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Boulevard

Forscher starten Wahrheitssuche im Vatikan

Für die einen ist er ein Heiliger, andere halten ihn für einen Nazi-Sympathisanten. Erstmals haben Wissenschaftler aus allen Teilen der Welt die Möglichkeit, Millionen Dokumente des Vatikans zur Rolle von Papst Pius XII. zu erforschen.



Spurensuche im Vatikan zu Pius XII.
Kirchenhistoriker Hubert Wolf (2.v.l) und sein Team kurz vor der Archivöffnung zu Pius XII. am Vatikan.   Foto: Petra Kaminsky/dpa

Mehr als sechs Jahrzehnte hat der Vatikan ein großes Geheimnis aus den Akten über die Zeit von Papst Pius XII. gemacht. Ab Montagmorgen ist damit Schluss. Dann öffnen sich die Türen des Vatikanischen Apostolischen Archivs in Rom. Forscher aus verschiedenen Teilen der Welt, auch aus Deutschland, erhalten erstmals Zugang zu Millionen möglicherweise brisanten Dokumenten.

In die Zeit von Pius XII. ab 1939 bis zu seinem Tod 1958 fallen entscheidende Abschnitte der jüngeren Weltgeschichte: die Nazi-Herrschaft, der Zweite Weltkrieg und der Beginn des Ost-West-Konflikts. «Es ist das wichtigste, noch immer geschlossene Holocaust-Archiv der Welt», sagt Suzanne Brown-Fleming, eine von fünf Wissenschaftlern vom Holocaust-Gedenkmuseum der Vereinigten Staaten in Washington, die Zugang zu den Beständen erhalten werden.

Papst Franziskus hatte die Öffnung im März 2019 angekündigt. Da es nur eine begrenzte Zahl von Leseplätzen für die Forscher gibt, mussten sie sich anmelden. Mehrere Dutzend - darunter Suzanne Brown-Fleming - dürfen gleich ab Montag loslegen und mit der Sichtung beginnen. Andere müssen sich für ihren Zugang noch gedulden.

Sie alle erwarten Fotos, persönliche Briefe, offizielle Telegramme, Redeentwürfe. Selbst in Wortmarkierungen oder kleinen Streichungen bei einer Rede können Botschaften stecken. «Vielleicht gibt es eine Anweisung, die Papst Pius XII. im September 1943 gegeben hat, die besagt, dass Juden auf vatikanischem Boden versteckt werden sollen. Wir haben so eine Anweisung nie gesehen. Es ist eine der offenen Fragen», erläutert Brown-Fleming. «Wir müssen offen sein für das, was die Dokumente uns sagen werden.»

Wegen des bisher fehlenden Einblicks in die Unterlagen seines Pontifikats hänge die Beurteilung von Pius XII. in der Luft, macht Brown-Fleming bei einem Gespräch vor ihrer Abreise deutlich. Die einen sagten, er habe Hunderttausende verfolgte Juden gerettet. Ein Verfahren zur Seligsprechung läuft seit langem. «Dann haben wir Literatur über die andere Seite: Dass er ein Nazi-Sympathisant war - was er sicher nicht war», ist Brown-Fleming überzeugt. «Ich denke, was wir herausfinden werden, liegt vielmehr in der Mitte.»

Eine der großen Fragen der Weltgeschichte, die auch viele andere umtreibt, lautet, warum der italienische Papst (1876-1958) die Nazi-Verbrechen nicht öffentlich angeprangert hatte. Und ob es stimmt, dass er nicht daran glaubte, dass das Öffentlichmachen den Opfern helfen würde. Kritiker raten der katholischen Kirche, den Prozess der Seligsprechung bis zur Klärung ruhen zu lassen.

Brown-Fleming erwartet jedenfalls, dass die Erforschung der Archive im Laufe der nächsten sechs Monate immer wieder für Nachrichten sorgen wird. Es würden dann vermutlich einzelne Dokumente als Fakten präsentiert. Doch sie mahnt zur Geduld: In einer Welt, die nach sofortiger Befriedigung suche, wolle jeder schnelle Antworten. «Aber die kollektive, wirklich solide Arbeit wird Jahre dauern. Eine wirklich verantwortungsbewusst überarbeitete Biographie von Pius XII. erwarten wir frühestens in drei bis fünf Jahren.»

Auch der deutsche Kirchenhistoriker und Priester Hubert Wolf rechnet damit, dass erst der Vergleich unterschiedlicher Einzelfunde ein Gesamturteil ermöglicht. Der Professor der Universität Münster will ebenfalls selbst in Rom Dokumente einsehen. Er dürfte dabei wohl auch auf Material stoßen, das Johan Ickx, Archivar des vatikanischen Staatssekretariats, schon kennt. Der Belgier hat die Öffnung im Vatikan mit vorbereitet. So wurden massenweise Dokumente digitalisiert, beschriftet, neu geordnet, wie er in Rom erzählt. Und auch er denkt bei dem Ziel, fundiertes Wissen zu erlangen, eher in Jahren als in Tagen oder Monaten.

Was trotzdem jetzt schon feststeht: Wenn am Montagmorgen die ersten Wissenschaftler den Leseraum im Vatikan betreten, wird für viele ein beruflicher Lebenstraum wahr. «Ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass das Zeit meines Lebens passieren würde. Es ist ein einmaliger, komplett einzigartiger Moment», sagt Suzanne Brown-Fleming. «Wir wollen alle die Wahrheit finden.»

Veröffentlicht am:
02. 03. 2020
10:47 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
02. 03. 2020
10:47 Uhr



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