugenden menschlichen Körper zu formen. Ein solcher Könner war «Arnt der Bilderschneider», der nun in Köln erstmals mit einer Einzelstellung gewürdigt wird.

Dass Arnt dem breiten Publikum unbekannt ist, liegt teils daran, dass seine Identität erst in den vergangenen Jahrzehnten gelüftet wurde. Kunsthistoriker wussten zwar um seine überragenden Holzschnitzarbeiten, aber sie konnten diese keinem namentlich bekannten Künstler zuordnen. Erst eine banale Empfangsquittung für ein Honorar aus dem Jahr 1460 ließ den Meister aus dem Dunkel der Geschichte hervortreten: «ic, Aernt die beeldesnider» - «Ich, Arnt der Bilderschneider» ist auf dem ebenfalls ausgestellten Dokument sehr gut zu lesen.

Das Museum, das die Ausstellung präsentiert, hat auch ein Namensproblem. Es heißt Schnütgen, abgeleitet vom Sammlungsstifter Alexander Schnütgen, und das klingt ein wenig provinziell. Dabei verbirgt sich dahinter eines der weltweit bedeutendsten Museen für mittelalterliche Kunst. Es spielt in einer Liga mit den Cloisters in New York oder dem Musée national du Moyen Âge in Paris.

Wenn man es noch nicht gesehen hat, ist jetzt definitiv der richtige Moment für einen Besuch gekommen, denn die Arnt-Ausstellung ist die wichtigste Sonderschau des Museums seit Jahren. Gezeigt werden etwa 60 Werke des zwischen 1460 und 1491 in Kalkar und Zwolle tätigen Künstlers. Die Leihgaben kommen unter anderem aus dem Rijksmuseum in Amsterdam, dem Musée de Cluny in Paris und dem Musée Art & Histoire in Brüssel.

Auf den ersten Blick wirkt alles sehr fromm. Die Motive entstammen ausschließlich dem Christentum, schließlich lebte Arnt noch im Mittelalter. So ist auch der junge Mann mit seiner beneidenswerten Spannkraft niemand anders als Jesus. Man kann den ganzen christlichen Überbau aber auch weglassen und ganz unbefangen nur die Figuren angucken. Dann wird es allerdings sehr schnell sehr verstörend!

Fast hat man den Eindruck, dass Arnt die ganzen Heiligen-Storys nur als Deckmantel benutzte, um sein Publikum auf geradezu sensationslüsterne Weise unterhalten, begeistern und schockieren zu können. Da ist ein Mann, der in siedendem Blei gekocht wird. Holzpflöcke werden ihm in den nackten Körper gerammt, seine Hände werden ihm abgehackt, alle Knochen werden ihm gebrochen, er wird vergiftet und geköpft... Das alles dreidimensional und in Farbe, der reinste Gewalthorror.

Und doch ist das alles normalerweise in einer Kirche zu sehen, denn es handelt sich um den Georgsaltar aus der Nicolaikirche in Kalkar, dem «Rothenburg des Niederrheins». Diese Nicolaikirche, die mehrere Hauptwerke Arnts besitzt, ist vielleicht die unbekannteste Schatztruhe Deutschlands. Überhaupt ist es erstaunlich, wieviele Spitzenwerke aus normalen Kirchengemeinden am Niederrhein und aus den angrenzenden niederländischen Provinzen Limburg und Gelderland kommen.

Eine andere Jesusfigur von Arnt konnte man an die Kirchendecke zum sogenannten Himmelsloch ziehen und so seine Himmelfahrt nachstellen, dazu regnete es Hostien und Blütenblätter - special effects aus der Ritterzeit. Faszinierend modern erscheint auch eine Heilige, die sich zum Schutz gegen männliche MeToo-Übergriffe einen üppigen Bart hat wachsen lassen: Auch das 15. Jahrhundert hatte seine Transgender-Themen.

Bei aller Liebe begreift man durch diese Schau aber auch besser, wie es 100 Jahre nach Arnt zum berüchtigten Bildersturm kommen konnte. Ähnlich wie heute islamistische Fundamentalisten zerstörten damals radikale Calvinisten die Kunstwerke in zahllosen Kirchen des niederländischen Raums. Hinfort mit all den possierlichen Figürchen, mit den allzu lieblichen Marias und muskulösen Jesus-Männern und zurück zum abstrakten, für den Menschen unergründlichen und verborgenen Gott. Das war ihre Devise. Man weiß nicht, wie viele Werke Arnts ihnen zum Opfer fielen. Was blieb, reicht allemal, um ihm dauerhafte Beachtung zu sichern.

© dpa-infocom, dpa:200624-99-544937/3

Veröffentlicht am:
24. 06. 2020
11:47 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
24. 06. 2020
11:47 Uhr



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