zuletzt bearbeitet: 03.02.2012 09:12 Uhr
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"Der Wettbewerb tut dem Standort gut"
Vor einem halben Jahr hat der Brite Andrew Dickinson die Leitung des Triebwerkwartungswerks N3 in Arnstadt übernommen. Ein Gespräch über die Pläne für das Unternehmen und die Vorteile eines strengen Winters.
Herr Dickinson, wie gefällt Ihnen der strenge Thüringer Winter?
Eigentlich sehr gut, auch wenn es zur Zeit wirklich kalt ist. Bevor ich nach Arnstadt kam habe ich einige Jahre in Singapur gelebt und gearbeitet. Jeden Tag 30 Grad, jeden Tag hohe Luftfeuchtigkeit. Da war der Wechsel nach Deutschland schon eine Umstellung. Es ist mein erster Winter seit vier Jahren. Aber ich mag es, wenn man den Wechsel der Jahreszeiten sieht und spürt. Und die Kälte jetzt macht mir Hoffnung auf einen guten Sommer.
Sind Sie denn nach einem halben Jahr schon in Thüringen heimisch geworden?
Schon längst. Ich hatte das große Glück, dass ich hier in eine Unternehmensfamilie gekommen bin, in der ich schon viele Mitglieder kannte durch meine vorherigen Aufgaben für Rolls-Royce. Das hat es mir leicht gemacht, mich in Thüringen einzuleben. Ich habe eine Menge alte Freunde und Kollegen wiedergetroffen und schon viele neue hinzugewonnen. So dass ich sagen kann, ich habe mich hier vom ersten Tag an heimisch gefühlt.
Ist das der große Vorteil eines internationalen Joint-Ventures wie N3, dass man dort immer wieder vertraute Gesichter trifft?
Auf jeden Fall. Diese Tatsache hat mir auch die Entscheidung sehr leicht gemacht, als man mich vor einigen Jahren fragte, ob ich mir vorstellen könnte, die Leitung dieses Unternehmens zu übernehmen. Ich weiß, wie die Prozesse in diesem Unternehmen laufen und brauchte keine Einarbeitungszeit von einem halben Jahr.
Entwickelt sich das Unternehmen N3 aus Ihrer Sicht so, wie es bei der Gründung vor neun Jahren gedacht war?
Die Triebwerke, die wir hier überholen, die Modelle Trent 500, 700 und 900 sind sehr gefragte Produkte auf dem Markt, so dass wir unsere Auslastung Jahr für Jahr steigern konnten. Allein in diesem Jahr rechnen wir damit, dass wir 20 Prozent mehr Triebwerke überholen werden als noch im vergangenen Jahr. Das Unternehmen lief vielleicht etwas langsamer an, als wir es uns erhofft hatten, aber inzwischen erreichen wir die Stückzahlen, für die das Werk geplant wurde.
Das ist eine gute Leistung, denn die Luftfahrtindustrie unterlag in den vergangenen Jahren Einflüssen, die man nicht erahnen konnte. Wenn man einen Geschäftsplan aufstellt, dann kann man Ereignisse wie den 11. September 2001 oder eine weltweite Finanzkrise wie 2008 nicht vorhersehen. Doch diese haben enorme Einflüsse auf die Luftfahrtindustrie gehabt. Unter diesen Rahmenbedingungen sind wir mit der Entwicklung von N3 sehr zufrieden.
Also hat die Finanzkrise N3 nicht beeinflusst, auch wenn Fluggesellschaften vielleicht weniger Flugzeuge bestellt haben und damit weniger Triebwerke überholt werden müssen?
Es kann sein, dass der eine oder andere Schritt nicht in dem Tempo gemacht werden konnte wie erhofft. Tatsache ist, dass die Fluggesellschaften auch in den vergangenen Jahren eine Menge neuer Flugzeuge bestellt haben, von denen viele mit unseren Triebwerken ausgerüstet werden. So lange das der Fall ist, wird die Entwicklung von N3 stetig vorangehen. Denn wenn die Fluggesellschaften diese Flugzeuge in Dienst nehmen, dann brauchen sie auch Service dafür.
Die gute Nachricht für Thüringen und für Mitarbeiter von N3 ist daher, dass wir ein stabiles Geschäft haben und nicht so sehr von den globalen Einflüssen berührt werden. Solange das der Fall ist werden wir für lange Zeit hier in Thüringen sein.
Aber sind es nicht vor allem die asiatischen und arabischen Fluggesellschaften, die in den vergangenen Jahren große Stückzahlen geordert haben? Das ist nicht gerade der Markt für N3.
Das stimmt, unsere Kunden kommen aus Europa, Afrika und aus der Gemeinschaft unabhängiger Staaten. Doch auch hier wurden in den vergangenen Jahren eine Menge neue Flugzeuge in Dienst genommen. Kein Grund also, sich um die weitere Entwicklung in Arnstadt zu sorgen.
Rolls-Royce hatte im vergangenen Jahr einige Probleme mit den Trent-900-Triebwerken des Airbus A380. Bei einem Quantas-Flieger fing eines Feuer. Haben diese Probleme Einfluss auf das Geschäft von N3?
Nein, wir sind seit 2010 darauf vorbereitet, Triebwerke dieses Typs in die Wartung zu nehmen. Es kann nun höchstens passieren, dass bestimmte Motoren früher zu uns kommen. In diesem Jahr werden wahrscheinlich 35 Trent-900-Triebwerke bei uns überholt.
Und es besteht auch nicht die Gefahr, dass Kunden Rolls-Royce den Rücken kehren und sich für Konkurrenzprodukte entscheiden?
Die Gründe für die Probleme wurden lokalisiert und die Fehler behoben, so dass ich überzeugt davon bin, dass die Airlines bei ihrer ursprünglichen Entscheidung bleiben.
Welche Pläne haben Sie für dieses Jahr für das Unternehmen?
In diesem Jahr werden 20 Prozent mehr Triebwerke unseren Service durchlaufen als noch im Jahr zuvor. In unseren aktuellen Planungen gehen wir von 110 Turbinen aus. Das hat uns in den vergangenen sechs Monaten eine Menge Arbeit beschert, denn wir mussten für dieses Wachstum 60 Fachkräfte finden und einarbeiten. Das ist die Herausforderung, vor der wir in den kommenden zehn Jahren stehen, für das weitere Wachstum immer genug Mitarbeiter zu finden.
Ist es schon ein Problem, geeignetes Personal zu finden?
Auf der Ebene der Fachkräfte nicht. Hier bekommen wir fast täglich neue Bewerbungen. Allerdings spüren wir, dass das Industriegebiet Erfurter Kreuz wächst und in der Nachbarschaft inzwischen viele andere interessante Arbeitgeber zu finden sind. Probleme bereitet uns allerdings die Suche nach geeigneten Ingenieuren. Hier stehen wir in einem weltweiten Wettbewerb, denn die Zahl der Luftfahrt-Ingenieure ist sehr beschränkt.
Woher kommen Ihre Bewerber?
Die meisten Bewerbungen für Anstellungen als Fachkräfte in der Triebwerküberholung erhalten wir nach wie vor aus der Region, das Interesse ist groß.
Sie engagieren sich für die Gewinnung von Fachkräften auch in der Initiative Erfurter Kreuz. Zeigt dieses Engagement bereits Erfolg?
Oh ja, bei der jüngsten Veranstaltung haben wir 250 Besucher durch unser Unternehmen geführt und der Andrang an unserem Bewerbungsstand war groß.
Nun stehen Sie mit den anderen Mitgliedern der Initiative aber auch in Konkurrenz um Arbeitskräfte. Ist das ein Problem?
Ich würde es nicht als Konkurrenz oder Wettbewerb bezeichnen. Wir alle sind auf der Suche nach den besten Köpfen. Und es ist gut für den Standort Erfurter Kreuz, dass Bewerber wissen, dass hier mehr ist als nur ein interessantes Unternehmen. Das lenkt mehr Aufmerksamkeit auf den gesamten Standort. Und das kann nur gut für ganz Thüringen sein.
Interview: Jolf Schneider
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