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Jens Bisky: Literaturkritik ist nicht Stiftung Warentest

Seit Wochen liest die Jury für den Preis der Leipziger Buchmesse Bücher im Akkord. Nächste Woche muss die Liste mit den heißesten Anwärtern für die Auszeichnung stehen. Doch wie findet man in einem Berg von Büchern eigentlich die besten?



Jens Bisky
Bald wird erneut der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen. Der Berliner Journalist Jens Bisky übernimmt den Jury-Vorsitz.   Foto: Frank Rumpenhorst

Für den Preis der Leipziger Buchmesse läuft derzeit die Auswahl für die Shortlist. Den Vorsitz der siebenköpfigen Jury hat für die nächsten drei Jahre der Berliner Journalist Jens Bisky übernommen.

Im dpa-Interview erzählt der neue Jury-Chef, wie sich der Bücherfrühling anlässt, wie man aus 359 Büchern die besten 15 in drei Kategorien auswählt und warum Literaturkritik nicht nach Punktesystemen funktioniert.

Wie viele Stunden am Tag lesen Sie im Moment Bücher?

Jens Bisky: Das wechselt von Tag zu Tag. Aber unter vier, fünf Stunden kommt man nicht durch. Es sind 359 Titel nominiert worden und wir versuchen in der Jury, die alle zur Kenntnis zu nehmen.

Jeder liest alle Bücher?

Das geht ja gar nicht. Wir teilen uns das auf.

Der Preis hat drei Kategorien - Belletristik, Sachbuch, Übersetzung. Wie lösen Sie diese Dreiteilung in der Jury?

Es entscheiden in der Diskussion alle. Aber es gibt zum Beispiel Kollegen, die verstärkt aufs Sachbuch gucken. Die lesen aber zugleich auch Belletristik und Übersetzung.

Die Aufteilung des Preises in drei Kategorien wirkt kompliziert. Was halten Sie davon?

Das ist das Besondere des Preises. Ich halte ihn deswegen auch für einen der wichtigsten Preise in diesem Land. Er lässt eine große Freiheit und man ist nicht an einzelne Genres gebunden. Beim Frankfurter Buchpreis können sie nur einen Roman nominieren, weil es dort darum geht, den besten deutschsprachigen Roman eines Jahres zu finden. In Leipzig können sie Gedichtbände nominieren oder Erzählbände. In der Kategorie Sachbuch/Essayistik sind Streitschriften, Biografien, historische Gesamtdarstellungen möglich. Das kommt dem Bedürfnis der Leser entgegen.

Wie beurteilt man als Jury-Mitglied eigentlich eine gute Übersetzung?

Zunächst schaut man, ob es ein gutes Buch in deutscher Sprache ist. Wenn es das nicht ist, dann ist es für diesen Übersetzerpreis uninteressant. Dann gibt es einige Sprachen, in denen Kolleginnen und Kollegen aus der Jury Kenntnisse haben und vergleichen können. Und dann hat die Jury die Möglichkeit, Gutachten in Auftrag zu geben, wenn sie sich unsicher ist. Aber am Ende muss man natürlich sagen: Die Vorstellung, man könne Übersetzungen objektiv nach festen Punktsystemen beurteilen, ist genauso irrig wie die Vorstellung, man könne nach einem festen Kriterienkatalog den besten Roman finden. Literaturkritik funktioniert nicht nach dem Prinzip der Stiftung Warentest. Es bleibt immer ein Spielraum, ja die Notwendigkeit des Streits der Kritiker.

Literaturkritik hat es gar nicht mehr so leicht. Es gibt viel Konkurrenz, etwa durch die Blogger. Wie sehen Sie denn den Stellenwert der Literaturkritik?

Es gibt ein großes Bedürfnis nach literaturkritischer Auseinandersetzung. Und dabei ist die entscheidende Frage ja gar nicht, ob jemand den Daumen hebt oder senkt. Sondern die entscheidende Frage ist doch, dass man sich über Bücher verständigt. Literaturkritik ist immer ein soziales Ereignis. Dass sie mehr Foren besitzt als vor 20 Jahren, ist doch wunderbar. Am Ende aber ist die Bedeutung von Literaturkritik so groß oder klein wie die Bedeutung von Büchern für die gesamte Gesellschaft. Ich habe das Gefühl, dass wesentliche Debatten immer noch anhand von Büchern geführt werden.

Und da tut es auch keinen Abbruch, dass das Buch, wie der Börsenverein kürzlich festgestellt hat, starke Konkurrenz kriegt von Handys, Tablets oder womit man sich sonst unterhalten kann?

Es ist nicht Aufgabe der Literaturkritik, sich Gedanken über die Geschäftszahlen der Verlage zu machen. Natürlich registriere ich die Diskussion. Das sind Wellenbewegungen. Konkurrenz zum Lesen gab es früher auch. Ich glaube, man macht sich etwas vor, wenn man vergangenen Zeiten als goldene Zeiten des Lesens verklärt.

Welche Trends gibt es in diesem Bücherfrühling?

Es ist ein sehr interessantes Frühjahr. Es gibt Gott sei Dank keinen Großtrend. Es gibt weiterlaufende Traditionslinien. Dazu gehört, dass es zwischen der Gegenwartsliteratur und der Zeitgeschichte seit Jahren eine innige Verbindung gibt und damit immer wieder neue, interessante Versuche, die Geschichte des 20. Jahrhunderts zu erzählen. Es gibt sehr viele Themen und Sujets und viele künstlerische Handschriften. Das kann der Leipziger Preis abzubilden versuchen.

Warum vermissen Sie den einen Großtrend nicht?

Es wäre doch langweilig, wenn alle einem Trend hinterherschreiben würden. Die großen Themen der Literatur bleiben über die Jahrhunderte ohnehin ähnlich: Liebe, Gewalt, Enttäuschungen, Hoffnungen.

Haben Sie sich mit der Übernahme des Jury-Vorsitzes vorgenommen, dem Preis eine eigene Handschrift zu verleihen?

Ein eigenes Profil hat der Preis ja schon. Mir ist es wichtig, die verschiedenen Handschriften zur Geltung zu bringen, die es auf dem Buchmarkt gibt. Und was mir ganz wichtig ist: Der Leipziger Buchpreis soll versuchen, Bücher ins Gespräch zu bringen.

ZUR PERSON: Jens Bisky (52) ist Journalist und Buchautor. Er arbeitet als Redakteur im Feuilleton der «Süddeutschen Zeitung». Den Vorsitz der Jury für den Preis der Leipziger Buchmesse hat er für drei Jahre inne.

Veröffentlicht am:
09. 02. 2019
10:45 Uhr

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dpa

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09. 02. 2019
10:45 Uhr



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