Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Podcast: Offen gesagt#GemeinsamHandelnCoronavirus in ThüringenCorona-Hilfsbörse

Boulevard

Blues-Ikone Dr. John mit 77 Jahren gestorben

Wenn der Begriff «Unikum» je auf einen US-Musiker zutraf, dann auf Dr. John. Der Sänger und Pianist vermischte wie kein anderer Rock, Blues, Jazz und Voodoo-Mystik zu einem exotischen Eintopf. Mit 77 ist die hochverehrte US-Südstaaten-Ikone nun gestorben.



Dr. John
Dr. John ist tot.   Foto: Dave Martin/AP

New Orleans trägt Trauer. Die Jazz- und Blues-Metropole muss den Verlust eines ihrer größten Musiker verkraften: Dr. John ist tot - mit 77 Jahren gestorben an einem Herzinfarkt, wie seine Familie am Donnerstag (Ortszeit) mitteilte.

Damit ende «eine einzigartige musikalische Reise», hieß es. Dieser Karriereweg war auch eine Reise in Grenzbereiche der populären Musik.

Der Sänger und Pianist - bürgerlich Malcolm «Mac» John Rebennack Jr. - spielte mit vielen Pop- und Jazz-Ikonen der vergangenen 50 Jahre. Er war seit 2011 Mitglied der Rock and Roll Hall of Fame, gewann sechs Grammys - und das mit einer höchst originellen, wilden Musik, deren Stil kaum zu definieren war. Ein Gebräu aus Rock, Blues und Jazz, das auch Soul, Funk und Boogie enthielt - abgeschmeckt mit Grooves, wie sie wohl nur im sumpfigen US-Bundesstaat Louisiana entstehen konnten. So schwarz wie dieser Dr. John klang kein anderer weißer Musiker.

Geboren am 20. November 1941 in New Orleans, kam Rebennack schon früh mit der großen Musikgeschichte seiner Heimat in Berührung. Denn sein Vater verkaufte Schallplatten und vermittelte dem Sohn die Liebe zu frühen US-Jazzern wie Louis Armstrong. Außerdem angeregt vom einflussreichen Pianisten Professor Longhair, trat der junge «Mac» schon Mitte/Ende der 50er Jahre an Piano und Gitarre in Bands auf.

Nach einem Gefängnisaufenthalt wegen Drogenhandels Anfang der 60er Jahre nahm Rebennack seinen Beruf schließlich ernst (obwohl ihm Suchtprobleme auch danach nicht erspart blieben). Er zog zeitweise an die US-Westküste, um beispielsweise mit Aretha Franklin und Sonny & Cher zu spielen. Nach und nach entwickelte er - nach dem Verlust eines Fingers nun dauerhaft am Klavier - einen eigenen Stil.

Es war ein feuriger Voodoo-Rock-Eintopf, den Dr. John schon auf seinem heute als Pop-Klassiker geltenden Debütalbum «Gris-Gris» (1968) anrichtete. Rhythm & Blues, Rock, Psychedelia und Verweise auf unheimliche, okkulte Riten brodelten in diesem Kessel. Wenige Jahre später nannte Rebennack ein Album dann auch tatsächlich «Dr. John's Gumbo» - also Eintopf.

Fasziniert von kreolischer und afrikanischer Kultur, von Voodoo-Mystik und Magie, hatte sich der Musiker inzwischen einen Alias-Namen zugelegt: Dr. John Creaux The Night Tripper, bald abgekürzt zu Dr. John. Auf der Bühne erschien er als Paradiesvogel mit Hut und Federschmuck, die Shows bordeten über vor Fantasie, er sang mit knarzig-krächzender Stimme. Sein Charisma war enorm, obwohl er einmal sagte: «Ich kann eigentlich gar nicht singen. Ich wollte auch nie ein Frontmann sein. Frontmänner haben so große Egos (...) Ich dachte einfach nicht, dass das eine gute Idee sei.»

Bald schon schauten Rock-Größen wie Mick Jagger oder Eric Clapton bei «Mac» vorbei - angezogen von diesem kompromisslos eigenständigen Stilgemisch der Südstaaten. Er wurde zum begehrten Studiosession- und Live-Pianomann. Der kommerzielle Durchbruch ließ nicht lange auf sich warten: Das Album «In The Right Place» (1973) - produziert von New-Orleans-Ikone Allen Toussaint - enthielt den Song «Right Place, Wrong Time», der es in die Top Ten der US-Charts schaffte und Dr. Johns seltsame Musik ins Mainstream-Radio brachte.

Einer der Höhepunkte dieser Karrierephase war Rebennacks Auftritt im Konzertfilm «The Last Waltz» (1978) von Martin Scorsese - zusammen mit der Crème de la Crème des nordamerikanischen Rock, Folk und Blues. Nach einer weniger kreativen und erfolgreichen Phase kehrte er 1981 mit dem Piano-Solo-Album «Dr. John Plays Mac Rebennack» eindrucksvoll zurück.

Die Jahre danach untermauerten seinen Status als hoch respektierte und verehrte New-Orleans-Legende. Tourneen und Live-Alben sowie mehrere Blues-Grammy-Auszeichnungen säumten Dr. Johns Weg als reifer und dann älterer Musiker, der sich mit Hommage-Platten für Duke Ellington und Louis Armstrong auch wieder stärker dem Jazz zuwandte.

Sein letzter großer künstlerischer Triumph war das von Dan Auerbach (The Black Keys) produzierte «Locked Down» (2012), ebenfalls ein Grammy-Gewinner. «Dan wollte wohl, dass ich da meine Geschichte erzähle», sagte Dr. John in einem Radiointerview. So habe er «viel Zeug, das ich erlebt habe in meinem Leben», einfließen lassen.

2014 schließlich wurde Dr. John bei einem All-Star-Konzert - unter anderem mit Bruce Springsteen, John Fogerty (CCR) und Mavis Staples - für sein Lebenswerk geehrt. Der Kreis hatte sich geschlossen.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
07. 06. 2019
12:55 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Aretha Franklin Blues Bruce Springsteen Cher Creedence Clearwater Revival Der Kreis GmbH & Co KG Duke Ellington Ellen DeGeneres Eric Clapton Jazz Joe Bonamassa John Cameron Fogerty Louis Armstrong Martin Scorsese Mick Jagger Musiker Musikgeschichte Pianisten Professor Longhair Songs Sänger Südstaaten Tourneen Twitter US-Westküste
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Led Zeppelin

22.03.2020

Wenn die Livemusik fehlt: Konzertfilme für Corona-Zeiten

Viele Musiker setzen in der Corona-Zwangspause auf Internet-Streams aus leeren Räumen. Doch für Rock- und Popfans auf Livemusik-Entzug gibt es noch andere Alternativen: Die besten Konzertfilme - von The Beatles bis zum «... » mehr

Bill Withers

03.04.2020

Sänger und Songwriter Bill Withers gestorben

«Just the Two of Us», «Ain't No Sunshine» oder «Lean on Me»: Die Songs von Bill Withers sind Klassiker. Geschrieben hat er sie alle kurz nacheinander, bevor er schon 1985 das Musikbusiness verließ und sich ins Privatlebe... » mehr

Ringo Starr

07.07.2020

Peace, Love & Rock'n'Roll: Ringo Starr wird 80

Als Schlagzeuger der Beatles gelangte Ringo Starr zu Weltruhm. Seine Solokarriere verlief nicht ganz so erfolgreich. Doch nach einigen Rückschlägen ist der 80-Jährige längst mit sich im Reinen und auch im Alter unerhört ... » mehr

Bob Dylan

19.06.2020

«Rough And Rowdy Ways»: Bob Dylan schließt den Kreis

Gute Nachricht für Dylan-Fans: Er kann es noch. Mit «Rough And Rowdy Ways» veröffentlicht der Literaturnobelpreisträger das kaum noch erwartete große, kluge Alterswerk. Seine neuen Lieder verknüpfen die triste Gegenwart ... » mehr

Rufus Wainwright

10.07.2020

Rufus Wainwright - Nur noch kurz den Popsong retten

Mit Ausflügen in Oper und Klassik drohte Rufus Wainwright der Pop-Welt verloren zu gehen. Umso mehr beeindruckt nun seine Rückkehr als Singer-Songwriter. Mit einem Album, das bei den Höhepunkten der eigenen Karriere ankn... » mehr

Tony Joe White

26.10.2018

Blues und Rock aus den Sümpfen - Tony Joe White gestorben

Seine Stimme und seine Gitarre prägten Rock, Blues und Soul der amerikanischen Südstaaten. Mit «Rainy Night In Georgia» schrieb Tony Joe White eine Ballade für die Ewigkeit - und viele große Songs für Weltstars wie Elvis... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

city skyliner weimar Weimar

City Skyliner in Weimar | 12.07.2020 Weimar
» 12 Bilder ansehen

Motorradunfall Linden

Motorradunfall Linden | 10.07.2020 Linden
» 7 Bilder ansehen

Verkehrsunfall Oberhof Oberhof

Unfall Oberhof | Oberhof
» 6 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
07. 06. 2019
12:55 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.