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Die Haitianer nehmen ihr Leben wieder in die Hand

Zwei Jahre nach dem großen Haiti-Erdbeben blickt man im Thüringer Partnerdorf Palmiste-à-Vin optimistisch nach vorne. Chaos und Schmerz scheinen überwunden - es geht merklich voran.

Aus Palmiste-à-Vin berichtet Markus Ermert
  • Freundlich, fröhlich und selbstbewusst wie diese Schulkinder in Palmiste-à-Vin sehen viele Haitianer nach all dem Elend der Zukunft entgegen. Foto: er
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Die Wende zum besseren Leben ist bei Familie Fesan in die letzte Treppenstufe eingraviert. "30. Mai 2011" steht da, in schnörkeliger Schrift in den Beton gemalt. Der Tag, an dem ihre fünfköpfige Familie endlich einziehen konnte in die nagelneue Holzhütte, die mit Schweizer Hilfe an einen der steilen Hügel in Palmiste-à-Vin gesetzt wurde. Eine von 600, die auf den Ruinen der zerstörten Häuser des am 12. Januar 2010 heftigst durchgeschüttelten Bergdorfs im Südwesten Haitis entstanden sind.

"Bonjour, oui, ja, es ist wieder schön hier", sagt Madame Fesan, während sie vor dem Haus das Feuer fürs Abendessen bereitet und ihre Älteste Elodie die Samstags-Wäsche erledigt. Nachbarn schwatzen, Hühner gackern - Landidyll.

Unter der Woche macht Elodie eine Ausbildung zur Tischlerin im neuen Berufsschulzweig, dem ersten überhaupt in der Region, der an der Ècole St. Charles Borromée entstanden ist - jener Schule, die mit über 100 000 Spenden-Euro der Südthüringer Zeitungsleser wieder aufgebaut worden ist und neuerdings, gelb-braun angestrichen, auch äußerlich von der neuen Zeit kündet. Vater Fesan kümmert sich um den bescheidenen Acker, baut Erbsen, Mangos, Bananen an in dem trockenen Boden. Das zerstörte Haus neben der neuen Hütte hat er zusätzlich wieder hergerichtet, sogar eine kleine Hecke davor gepflanzt, und ab und zu verdingt er sich, für vier Euro am Tag, als Helfer auf einer der Baustellen, die inzwischen die Szenerie rund um Palmiste-à-Vin prägen.

    
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leben_haiti
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Impressionen aus Palmiste-à-Vin
Palmiste-à-Vin
06.02.2012
    

Häuser, Arbeit, Ausbildung: Die Bauernfamilien haben wieder etwas, auf das sie ihre Zukunft bauen können. Wenngleich sie weiter in bescheidenster Einfachheit leben, ohne Strom und fließendes Wasser, oft mit sechs, acht Personen in ihren Ein-Raum-Hütten. "Es ist wichtig, dass die Leute merken, dass es vorangeht", sagt Frère Olizard. Der umtriebige Abt des örtlichen Laienklosters übernimmt als Schulträger, Wasserversorger, Ideen- und Arbeitgeber praktisch die Rolle von Staatsbehörden und Unternehmerschaft, die es in der Region faktisch nicht gibt. Als Spenden-Partner von "Freies Wort hilft" und Ilm-Kreis wacht der landauf, landab bekannte und respektierte Olizard über die korrekte Verwendung der Gelder aus Thüringen - und lebt selbst mit seinen Klosterbrüdern in einem spartanischen Holzbau, dessen einziger Luxus die drei Stunden Elektrizität pro Tag sind, die der Dieselgenerator liefert.

    
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schule_haiti
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Kinderlachen auf Haiti
Palmiste-à-Vin
03.02.2012
    

Auch 15 Kilometer talabwärts, in der Küsten-Kleinstadt Léogane, haben sich Stimmung und Lage deutlich gebessert. Dort, im Epizentrum des Erdbebens, prägten vor einem Jahr noch Trümmer und Trauma der Katastrophe den Alltag. Das erschütternd elende Obdachlosenlager im einstigen Fußballstadion ist seit zwei Monaten aufgelöst; an den Straßenrändern sind anstelle von Schutt und Müll nun überall Sand und Zementziegel zu sehen. Musik, Lachen, das Brummen der Mopeds und das Donnern der abenteuerlich überladenen Bau-Lkws - Zeichen des Aufbruchs, abzulesen auch in den Gesichtern der vielen Kinder, die wieder diese zurückhaltende Fröhlichkeit und einnehmende Freundlichkeit ausstrahlen, die die sympathischen Menschen in Haiti auszeichnen.

    
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wasser_haiti
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Schutz für kostbares Wasser
Palmiste-à-Vin
05.02.2012
    

L'homme pas dieu, "der Mensch ist kein Gott", steht auf einem der Taptaps, den bunt bemalten Lastwagen, in die sich die Leute zwängen auf dem Weg zum Tagelöhner-Job, zur Schuleoder auf der Suche nach dem billigen Stück Holzkohle fürs nächste Essen. Wie wahr: Gott, so sagen die frommen Haitianer, hat ihr gebeuteltes Land seit langem vergessen - aber die Menschen sind dabei, sich wieder selber eine Zukunft zu schaffen.

Das Haiti-Erdbeben und die Folgen

Beim Erdbeben am 12. Januar 2010, eine Stunde vor Sonnenuntergang, und den über 40 nächtlichen Nachbeben starben mindestens 300 000 Menschen, weitere 310 000 wurden verletzt. 1,85 Millionen der knapp 10 Millionen Haitianer wurden obdachlos. Trotz der Fortschritte in jüngster Zeit leben immer noch 515 000 Menschen unter üblen Bedingungen in Zeltlagern. Von den zugesagten 10 Milliarden US-Dollar an internationaler Hilfe ist erst ein kleiner Bruchteil angekommen. Während die Hauptstadt Port-au-Prince weiter vom Chaos einer untätigen Regierung und oft ziellos agierender Helfer geprägt ist, geht es in den ländlichen Regionen mit ihren örtlichen Akteuren viel besser voran - auch in Palmiste-à-Vin, wo fast alle der rund 600 zerstörten Häuser wieder aufgebaut sind.


    
    

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