zuletzt bearbeitet: 13.12.2011 10:11 Uhr
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Intelligente Lösungen gesucht
Eine Entscheidung darüber, ob die Stromtrasse durch den Thüringer Wald gebaut werden darf, ist noch nicht gefallen. Die Entwicklung auf dem Energiemarkt wirft immer mehr die Frage auf, ob sie nötig ist.
Der Andrang war groß, als im Mai dieses Jahres die Planer und die Gegner der Stromtrasse durch den Thüringer Wald bei den Anhörungen zum Planfeststellungsverfahrens zum ersten Bauabschnitt in Arnstadt und Ilmenau aufeinandertrafen. Seit dem ist zumindest öffentlich nicht viel geschehen. Das Verfahren laufe noch, heißt es auch jetzt wieder aus dem zuständigen Landesverwaltungsamt in Weimar. Doch die Entwicklung auf dem Energiemarkt verläuft so rasant, dass sich immer mehr die Frage stellt, ob die Höchstspannungsleitung in der geplanten Form wirklich ein Projekt mit Zukunft oder nicht ein Relikt der Vergangenheit ist. Immerhin soll noch in diesem Jahr eine Entscheidung fallen, heißt es von der Behörde aus Weimar.
Anderswo in Thüringen beschäftigt man sich derzeit mit ganz anderen Problemen. Zum Beispiel mit der Frage, wie einheimische Unternehmen von der Energiewende profitieren können. Thüringen gilt als Land der Automobilzulieferer. Hat es noch eine Zukunft, wenn in wenigen Jahren ein deutlicher Anteil der verkauften Autos nicht mehr von Benzin oder Diesel angetrieben wird, sondern von elektrischem Strom?
Das Stromnetz in seiner heutigen Form scheint dafür nicht ausgelegt zu sein. Zu diesem Ergebnis jedenfalls kommt eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Anwendungs- und Systemtechnik in Ilmenau. Das ernüchternde Ergebnis der Wissenschaftler: Im günstigsten Fall schmoren nur die Kondensatoren durch. In einem groß angelegten Versuch haben die Wissenschaftler simuliert, was passieren würde, wenn in nur zehn Prozent der Haushalte im normalen Ortsnetz plötzlich ein Elektroauto zum Aufladen angestöpselt würde. Das Netz wäre überlastet.
Für große Distanzen
Das liegt jedoch nicht daran, dass die Stromtrasse durch den Thüringer Wald noch nicht gebaut ist. Die hat mit dem Aufladen von Elektroautos nämlich nichts zu tun. Durch sie soll Höchstspannung fließen, 380 Kilovolt. Mit dieser Spannung transportieren Energiekonzerne den Strom über große Distanzen. Doch Elektroautos werden an der heimischen Steckdose geladen.
Hierfür sind intelligente Stromnetze gefragt. Und diese sind vielleicht nicht mehr auf lange Leitungen über Land angewiesen, sondern sind regional oder dezentral organisiert. Nur so machen die erneuerbaren Energien nach Meinung vieler Experten wirklich Sinn. Und genau an diesen Netzen arbeiten die Ilmenauer Wissenschaftler im Verbund mit mehreren anderen Unternehmen und Forschungseinrichtungen. Die Ilmenauer Innovationsberatung Innoman hat für dieses Projekt die Moderation übernommen. Ziel der gemeinsamen Arbeit ist aber nicht nur die Entwicklung eines intelligenten Stromnetzes. "Unser Ansatz setzt viel früher an. Ich gehe davon aus, dass die Elektromobilität unser Leben viel tiefgreifender beeinflussen wird. Darauf müssen wir unsere Systeme vorbereiten", sagt Frank Schnellhardt, Geschäftsführer bei Innoman. Seine Vision: Intelligente Verkehrswege, die Staus vermeiden und so helfen, dass die Energie von Elektroautos optimal genutzt werden kann. Ein erster Feldversuch hierfür ist in Erfurt in Vorbereitung.
Um die Stromnetze nicht zu überlasten tüftelt Schnellhardt mit den beteiligten Unternehmen zudem an einer intelligenten Ladestation für die heimische Steckdose. Der Strom soll quasi nur dann fließen, wenn auch Platz im Netz ist. Helfen soll dabei die Steuertechnik, die ein Unternehmen aus Ruhla eigentlich für Funkuhren entwickelt hat. Diese könnte in dem Moment, in dem das Elektroauto angestöpselt wird, dem Versorger signalisieren, wieviel Strom bis zu welcher Uhrzeit gebraucht wird, um die Batterien wieder aufzuladen. Der Versorger könnte die benötigte Strommenge dann so über sein Netz liefern, dass dieses nicht überlastet wird.
Schnellhardt ist jedoch davon überzeugt, dass dies nur ein erster Schritt der Entwicklung sein kann. "Alle reden derzeit davon, dass die Autos mit künftig mit dem günstigen Nachtstrom geladen werden sollen. Allerdings kommt dieser Strom in erster Linie aus Kern- und Kohlekraftwerken. Wenn es diese künftig nicht mehr geben soll, dann gibt es auch keinen Nachtstrom mehr", erklärt der Innovationsberater. Künftig dürften die Versorger eher um die Mittagszeit herum ein Interesse haben, Strom aus ihrem Netz loszuwerden. Dann nämlich, wenn die Sonne am kräftigsten scheint und die Photovoltaik-Anlagen ihr Licht in Strom umwandeln.
Sinnvoll wären aus Schnellhardts Sicht also Lösungen, die es ermöglichten, Autos während der Arbeitszeit aufzuladen. Technisch ist das durchaus machbar, doch die Gesetzgebung stehe dem derzeit noch im Weg. "In dem Moment, in dem ein Arbeitgeber seinem Mitarbeiter Strom verkauft wird er zum Energiehändler und unterliegt damit dem Energiewirtschaftsgesetz", so Schnellhardt. Die Folge: Das Unternehmen würde behandelt wie ein Versorger, wie jedes Stadtwerk und müsste auch Durchleitungsgebühren zahlen. Das Verfahren sei derzeit noch so kompliziert, dass Stromtankstellen eben nicht ohne weiteres an jeder Straßenecke entstehen könnten.
Trotzdem sieht Schnellhardt in der Elektromobilität großes Potenzial für die Thüringer Wirtschaft. In der Elektro- und Steuerungstechnik sei man gut aufgestellt. Nun gelte es diese Kompetenz in dem neuen Wirtschaftszweig zu platzieren.
Anschluss nicht verpassen
Helfen soll dabei die Bewerbung des Freistaats zur Schaufensterregion Elektromobilität. Durch den Wettbewerb des Bundesverkehrsministeriums könnte ein dreistelliger Millionenbetrag an Fördermitteln nach Thüringen fließen. Um Produkte rund um die Elektromobilität zur Marktreife zu bringen. Alleine werden dem Freistaat jedoch geringe Chancen in dem Wettbewerb eingeräumt. Geplant ist daher eine Bewerbung gemeinsam mit Sachsen-Anhalt und Sachsen, doch vor allem die Sachsen zieren sich noch ein wenig. Vermutlich geht es dabei um die Frage, wer in einem solchen Projekt die Führung übernehmen soll.
Schnellhardt hält das Projekt jedoch für wichtig. Alleine, um dafür zu sorgen, dass Unternehmen begreifen, dass sie sich mit diesem Geschäftsfeld auseinander setzen müssen, um den Anschluss nicht zu verpassen. Sonst könnte es passieren, dass Thüringen künftig nicht mehr als Land der Automobilzulieferer gilt. Weil sie dann vielleicht Teile fertigen, die in Autos gar nicht mehr gebraucht werden.
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