zuletzt bearbeitet: 12.08.2011 09:25 Uhr
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Wenn die Fische bluten müssen
Während die Betreiber von Wasserkraftanlagen vom ökologischen Nutzen ihrer Anlagen überzeugt sind, sehen das die Fischfreunde unter den Naturschützern ganz anders.
Wenn Gerhard Kemmler Wasserkraftanlagen sieht, dann sieht er zumeist Rot. Die eigentlich als ökologisch und nützlich eingestuften Stromerzeuger sind für ihn regelrechte Mordmaschinen. Der Aal und andere angesaugte Fische würden in ihnen zerhäckselt, sagt der Vizepräsident des Verbands für Angeln und Naturschutz Thüringen.
Der Aal sei besonders betroffen. Auf dem Weg zum Meer muss er viele gefährliche Passagen einzelner Wasserkraftwerke meistern. "Der Aal geht immer mit der Hauptströmung und die führt direkt in die Turbinen", sagt Kemmler. Auch wegen ihrer Körperform gelten Aale als besonders gefährdet. "Inzwischen haben wir in Thüringen nur noch eine Handvoll", bedauert der Fischfreund. Im Durchschnitt, sagt er, verenden 20 bis 25 Prozent aller Fische - quer durch alle Arten - beim Abstieg an jedem Wasserkraftstandort, bei Aalen seien es sogar bis zu 40 Prozent. Kemmler beruft sich dabei auf Studien und Gutachten.
Auch die EU hat den Kreuzweg des Aals auf dem Schirm. Laut einer EU-Aalverordnung sollen 40 Prozent der laichfähigen Tiere auch im Meer ankommen. Für die Thüringer Gewässer sei das ausgeschlossen, sagt Kemmler.
Der Lachs geht den umgekehrten Weg des Aals, er folgt seinem Geruchssinn und seinem Gedächtnis und kehrt in die Oberläufe der Flüsse zurück, in denen er selbst zur Welt kam. Doch ihn hindern Wehre zum Anstauen der Flüsse daran, in seine Laichgebiete zu gelangen. Nur dort findet er die geeigneten Bedingungen: kieshaltigen Boden und sauerstoffreiches Wasser.
"Viele denken, wenn an einem Querbau eine Fischtreppe gebaut wird, ist alles wunderbar. Aber die wenigsten funktionieren richtig", moniert Kemmler. "Eine Fischtreppe kann noch so gut angelegt sein, bei minimalen Strömungsänderungen finden sie die Fische nicht mehr." In den Flusssystemen Weser-Werra und Elbe-Saale müssten allein bis an die Landesgrenze jeweils 20 Querbauwerke gemeistert werden. Kemmler sagt, dass fünf bis zehn Prozent der Fische die Aufstiegsanlage nicht finden oder überwinden. "Und in Thüringen sind es noch mal jeweils rund 20 Querbauwerke." Die Folge: Viele Arten erreichen ihre Hauptlaichgebiete nicht mehr. "Ohne den Besatz durch die Angler würde die Reproduktion gegen Null tendieren", sagt er. Die meisten der mehr als 30 Flussfischarten kommen in Thüringen sehr selten vor - das Flussneunauge gar nicht mehr.
Es sind vor allem die kleinen Kraftwerke, die Angler erzürnen. Sie werden durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz in besonderem Maße gefördert. "Viele Anlagen wären sonst nie gebaut oder reaktiviert worden, weil sie sich nicht rentieren würden", sagt Kemmler. "Da ging es nur um private Interessen und das ohne ökologische Festlegungen zu treffen." Lediglich finanzielle Anreize in Form höherer Einspeisevergütung bei ökologischer Nachbesserung wurden gesetzt.
Potenzial ausgeschöpft
Im vergangenen Jahr waren in Thüringen mehr als 180 Wasserkraftanlagen installiert - Gesamtleistung 31 Megawatt. Ihre Zahl nahm in den letzten Jahren immer weiter zu, der Anteil der Wasserkraft am Anteil der erneuerbaren Energien stagnierte bei maximal zwei bis drei Prozent. "Eine Handvoll Windräder würde bereits ausreichen, um sie zu ersetzen", sagt Kemmler.
Das Umweltministerium hat inzwischen angekündigt, dass das Potenzial der Wasserkraft weitgehend ausgeschöpft sei. Thomas Weyh, beim BUND Thüringen für das Projekt lebendige Werra zuständig, spricht von einem Konflikt innerhalb des Naturschutzes. Einerseits gehe es darum regenerative Energien auszubauen, auf der anderen Seite gebe es in den Gewässern das Problem der Durchgängigkeit. Der BUND vertrete daher die Position, dass bei kleineren Wasserkraftwerken, in kleineren Flüssen, der Schaden für den Lebensraum größer ist als der Nutzen durch die gewonnene Energie.
Uwe Müller, Präsident des Fischereiverbands und bei der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie (TLUG) für Naturschutz zuständig, hält nichts von "einseitigen Ansätzen". Er stuft die Probleme, die Wasserkraft bei der Fischwanderung verursacht weniger problematisch ein. Wenn man an jedem Wasserkraftwerk einen Verlust von 20 Prozent hätte, bliebe ja schon nach fünfen nicht mehr viel übrig, sagt er. "Es gibt nur wenige Anlagen mit massiven Schäden und es gibt Anlagen, da hat man kaum welche." Der Abstieg finde meist bei Hochwasserereignissen statt und da fließe ein Großteil des Wassers über das Wehr. Bei viel Treibgut würden die Turbinen zudem außer Betrieb genommen.
Müller, der selbst an der Stedtener Mühle an der Ilm bei Kranichfeld ein Wasserrad betreibt, hält Aufstiegsmöglichkeiten an den Wehren für umso wichtiger, damit flussaufwärts wandernde Fische ihre Laichgebiete erreichen. Er selbst ist Patentinhaber für eine Fischwendeltreppe, die am Mühlgraben gebaut wurde. "Interessant ist ja, dass die Fischerträge vor mehr als 100 Jahren als gut bezeichnet wurden. Damals gab es aber mehr Mühlwerke und auch viel mehr Laufwasserkraftwerke", sagt Müller.
Viele Faktoren wichtig
Er führt den Rückgang der Fischbestände auch auf die stärkere Abwasserbelastung durch Industrialisierung, Intensivierung der Landwirtschaft, zunehmende Besiedlung und auf den Kormoran zurück. "2005 hatten wir einen super Fischbestand an der Ilm. Im Winter, als die Seen zugefroren waren, kam der Kormoran", sagt Müller. 2006 seien nur noch kleine Fische da gewesen. "Wir haben mittlerweile zwei Millionen Kormorane in Europa, die fressen 1000 Tonnen Fisch pro Tag."
"Viele Faktoren haben Einfluss auf den Fischbestand", sagt auch Biologe Wolfgang Schmalz, der in Breitenbach (Kreis Hildburghausen) eine Fischökologische Untersuchungsstelle betreibt. Er führt neben der Gewässerdurchgängigkeit auch die Uferbeschaffenheit oder die Fließgeschwindigkeit des Wassers an. Aber wie gefährlich sind nun Wasserkraftanlagen für die Fische? Alles von Standortfaktoren und der technischen Lösung abhängig, sagt Schmalz. "Ich kenne aber keine Anlage, bei der es keine Fischschäden gibt und keine, bei der hinten nur Fischbrei rauskommt." Allgemeingültige prozentuale Aussagen seien schwer zu treffen, sagt er. Die Art, das Alter oder auch die Fischgröße hätten Einfluss.
Aber wie kann Wasserkraft grün betrieben werden - ohne rote Einfärbungen vom Blut der Fische? "Ganz wichtig sind gut gebaute und richtig berechnete Fischaufstiegs- und abstiegsmöglichkeiten", sagt Schmalz. Deswegen müsse man auch beim Abwandern der Fische Lösungen schaffen, etwa durch Rohrsysteme, sogenannte Bypässe in Verbindung mit geeigneten Rechensystemen.
Für Sven Richter ist Wasserkraft eine gute Lösung Strom zu erzeugen. "Natürlich gibt es Fischschäden", sagt er, "aber nur im kleinen Rahmen". Richter betreibt ein Ingenieurbüro, das sich auf Wasserkraftanlagen spezialisiert hat. Jahrelang war er Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Thüringer Wasserkraftwerke. Ohne die technischen Lösungen zur Reduzierung von Fischschäden, also mechanische Schutzrechen und ökologische Durchgangsmöglichkeiten - seien nach der Wende ohnehin keine neuen Wasserkraftwerke mehr genehmigt worden.
Guter Zustand gefordert
Allerdings kann sich die Nutzung der Wasserkraft mancherorts auf sogenannte alte Rechte stützen, Nutzungsrechte, die aus DDR-Zeiten stammen oder gar bis ins 17. Jahrhundert zurück reichen. Die Durchsetzung von ökologischen Zielen durch Wasserbehörden gilt bei "alten Rechten" teilweise als schwierig. Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie verlangt aber genau das. Lebensräume in den Gewässern müssen einen "guten Zustand" haben. Bisher erfüllen 90 Prozent der Thüringer Flüsse diese Kriterien nicht. Bis 2015 sind deswegen 685 Projekte an Querbauwerken geplant, um Fischpassagen zu schaffen, darüber hinaus macht der Freistaat von der Fristverlängerung bis maximal 2027 Gebrauch.
Manch einem Betreiber stehen so in den nächsten Jahren deftige Auflagen ins Haus. "Es geht um wirtschaftliche Existenzen", sagt Richter. Er rechnet insgesamt mit einer sechsstelligen Summe, um nachträgliche Auflagen zu erfüllen. Betreiber von kleinen Kraftwerken könnten sich das nicht leisten. Man müsse viel Geld in die Hand nehmen oder Anlagen zurückbauen. Viele Betreiber müssten aber noch Kredite abbezahlen, seit der Wende hätten die mehr als 80 Mitglieder mindestens 100 Millionen Euro investiert. Insofern sei man auf die Umsätze aus der Einspeisevergütung angewiesen - ein Thüringer Wasserkraftbetreiber erreicht pro Jahr zwischen 5000 und 800 000 Euro Umsatz durch die Einspeisungsvergütung.
Welche Position zur Wasserkraft vertritt das Thüringer Umweltministerium?
Sprecherin Madlen Domaschke: Das Spannungsfeld liegt derzeit im Wesentlichen in der Erreichung der Bewirtschaftungsziele der Wasserrahmenrichtlinie, nämlich eines guten Gewässerzustands. Sofern die Nutzung der Wasserkraft diese Ziele nicht gefährdet, ist sie als regenerative Energie willkommen.
Wer ist für den Rückbau der Querbauwerke verantwortlich?
Domaschke: Das häng davon ab, wer das Recht zum Anstauen des Wassers hat oder Eigentümer der Wehranlage ist. Das können der Freistaat Thüringen, Kommunen oder aber auch Dritte (z. B. Wasserkraftbetreiber) sein.
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