Lade Login-Box.
Topthemen: Gebietsreform: Das ändert sich in SüdthüringenMobilität und EnergieFußball-Tabellen

Boulevard

Fatih Akin: Wollte dem Zuschauer Angst machen

Ein Film über einen Serienmörder - schon der Trailer zu Fatih Akins «Der Goldene Handschuh» schreckte erste Zuschauer ab. Nun feiert das mit Spannung erwartete Werk seine Berlinale-Premiere. Ein Interview mit dem Regisseur.



69. Berlinale - Fatih Akin
Fatih Akin stellt seinen Horrorfilm «Der goldene Handschuh» auf der Berlinale vor.   Foto: Gregor Fischer » zu den Bildern

Nach seinem weltweiten Erfolg mit dem NSU-Drama «Aus dem Nichts» hat Regisseur Fatih Akin einen Film über den Hamburger Serienmörder Fritz Honka gedreht, der in den 70er Jahren vier Frauen umbrachte.

«Der Goldene Handschuh» ist die Verfilmung des mehrfach ausgezeichneten Romans von Heinz Strunk. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur erzählte Akin vor der Berlinale-Premiere am Samstag, was ihm Angst macht und was das Schwierige an einem Horrorfilm ist. Sein Film ist beim Festival einer von drei deutschen Wettbewerbsbeiträgen. Am 21. Februar kommt er in die Kinos.

Frage: Nach dem Jugendfilm «Tschick» und dem NSU-Drama «Aus dem Nichts» geht «Der Goldene Handschuh» in eine ganz andere Richtung. In welchem Genre würden Sie den Film verorten?

Antwort: Horror. Ich habe einen großen, weiten Begriff von Horror. Ich denke, Horror definiert sich mit der Absicht, den Zuschauer zu erschrecken, zu ängstigen. Mit der Haltung habe ich das auch gemacht, das wollte ich: dem Zuschauer Angst machen. Und zwar auf eine Weise, dass es mir Angst machen würde.

Frage: Was macht Ihnen genau Angst?

Antwort: Wenn ich das glauben würde, was da alles passiert. Wie kaputt musst du sein, Leichen zu zersägen und sie bei dir zu Hause in der Wohnung zu bunkern? Wenn ich mir vorstelle, dass es das wirklich gegeben hat, dass das wirklich jemand gemacht hat - der Gedanke kann mir schon Angst machen.

Frage: Was ist das Schwierige an einem Horrorfilm?

Antwort: Angst zu machen.

Frage: Es ist also wichtig, wie man es inszeniert?

Antwort: Ja, ich glaube schon. Ich finde, Kunst, Autorenfilmkram, das kann jeder. Ich finde nicht, dass da wirklich Handwerk so im Vordergrund ist. In der Phase, in der ich mich jetzt befinde als Filmemacher, reizt mich das Handwerk mehr, es interessiert mich mehr. Ich denke aber, ich werde immer ein Autorenfilmer bleiben.

Frage: Wie haben Sie es hinbekommen, dass die Leinwand ständig so schmutzig und abstoßend wirkt?

Antwort: Das ist ähnlich, wie wenn man Eleganz und Schönheit erzeugen will. Man braucht wahnsinnig viele Maler, man muss mit gutem Licht arbeiten. Es ist eine technische Herangehensweise, eine handwerkliche, die mir sehr viel Spaß gemacht hat. Ich sitze jetzt gerade mit Diane Kruger an «Marlene Dietrich», und da geht es um Kostüme, das Licht und eine wahnsinnige Opulenz und Eleganz. Das ist nicht unähnlich wie Dreck herzustellen. Es ist eine andere Richtung, aber du benutzt ähnliche Mittel.

Frage: Sie ahnen sicherlich, dass der Film «Der Goldene Handschuh» sehr polarisieren wird. Was sagen Sie den Menschen, die kritisieren, Sie dürften das Elend und vor allem die Protagonisten im Film nicht so zur Schau stellen?

Antwort: Wer sagt denn, dass man das nicht darf? Dann guck den Film nicht! Muss ja auch nicht jeder gucken. Aber wenn aus einer politischen Korrektheit heraus Zensur entsteht, das empfinde ich als Angriff auf die Demokratie.

Frage: Das sind ja echte Menschen, von denen Sie hier erzählen. Darf man sie so darstellen und zeigen?

Antwort: Natürlich war die Überlegung: Wie kann ich den Opfern die Würde lassen? Es handelt von Gewalt, das ist das Thema in dem Film - wenn du einen Film über einen Serienmörder machst, der Frauen umgebracht hat, dann musst du das auch zeigen. Das liegt in der Natur der Sache. Dann geht es aber darum: Wie zeige ich das? Wo tue ich die Kamera hin in der Gewaltdarstellung? Einerseits möchte ich unterhalten, Angst machen, aber andererseits möchte ich auch berühren und erschüttern.

Frage: Können Sie das noch etwas erklären?

Antwort: Der größte Horrormoment, den ich je erlebt habe, ist wahrscheinlich von (Krzysztof) Kieslowski «Ein kurzer Film über das Töten», wo der Taxifahrer ermordet wird. Das dauert und dauert und dauert und hört nicht auf. Das war ein bisschen der Tenor am Set: Ich habe gesagt «Ich glaube, es ist nicht einfach, jemanden umzubringen, es ist nicht leicht, jemandem den Kopf abzusägen, egal wie meschugge du bist. Wie können wir das glaubhaft darstellen?» Das interessiert mich. Ich bin neugierig und interessiere mich für Menschen, ich interessiere mich auch für kaputte Menschen. Für kaputte vielleicht sogar mehr als für gesunde Menschen. Gesunde Menschen, denen geht's ja gut, die sind langweilig.

ZUR PERSON: Der Regisseur Fatih Akin, 45, gehört zu den erfolgreichsten Filmemachern seiner Generation in Deutschland. Seinen internationalen Durchbruch feierte der Sohn türkischer Eltern 2004 bei der Berlinale: Das Drama «Gegen die Wand» um eine junge Türkin in Deutschland, die gegen die Moralvorstellungen ihrer Familie rebelliert, wurde mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Akin, der auch als Produzent und Drehbuchautor arbeitet, drehte außerdem Werke wie «Soul Kitchen» und «Tschick». Zu seinen größten Erfolgen zählt «Aus dem Nichts»: Das NSU-Drama mit Diane Kruger gewann 2018 den Golden Globe für den besten fremdsprachigen Film.

Veröffentlicht am:
09. 02. 2019
19:24 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Angst Deutsche Presseagentur Diane Kruger Fatih Akin Filmfestspiele von Berlin Fritz Honka Gruselfilme und Horrorfilme Handschuhe Heinz Strunk Interviews Krzysztof Kieslowski Marlene Dietrich Serienmörder
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Fatih Akin

19.02.2019

Fatih Akin: Angst, Horror und Gewalt

Ein Film über einen Serienmörder - schon der Trailer zu Fatih Akins «Der Goldene Handschuh» schreckte manche Zuschauer ab. Nun kommt das Werk ins Kino. Ein Interview mit dem Regisseur. » mehr

Berlinale - "Der goldene Handschuh"

10.02.2019

«Der Goldene Handschuh» spaltet das Publikum

Erst in letzter Minute wurde «Der Goldene Handschuh» fertig. Fatih Akin porträtiert darin einen Serienmörder. Er sorgt auf der Berlinale zumindest für Gesprächsstoff - vorne liegt aber ein anderer deutscher Film. » mehr

Fatih Akin

13.12.2018

Fatih Akin mit «Der Goldene Handschuh» im Bären-Wettbewerb

Die Berlinale hat die ersten Filme für den offiziellen Wettbewerb bekanntgegeben. Unter den Bären-Anwärtern ist ein deutscher Regisseur, der die Trophäe schon einmal gewonnen hat. » mehr

Fatih Akin

09.02.2019

Berlinale mit Fatih Akin, Heinrich Breloer und Bollywood

Die Berlinale ist voller Kontraste. Fatih Akin stellt seinen neuen Film vor, der gruselig klingt. Aus Indien kommt eine Produktion mit Glamourfaktor. » mehr

69. Berlinale - Bill Nighy

07.02.2019

Die Berlinale, die Frauen und die K-Frage

In Berlin starten die Internationalen Filmfestspiele. Jurypräsidentin Juliette Binoche freut sich zum Auftakt über die Frauen im Wettbewerb. Und über allem schwebt die Frage, wie es mit dem Kino weitergeht. » mehr

Dieter Kosslick

29.01.2019

Dieter Kosslicks letzte Berlinale

Seit 18 Jahren ist er der wichtigste Mann der Berlinale. Nun führt Direktor Dieter Kosslick zum letzten Mal durch das Filmfest. Dabei vertraut er auch auf Ingwerwasser - und zieht Parallelen zum Mechanikerjob. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

mt-svw-brunnen001.jpg Meiningen

Schlossbrunnen Meiningen | 25.04.2019 Meiningen
» 15 Bilder ansehen

Brand Saaldorf Saaldorf

Löscheinsatz Saaldorf | 25.04.2019 Saaldorf
» 11 Bilder ansehen

Waldbrand Plaue Plaue

Waldbrand Plaue | 24.04.2019 Plaue
» 59 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
09. 02. 2019
19:24 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".