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Thüringen will an den Fördertrog

Gemeinsam mit Sachsen-Anhalt bewirbt sich der Freistaat als Schaufensterregion Elektromobilität. Und will sich mit Ideen, die weit übers Autofahren hinausgehen, gegen Metropolen durchsetzen.

Von Jolf Schneider
  • Wollen ihre E-Schwalbe in ein Projekt der Schaufensterregion Elektromobilität einbringen: Thomas Martin (links) und Daniel Schmid, Geschäftsführer der Elektrofahrzeugwerke Suhl, mit einem Prototypen ihres Rollers. Foto: ari/Archiv
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Erfurt - Die Zukunft sieht fantastisch aus, wenn man die Minister so reden hört. Menschen werden in intelligenten Häusern wohnen, die die zum Wohnen benötigte Energie selbst produzieren und das, was übrig bleibt speichern, um das Elektroauto aufzuladen, wenn die Bewohner abends nach getaner Arbeit in die Garage fahren. Und sie erzählen von Bahnhöfen, an denen Elektrofahrzeuge auf die Reisenden warten, um sie nach der Bahnfahrt an ihr endgültiges Ziel zu bringen.

Was wie Zukunftsmusik klingt soll zumindest in Teilen Thüringens und Sachsen-Anhalts schon in den kommenden drei Jahren Wirklichkeit werden. Gemeinsam bewerben sich die beiden Bundesländer als "Schaufensterregion Elektromobilität Mitteldeutschland" bei der Bundesregierung. Es geht um hohe Summen. 180 Millionen Euro will der Bund für vier bis fünf solcher Regionen in Deutschland bereitstellen. "Und wir wollen ran an den Fördertrog", sagten Wirtschaftsminister Matthias Machnig (SPD) und Verkehrsminister Christian Carius (CDU) gestern in Erfurt. Das Kabinett habe am Vortag die beiden Minister damit beauftragt, einen entsprechenden Vorantrag in Berlin einzureichen. Zudem will die Landesregierung bis zu neun Millionen Euro aus eigenen Mitteln bereitstellen, wenn die Fördermillionen aus Berlin fließen sollten.

Der Schlüssel zur Zukunft

Machnig sieht in der Elektromobilität "den Schlüssel zur Zukunftsfähigkeit der deutschen Automobilindustrie". Daher sei es wichtig, dass die Schaufensterregionen kein rein westdeutsches Vorhaben würden. "Wir werden uns auch politisch dafür einsetzen, dass ein Vorhaben nach Ostdeutschland kommt", sagte der Minister. Geplant sei ein gemeinsames Schreiben der beiden Länderchefs an die Bundeskanzlerin.

Thüringen will auch deshalb ein Stück vom Förderkuchen abhaben, weil die wirtschaftlichen Prognosen für die Sparte Elektromobilität vielversprechend klingen. So habe die Beratungsgesellschaft McKinsey errechnet, dass bis zum Jahr 2030 mit einem Umsatz von mehr als 400 Millionen Euro in Deutschland zu rechnen sei. Zudem sollen 30 000 Jobs allein in diesem Wirtschaftszweig entstehen, erklärte der Minister.

Gemeinsam mit 100 Partnern aus Industrie und Verwaltung habe man 37 Projekte zu vier Themenfeldern erarbeitet, mit denen man in Berlin punkten wolle, erklärte Verkehrsminister Carius. Diese reichen weit über den reinen Betrieb von Elektroautos hinaus. Das Land verfolgt vielmehr einen ganzheitlichen Ansatz. "Es geht um die Frage völlig neuer Mobilitätskonzepte", sagte Carius. Als die vier Schwerpunktthemen nannte er "Umweltorientierte Logistik und Verkehr", "Mobilitätsmanagement", "Wohnen und Stadtentwicklung" sowie "Erneuerbare Energien und Infrastruktur". Zumindest bei den beiden mittleren Themenpaketen werden auch Südthüringer Unternehmen in den Projektgruppen vertreten sein, sollte die Thüringer Bewerbung Erfolg haben.

So beteiligt sich die Elektrofahrzeugwerke (efw) Suhl GmbH mit ihrer E-Schwalbe an einer Projektgruppe zum Thema Fahrzeug-Sharing, also Fahrzeugvermietung, wie Geschäftsführer Thomas Martin auf Nachfrage bestätigte. "Wir wollen an Lösungen mitarbeiten, die es Reisenden zum Beispiel ermöglichen, vom Bahnhof aus dann das letzte Stück ihres Weges zurückzulegen. Das kann bei kurzen Wegen mit einem Elektrofahrrad geschehen oder eben unserer E-Schwalbe, muss mehr transportiert werden, dann müssen aber auch Autos verfügbar sein", erklärt Schmid die Denkansätze.

Er zeigte sich zuversichtlich, dass die Bewerbung von Thüringen und Sachsen-Anhalt Erfolg haben könnte. "Ich glaube, dass Thüringen gute Chancen hat, denn hier können wir auf Grund der Struktur der Region andere Herausforderungen bearbeiten und Lösungen finden, zu denen man in Metropolen nicht kommt", sagte Schmid.

Ähnliche Hoffnungen haben auch die Minister. Ziel sei es, Lebenswelten zu verbinden und Lösungen für Räume zu entwickeln, die von ihrer Siedlungstruktur zwischen den Metropolen wie Berlin, Hamburg oder München und dem ländlichen Raum liegen, erklärten Machnig und Carius. Deshalb beschränkt sich die Schaufensterregion auch nur auf Teile der beiden Bundesländer. In Thüringen sollen vor allem Projekte aus den Räumen Erfurt, Weimar, Jena und Gera einfließen. Sachsen-Anhalt beteiligt sich mit den Bereichen um Halle und Magdeburg. Allein aus diesem Grund gehört das Projekt Naturparkroute Thüringer Wald, bei dem der Rennsteig mit Elektrofahrrädern erkundet werden kann, nicht zu den Projekten. Es hätte den räumlichen Rahmen gesprengt, hieß es vom Wirtschaftsministerium.

Sachsen macht nicht mit

Laut McKinsey stehe die Schaufensterregion für 43 Prozent der Siedlungsstruktur in Deutschland, was eine gute Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Rest des Landes ermögliche, so Machnig.

In einem Teilprojekt ist die Errichtung einer eigenen Siedlung in Erfurt geplant, die modernes Wohnen und Elektromobilität miteinander verbindet. Daran beteiligt ist auch die Arbeitsgruppe Smart Home Services des Firmennetzwerkes Elektronische Mess- und Gerätetechnik (Elmug), das seinen Sitz in Ilmenau hat. Nach Auskunft von Vorstandsmitglied Frank Schnellhardt, Geschäftsführer der Ilmenauer Innovationsberatung Innoman, wollen in diesem Netz auch Südthüringer Firmen daran mitarbeiten, eine intelligente Vernetzung von Wohnen und elektrischem Fahren zu erreichen. Denkbar seien zum Beispiel intelligente Ladestationen, die den Strom genau dann aus dem Netz zapfen, wenn er im Überfluss zur Verfügung steht. Also die Sonne besonders intensiv scheint oder der Wind extrem stark weht.

Machnig sieht die Thüringer Industrie für die neuen Herausforderungen gut aufgestellt. Die Tatsache, dass mehr als 100 Unternehmen zu den Workshops für die Schaufensterregion gekommen seien zeige, dass die Industrie sich bewusst sei, welche Chancen in der Elektromobilität stecken. Gleichzeitig dürfe das Land aber nicht nachlassen, die Weiterentwicklung des klassischen Automobilbaus weiter zu unterstützen. Auch der Verbrennungsmotor habe für die kommenden Jahre noch erhebliches Potenzial. Machnig bedauerte, dass es trotz der Thüringer Bemühungen nicht zu einer Drei-Länder-Bewerbung zusammen mit Sachsen gekommen ist. Sachsen - wie Thüringen ein traditionelles Autoland - habe zunächst erklärt, ein gemeinsames Projekt mit Bayern zu erwägen, sei nun aber gar nicht dabei.

Elektro-Schwalbe soll im Frühjahr rollen

Die Elektrofahrzeugwerke (efw) Suhl wollen in diesem Frühjahr die ersten Modelle ihrer Neuauflage der legendären Schwalbe als Elektroroller auf die Straße bringen. "Wir liegen im Zeitplan", sagte Geschäftsführer Thomas Martin gestern auf Nachfrage in Suhl. Derzeit liefen die Vorbereitungen für den Start der Vorserien-Produktion. Zudem sei man in enger Abstimmung mit den Lieferanten für den Start der Teilelieferungen der Serienproduktion. Lieferprobleme bei wichtigen Bauteilen wie dem Steuergerät seien ausgeräumt, sagte Martin. Erste Bestellungen von Endkunden lägen vor. Man sei derzeit aber noch nicht zu aggressiv in die Werbung gegangen, um die Produktion mit der nötigen Ruhe aufbauen zu können. Efw will die Schwalbe in zwei Versionen zu Preisen ab 4699 Euro als Elektrofahrzeug auf den Markt bringen. jol


    
    

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