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«Der Elefantengeist» in Mannheim

Das Leben von Helmut Kohl als Bühnenstück - ein Wagnis. Denn Werke über Politiker schwanken oft zwischen Personenkult und Provokation. Das Nationaltheater Mannheim lotet auch die Bonner Republik aus.



«Der Elefantengeist»
Hinter dem Vorhang des «Kanzlerbungalows»: Ein Jahr nach dem Tod von Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), bringt das Nationaltheater Mannheim «Der Elefantengeist» auf die Bühne.   Foto: Andreas Arnold

Ein Gespenst geht um in Bonn. In den Ruinen des Kanzlerbungalows ist Helmut Kohl hinter bodenlangen Vorhängen als Silhouette zu erkennen. Davor schreiten sieben Wissenschaftler durch einen schimmernden Teppich aus Nebel zu den Klängen von John Cages «In A Landscape».

So beginnt die Regisseurin Sandra Strunz im Mannheimer Nationaltheater das Stück «Der Elefantengeist» über Helmut Kohl - als Charakterstudie und Requiem für einen unerlösten Geist: düsteres Endzeitpanorama statt blühender Landschaften. Apokohlypse Now. Das Premierenpublikum quittiert die Aufführung mit kräftigem Applaus.

In einer fernen Zukunft, so die Handlung von Autor Lukas Bärfuss, stoßen Archäologen am 43. Tag ihrer Expedition auf das verfallene und leere Bonn. Als vulgär und wahnhaft empfinden die fünf Männer und zwei Frauen die ehemalige Bundeshauptstadt, sie selbst leben in der Zeit der «Großen Einsicht» - einer Ära ohne Leidenschaft und Politik.

Umso mehr fragen sie sich: Wer war dieser sechste Kanzler, der letzte Bewohner des Bungalows? In dem zweistündigen Stück fallen Kohlsche Begriffe wie Bimbes, Saumagen und Pfälzer Schorle - nur der Name Helmut Kohl fällt nicht. Mag sein, auch aus juristischen Gründen.

Denn Bärfuss spitzt die einstige Affäre um Parteispenden und schwarze Kassen auf die These zu: Der Flick-Konzern hat Kohl mit dem Geld von Naziopfern und enteigneten Juden bestochen, eine Aufarbeitung fand nie statt. Gerade in Mannheim ist das aber ein gewagter Kunstgriff.

Nur wenige Kilometer vom Theater entfernt, über den Rhein hinweg in Ludwigshafen, lebte und starb Kohl. Und nur drei Stunden vor der Premiere von «Elefantengeist» wurde im nahen Speyer, wo Kohl seit 2017 begraben liegt, ein Abschnitt des Rheinufers nach ihm benannt.

«Die Nazis haben in der Bundesrepublik Karriere gemacht. Ihre Weltanschauung gaben sie weiter», sagt Bärfuss. Geschichte sei nicht vergangen. «Deutschland erlebt gerade, wie viele jener Geister, die man auf dem Müllhaufen der Geschichte wähnte, wieder zurückkommen», meint der Autor. Der «Elefantengeist» also als Zeitkommentar? So sieht es auch die Regisseurin Strunz. «Das Stück zielt auf die Frage, welche Haltung die Politik heute im Spannungsfeld zwischen Populismus und globalen gesellschaftlichen Herausforderungen einnehmen sollte - und weniger auf eine Erzählung von Kohls Wirken», meint sie.

Mit der Zeit nähern sich der Expeditionsleiter (Matthias Breitenbach) und seine Ehefrau (Johanna Eiworth) nicht nur äußerlich den Rollen von Helmut und Hannelore Kohl an. Doch Kohl, Merkel, Schäuble: Sie alle sind nur angedeutet. Bärfuss verzichtet auf Namen, er kommentiert nur.

Gut ist die Inszenierung dort, wo sie Strukturen demonstriert. Wie Glutnester lodern dann einige Dialoge. Doch die Qualität von «Der Elefantengeist» ist gleichzeitig seine Schwäche. Das Stück führt Rollen vor, keine Menschen. Und so trist war die Bundesrepublik, auf die Bärfuss und Strunz da zurückblicken, wohl für viele auch nicht.

Das spüren auch die Wissenschaftler, die im Laufe des Stücks immer mehr aus sich herausgehen. Die Sterilität aus der Zeit der «Großen Einsicht» ist mit einem Mal vorbei. Es wird bildstark geküsst, geraucht, geschlagen. Liebe in Zeiten der Kohl-Ära. Wie ein Dämon kommt der «Elefantengeist» des Kanzlers über die Archäologen. Und wie Karikaturen tauchen Männer in Lederhosen und musizierende Soldaten auf - für einen Moment schimmert der Große Zapfenstreich durch, mit dem die Bundeswehr 1998 den scheidenden Kanzler Kohl in Speyer ehrte.

Für Mannheims neuen Intendanten Christian Holtzhauer ist es am Eröffnungswochenende ein vielbeachteter Start. Holtzhauer sieht den «Elefantengeist» nicht als Eklat. «Ich wüsste nicht, was daran ein Tabubruch sein sollte, sich mit einer wichtigen Person der Zeitgeschichte künstlerisch auseinanderzusetzen - im Gegenteil, ich sehe darin den Auftrag der Kunst», sagt Holtzhauer. Tatsächlich gab es bereits ähnliche Stücke, etwa «Helmut Kohl läuft durch Bonn» oder das Tanzstück «Hannelore Kohl» von Johann Kresnik.

«Theater sollte nicht Personen glorifizieren oder in den Dreck ziehen, sondern gegenwärtige Strömungen kritisch untersuchen, spiegeln und kommentieren», meint die Regisseurin Strunz. Kontakt zur Witwe oder den Söhnen von Kohl habe es nicht gegeben, sagt sie. «Nein. Das war auch nicht der Ansatz.»

Veröffentlicht am:
30. 09. 2018
11:51 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
30. 09. 2018
11:51 Uhr



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