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Wenn aus Brüdern Feinde werden

Der Dachverband der Deutschen Burschenschaften ist tief gespalten, der Graben zwischen Völkischen und National-Liberalen inzwischen zementiert. Thüringer Verbindungen sind schon vor Jahren ausgetreten.

Von Yvonne Reißig
  • Einst Brüder am Glase und im Geiste: Burschenschafter bei einem Frühschoppen unterhalb des Burschenschaftsdenkmals in Eisenach 1999. Foto: dpa/Archiv
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Jena/Stuttgart - Die Tage sind trüb in Jena. Es ist nasskalt, eben November. Wohnheimplätze sind knapp, aber umso begehrter. Die Jenenser Burschenschaften haben ein eigenes Wohnheim. Es steht inmitten eines herrlichen Villenviertels. Gleich gegenüber thront das Verbindungshaus. Hier - am Steiger - leben, lernen, feiern und diskutieren die Brüder der Teutonia zu Jena. Seit 1815 sind sie in der Thüringer Stadt vertreten. Getreu ihrem alten Motto: Ehre, Freiheit, Vaterland.

Doch die heutigen Mitglieder halten den Leitspruch durchaus für etwas antiquiert. Zudem wollen sie sich massiv gegen den deutschlandweiten Rechtsruck der Burschenschaften abgrenzen. Aus dem Dachverband trat die Thüringer Verbindung schon vor vielen Jahren aus. "Wir wollten klare Zeichen setzen und arbeiten eben nur mit manchen Verbindungen, die klar liberal aufgestellt sind, zusammen", sagt Teutonia-Sprecher Oliver Lucas, ein knapp Zwanzigjähriger.

"Wir sind ganz normale junge Menschen, die studieren und das Studentenleben genießen wollen. Dafür ist so eine Burschenschaft optimal." Doch vor rechtsgerichteten Tendenzen wollen sie sich und ihre Verbindung schützen. Gut ein Jahr lang werden Neuankömmlinge auf Herz und Nieren geprüft: "Sobald uns etwas seltsam vorkommt, wird der Neue nicht aufgenommen."

Der deutschlandweite Machtkampf zwischen völkischen und national-liberalen Bünden ist spätestens vor einem Jahr in Eisenach auf dem Deutschen Burschentag eskaliert. Jetzt offenbart sich wieder in Stuttgart zum Sondertreffen: Burschenschaften wirken wie ein Magnet auf rechtsextreme Aktivisten.

Die ewig klamme braune Szene locken vor allem die Ressourcen - und ebenso die scheinbare ideologische Übereinstimmung: Ehre, Freiheit, Vaterland. So formieren sich auch alle Jahre wieder in Eisenach unterhalb des Burschenschaftsdenkmals die Fackelträger. Dann singen die Burschen ihr Lied, das Deutschlandlied, in den Abendhimmel Eisenachs.

Nein, nicht etwa nur die dritte Strophe, die deutsche Nationalhymne. Sie singen alle drei: Deutschland, Deutschland über alles. Doch die heutigen Burschen hätten keine großdeutschen Ambitionen - weder unterm Eisenacher Sternenhimmel, noch sonst irgendwo. Das bestätigen auch die Jenenser Burschen. Sie sind nur verbunden mit ihrer Geschichte.

Dennoch sind die Burschenschaften zum Teil zum rechten Sammelbecken geworden. Höhepunkt: Die rassistischen Forderungen einiger Burschenschafter in den sogenannten Ariernachweis-Anträgen. Der Streit darum endete am vergangenen Wochenende nach fast zwei Jahren, zumindest vorläufig: Nun ist die tiefe Spaltung besiegelt. Die Massenflucht der national-liberalen Bündnisse aus dem Dachverband hat längst begonnen. In den kommenden Wochen werden auch die wenigen verbliebenen austreten. Vor Jahren waren die Jenenser ziemlich allein mit ihrem Austritt, nun sind sie unter vielen Freunden und Verbündeten. So gerät allerdings der Dachverband vollends unter die Kontrolle völkisch-großdeutscher Phantasten.

Die völkischen Bünde "sehen sich selbst im Kampf mit der Gesellschaft", sagt Michael Schmidt, Sprecher der Liberalen. Der Riss verläuft zwischen Verfassungstreuen und Verfassungsfeinden.

Weiter nach rechts

Der Dachverband wird nach dem neuerlichen Aderlass mit höchstens 90 Bünden nur eine Minderheit der insgesamt etwa 300 Burschenschaften im deutschsprachigen Raum vertreten. Überhaupt sind heutzutage nur ein bis zwei Prozent der Studierenden überhaupt noch so organisiert. Michael Schmidt schloss nicht aus, dass er selbst einen neuen Dachverband gründen könnte.

Offene Fragen sollen nach den Worten des Sprechers der Deutschen Burschenschaft, Walter Tributsch, beim nächsten Burschentag in Eisenach im kommenden Jahr beantwortet werden. Dazu gehört auch eine Entscheidung über die Deutschstämmigkeit - den sogenannten Ariernachweis - als Aufnahmekriterium in eine Burschenschaft. Eine Kommission der Burschenschaften soll sich bis zum nächsten Treffen in Eisenach mit dem Thema befassen. Bis dahin gelte die Regelung aus dem Jahr 1971, wonach in eine Burschenschaft "männliche Studierende an Hochschulen, die Deutsche sind" aufgenommen werden können, so Tributsch.

Schmidt spricht davon, dass sich die Konservativen beim Sondertreffen durchgesetzt haben. Der Burschentag rücke also weiter nach rechts. Die verfassungsfeindlichen Tendenzen sind offenkundig. Es herrscht eine unheilvolle Anziehungskraft zwischen völkischen Bünden und rechtsextremen Aktivisten. Zudem sind die Burschenschaften finanziell gut aufgestellt. Das ist äußerst attraktiv für die meist klamme rechtsextreme Szene. Obendrein sind die meisten alten Herren bei den Burschenschaften gut in der Gesellschaft vernetzt und penibel darauf bedacht, ihren Bund vor Imageschaden zu bewahren. Schnell werden rechtsextreme Auswüchse verschwiegen und Verfehlungen unter den Teppich gekehrt.

Dabei gibt es einige Belege für die Verflechtungen militanter Rechtsextremisten. So soll die Burschenschaft Normannia Jena laut Thüringer Verfassungsschutz ein "Sammelbecken für rechtsextreme Studenten und Neonazis" sein. Für ihre Veranstaltungen nutzte sie jahrelang das "Braune Haus". Dieses wurde von Ralf Wohlleben angemietet, gegen den die Bundesanwaltschaft wegen Beihilfe zum Mord im Zusammenhang mit der Zwickauer Terrorzelle Anklage erhoben hat.

Wegen der rechtsextremen Tendenzen erwägt die Stadt Eisenach, sich als Gastgeber für den Deutschen Burschentag zu verabschieden. Das jedenfalls teilte am Dienstag die Verwaltung mit. Wenn sich die Deutsche Burschenschaft weiter radikalisiere, werde sie nicht mehr mit der Gastfreundschaft der Wartburgstadt rechnen können.

 

    
    

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