Lade Login-Box.
Topthemen: Landtagswahl 2019Freies Wort hilftFolgen Sie uns auf InstagramSport-Tabellen

Boulevard

Film, Fernsehen und die fehlende Diversität

Menschen mit dunkler Hautfarbe bekommen gern einmal die Rolle des Gelegenheitskriminellen. Den erfolgreichen Anwalt spielt dann wieder ein Weißer. Ein typisches Problem von zu wenig Diversität im Film und im Fernsehen.



Tyron Ricketts
Tyron Ricketts möchte nicht immer nur Gauner spielen, sondern auch mal einen Anwalt.   Foto: Britta Pedersen

Diversität ist ein sperriges Wort. Tyron Ricketts weiß aber genau, was es meint. Und der Musiker, Produzent und Schauspieler («Russendisko», «Dogs of Berlin») weiß aus eigener Erfahrung auch, dass es daran in deutschen Filmen noch immer fehlt.

Ricketts (45), Sohn einer Österreicherin und eines Jamaikaners, hat seit einem Vierteljahrhundert in mehr als 60 Filmen mitgespielt. Mal als der farbige Polizist, mal als der gut gelaunte Hoteldirektor auf Mauritius, wie Ricketts bei der Media Convention Berlin (MCB, noch bis 8. Mai) erzählt. Aber nie als ein Mensch wie er selbst, «in 95 Prozent war ich immer der andere». Wenn er für eine Rolle besetzt wurde, dann oft voll nach Stereotyp und entgegen der Wirklichkeit der deutschen Gesellschaft im 21. Jahrhundert.

«Ich spiele gern einen Gangster, aber ich spiele auch gerne mal einen Anwalt - solange sich das die Waage hält.» Noch ist die Branche nicht da, wo sie in Sachen Diversität sein könnte, findet er. «Wir haben ein sehr eurozentrisches Weltbild, bei dem oft ein weißer Mann im Mittelpunkt steht. Und das hat auch Auswirkungen auf Film und Fernsehen gehabt.»

Das sieht der Casting Director Emrah Ertem ähnlich: «Es ist traurig, dass Diversität noch immer so behandelt wird, als ob es etwas völlig Neues wäre», sagte Ertem. «Warum kann Tyron Ricketts nicht einen Deutschen spielen?» Eine Bewegung in die richtige Richtung sei zum Beispiel bei ARD und ZDF durchaus zu erkennen - bei den öffentlich-rechtlichen Sendern gebe es eine immer größere Selbstverständlichkeit, Rollen divers zu besetzen.

Das hat auch Martina Zöllner beobachtet, beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) für den Programmbereich Doku und Fiktion verantwortlich. Das absehbare Ende des klassischen, linearen Fernsehens bringe auch bessere Möglichkeiten für mehr Diversität mit sich, sagt sie. Die Formate, die bisher zum Beispiel um 20.15 Uhr gezeigt werden und dann eine Standardlänge wie 45 oder 90 Minuten haben müssten, gebe es beim «Fernsehen on demand» nicht mehr in dieser Form. «Das ermöglicht auch ein neues Erzählen.» Und beim Thema Geschlechtergerechtigkeit habe sich in der Branche ohnehin schon viel getan - vor und hinter der Kamera.

Diversität breiter zu fassen und nicht auf den Mann-Frau-Aspekt zu verengen - daran liegt Skadi Loist viel. Sie ist Gastprofessorin an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf und verweist auf das Beispiel Großbritannien. Dort gibt es bereits seit 2016 «Diversity Standards», Regeln, die zum Beispiel bei der Filmförderung gelten und bei denen Diversitätsaspekte wie Alter, Religion, sexuelle Orientierung oder regionale Teilhabe berücksichtigt werden. Regionale Teilhabe? Soll heißen: Genauso wenig, wie immer nur weiße Heterosexuelle durch den Film flirten müssen, sollten auch Menschen aus Leeds oder Liverpool mal die Hauptrolle spielen - nicht immer nur Londoner.

Diversität heißt eben viel mehr: zum Beispiel, dass in Filmen auch alte, kranke Menschen zu sehen sind oder einkommensschwache - und nicht immer nur mittelalte, gut aussehende Mittelschichtler. Oder dass auch unterschiedliche Religionen gezeigt werden, Zeugen Jehovas genauso wie Hinduisten, schwule Hausmeister genauso selbstverständlich wie Transmenschen in Führungspositionen oder lesbische Lastwagenfahrerinnen.

Dass sich die Medienbranche in Richtung Diversität entwickelt, davon ist Martina Zöllner überzeugt: «Unsere Gesellschaft wird diverser», sagt sie - und das habe auch Auswirkungen auf Film und Fernsehen. Tyron Ricketts, der bei seiner eigenen Produktionsfirma Panthertainment Diversität groß schreibt, würde sich das nur das wünschen - weil er an den gleichen Effekt glaubt, nur andersherum: «Mehr Diversität im Film hat auch Einfluss auf die Gesellschaft», sagt er. «Bevor Obama Präsident wurde, konnte ich mir nicht vorstellen, dass das möglich ist.» Die Macht der Bilder gelte aber auch fürs Fernsehen. Wenn Ricketts recht hat, könnte es tatsächlich nicht nur in der Medienwelt ein Fortschritt sein, wenn Menschen mit dunkler Hautfarbe öfter mal den Anwalt und seltener den Gangster spielen.

Veröffentlicht am:
07. 05. 2019
13:40 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
ARD Barack Obama Berlin-Brandenburg Deutscher Film Fernsehen Musiker Niedrigverdiener Polizistinnen und Polizisten Religionen Rundfunk Rundfunk Berlin-Brandenburg Schauspieler Schwule ZDF Zeugen Jehovas
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Wilhelm Wieben

13.06.2019

Ehemaliger «Tagesschau»-Sprecher Wilhelm Wieben gestorben

Er gehörte einst zu den bekanntesten TV-Gesichtern Deutschlands: Wilhelm Wieben war mehr als ein Vierteljahrhundert lang Sprecher der «Tagesschau». Im Alter von 84 Jahren ist er gestorben. » mehr

«Pittiplatsch»

22.08.2019

Neue Abenteuer von Pittiplatsch

Pitti, Moppi und Schnatterinchen brechen auf zu neuen Abenteuern. Erstmals seit 1991 werden ab November neue Folgen mit den beliebten Puppen aus dem DDR-Kinderfernsehen bei «Unser Sandmännchen» zu sehen sein. Gedreht wir... » mehr

Manfred Uhlig

25.07.2019

Er moderierte «Ein Kessel Buntes»: Manfred Uhlig ist tot

Er liebte die sächsische Mundart und den Fußball-Verein BSG Chemie Leipzig: Der Kabarettist Manfred Uhlig ist tot. Mit «Ein Kessel Buntes» schrieb er in der DDR Fernsehgeschichte. » mehr

ARD-Talkshow «hart aber fair»

09.07.2019

Polit-Talkshows in der Diskussion

Kritik an Talksendungen ist so alt wie das Format selbst. Aber kurz vor der Sommerpause gab es noch einmal etwas heftigere Diskussionen - vor allem über den Umgang mit der AfD. » mehr

Wibke Bruhns gestorben

21.06.2019

«Eine Frau mit Haltung» - Wibke Bruhns ist gestorben

Wibke Bruhns war eine Pionierin im Fernsehjournalismus, die Mediengeschichte geschrieben hat. Dabei bezeichnete sich die erste Nachrichtensprecherin im bundesdeutschen TV selbst als «maulfaul». » mehr

Goldene Henne 2019

21.09.2019

«Goldene Henne»: Ostfriesen, Klopp und der junge Kerkeling

Seit einem Vierteljahrhundert wird die «Goldene Henne» an Stars aus Musik, Show und Sport verliehen. Am Freitagabend gingen die Preise an Jung und Alt. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Kirmes Viernau 2019

Kirmes Viernau |
» 62 Bilder ansehen

Drachenfest Hermannsfeld

Drachenfest Hermannsfeld |
» 13 Bilder ansehen

Stadt- und Museumsfest Sonneberg

Stadt- und Museumsfest Sonneberg |
» 31 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
07. 05. 2019
13:40 Uhr



^