zuletzt bearbeitet: 21.02.2012 10:05 Uhr
Text
Text
Vortragsreisender für Demokratie
Joachim Gauck ist in Thüringen kein Unbekannter: Der designierte nächste Bundespräsident war in den letzten zwölf Jahren des Öfteren hier und warb für Demokratie und Freiheit.
Erfurt/Suhl - "Der Bundespräsident gibt am Rosenmontag und Fastnachtsdienstag Thüringen die Ehre", verkündet eine Pressemitteilung, die gestern in unsere Redaktion flatterte. Doch weder Ex-Staatsoberhaupt Christian Wulff wurde im Freistaat gesichtet, noch der gerade amtierende Bundesrats-Präsident Horst Seehofer - und auch nicht der voraussichtliche Nachfolger Joachim Gauck. Gemeint war vielmehr Volker Wagner, der Präsident des Bund Deutscher Karneval, den Narren-gemäß der thüringische Ober-Karnevalist Michael Danz für seinen Besuch beim Faschingstreiben zwischen Heldburg und Heldrungen, zwischen Ronneburg und Rhön würdigte.
Nicht nur Thema Stasi
Doch das Terrain ist auch für Joachim Gauck kein fremdes. Quasi als Vortragsreisender in Sachen Demokratie und Kampf gegen Diktaturen ist er hier seit dem Ende seines Amtes als erster Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde immer wieder unterwegs. So, wie zum Beispiel im September 2010 im ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnis in Suhl. Die Gymnasiasten aus Suhl und dem hessischen Wetzlar, die hier eine ganz besondere Geschichtsstunde mit dem einstigen Pastor und Bürgerrechtler erlebten, der erst dreieinhalb Monate zuvor bei der Bundespräsidenten-Wahl Christian Wulff unterlegen war, hatten sich nach dem Treffen ganz begeistert gezeigt.
Obwohl er so lange der Herr über die Akten der Staatssicherheit war, drehen sich seine Berichte heutzutage weniger um diesen Apparat. "Die Stasi ist nicht mehr so mein Thema, eher die Diktatur im Alltag", sagte Gauck in Suhl. Stattdessen berichtet er bei solchen Gelegenheiten, weshalb es Menschen mit dem Ministerium zu tun bekamen: Weil sie politische Witze erzählten, weil sie ihre Meinung sagten, weil sie in den Westen wollten.
So zeigte sich auch bei der Schüler-Veranstaltung, dass Gauck seine Zuhörer vor allem mit dem zu fesseln versteht, was er selbst als Junge in Rostock erlebt hat. Und Rostock war dabei auch nur ein normaler Teil der DDR - nicht anders als zur gleichen Zeit der Bezirk Suhl. Der grauhaarige Herr im Anzug mit dem norddeutschen Zungenschlag redet viel und wohl auch gerne. Aber von einem Großvater, der die Verwandtschaft mit seinen Erzählungen quält, ist er weit entfernt. Er hat etwas zu sagen. "Gänsehaut" habe diese "lebendige Geschichtsstunde" gemacht, berichteten Zuhörer im Anschluss.
Als Terror erlebt
Indem Gauck das Thema nicht nur auf Erich Mielkes Stasi beschränkt, sondern das gesamte Leben in der DDR zum Thema macht - und damit auch die Rolle der SED -, hat er sich beileibe nicht nur Freunde gemacht. Dass es selbst in Opfer-Verbänden Kritik an Gauck gibt, weil er sich kritisch zum Bemühen seines Nach-Nachfolgers Roland Jahn geäußert hat, die Stasi-Unterlagen-Behörde eisern durchzukehren, darauf macht auch der Thüringer Bürgerrechtler und jetzige sächsische Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Lutz Rathenow aufmerksam.
Doch Gaucks Haltung wurzelt auf eigenen Erfahrungen. Eine davon ist die Verschleppung seines Vaters 1951 in ein sowjetisches Straflager, weil man ihn der Spionage bezichtigte. Davon, wie die Familie unter erbärmlichen Bedingungen weiterleben musste, erzählt Gauck immer wieder. Zwei Jahre lang gab es kein Lebenszeichen von Mann und Vater. 1955 endlich die Heimkehr. Während ihm in der Schule erzählt wurde, wie schön der Sozialismus ist, erlebte er ihn als blanken Terror. Er ging nicht zu den Pionieren, nicht zur FDJ, seine Söhne bekamen denn auch keinen Studienplatz. Doch wie es sich für seine theologische Laufbahn gehört, hat ihn all das nicht verbittert gemacht. Er setzte sich auch als Chef der nach ihm benannten Gauck-Behörde stehts für eine differenzierte Betrachtung ein. Dass das bei den Menschen ankam, scheint sich jetzt besonders auszuwirken.
Mit eigener Meinung
"Es ging immer dann gut, wenn du gelernt hattest, keine eigenständige Meinung zu haben", sagt Gauck. Gut freilich nur in dem Sinn, dass die Staatsmacht einem dann nicht auf die Pelle rückte. Auf diesen Luxus, sich eine eigene Meinung zu gönnen, wird er auch im höchsten Amt der Bundesrepublik nicht verzichten - das wurde schon vor anderthalb Jahren im einstigen Stasi-Gefängnis in Suhl deutlich. Und auch die ihm zugeschriebenen positiven Äußerungen zu Thilo Sarrazin, Hartz IV und dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr sprechen zumindest für eine gewisse Querdenkerei.
Sondersitzung im Landtag
Welche Folgen solch eine eigene Haltung haben kann, erleben politische Beobachter jetzt, wenn etwa aus den Reihen der Thüringer FDP der jetzt gefundene Kandidat gelobt wird, obwohl die liberalen Vertreter aus Thüringen in der Bundesversammlung 2010 an Gauck auszusetzen hatten, dass er mit seinen Überlegungen zur Reform des parlamentarischen Systems quasi die Bundesrepublik selbst abschaffen wolle. Am Ende aber greift dann doch wieder der politische Reflex: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Weil die Linke so viel am präsidialen Super-Kandidaten auszusetzen findet, muss man jetzt ganz natürlich zu ihm halten.
Im Erfurter Landtag hat die Kandidaten-Kür vom Wochenende unterdessen noch einige Hektik zur Folge. Für die Bundesversammlung am 18. März, bei der das Staatsoberhaupt gewählt werden soll, müssen nämlich noch die Thüringer Vertreter bestimmt werden. Neben den Bundestagsabgeordneten aus dem Freistaat entsendet Thüringen nämlich noch einmal so viele Wahlleute, die vom Landtag bestimmt werden - hierfür werden gern auch mal Prominente genommen. Im Jahr 2010 seien es 18 Wahlleute gewesen, sagt Landtags-Sprecher Detlef Baer. Diese müssen vom Landtag gewählt werden - doch der kommt bereits diesen Donnerstag und Freitag zusammen, zu kurzfristig, um noch die Wahlleute zu bestimmen.
Ausreichend bekannt
Und die nächste reguläre Sitzung ist erst nach dem 18. März geplant. Also werden die Landtagsabgeordneten wohl etwas Freizeit für eine Sondersitzung in den nächsten Wochen opfern müssen. Wann diese stattfinden kann, war gestern noch offen, zuerst müsse eine offizielle Information des Bundestagspräsidenten vorliegen, so Baer.
Immerhin erinnert man sich auch in der Thüringer Landespolitik noch der Zeit vor knapp zwei Jahren, als der Bundespräsidenten-Kandidat Gauck allerorten vorgestellt und oft auch gut gehießen wurde. Wenigstens diese Prozedur lässt sich nun deutlich abkürzen.
Diesen Artikel
|
|||||
Die neuesten Kommentare
»Übersicht Thüringen
Ein Toter bei Lkw-Unfall, hoher Schaden durch Biertlaster
Saalburg-Ebersdorf/Gotha - Ein Toter und mehrere Verletzte sowie hoher Schaden sind die Bilanz einer Reihe von Lkw-Unfällen in Thüringen. »mehr
Feuerwehr muss Imker bei Bienenfang helfen
Eisenberg - Die Feuerwehr hat einem Imker in Eisenberg beim Einfangen eines herrenlosen Bienenschwarms geholfen. Erst mi... »mehr
(1)
Nach Bericht zu Terror-Trio: Zielfahnder des LKA v...
Erfurt - Der für die Suche nach den seinerzeit untergetauchten mutmaßlichen Mitgliedern der rechtsextremistischen Terror... »mehr
Biertransporter platzt der Reifen, Fahrer wird sch...
Gotha - Bei einem Unfall mit einem Biertransporter auf der Autobahn 4 bei Gotha ist am späten Dienstagabend der 29 Jahre... »mehr
Das könnte Sie auch interessieren
Party
Nachrichten
Sport
Gelesen
Kommentiert
Bewertet
Magazine
Umfrage









































