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"Sie hätt doch ganz normal weglaufen können"

Meiningen - Manchmal sind es Kleinigkeiten. Juristisch betrachtet können sie aber den großen Unterschied bedeuten. Und zwischen einer Einstellung des Verfahrens und einem Urteil, das leicht auf fünf Jahre Haft hätte hinauslaufen können, liegt mehr als der Unterschied zwischen Freiheit und Gefängnis.

Ob der 26-Jährige aus einem Dorf bei Eisenach, der gestern als freier Mann das Landgericht in Meiningen verlassen konnte, die vermeintliche Kleinigkeit würdigen konnte, die ihm vorläufig den Lebenslauf gerettet haben dürfte, muss bezweifelt werden. Andernfalls hätte er sich in der mühsamen Vernehmung im Prozess wohl ein bisschen kooperativer gezeigt; vielleicht ein paar Antworten gegeben, die sich nicht in einem unklaren "könnt sein und hin und her halt" erschöpft hätten.

Was die Staatsanwaltschaft ihm und vor allem seinem 21-jährigen Freund vorgeworfen hat, wiegt schwer: Erpresserischer Menschenraub, Geiselnahme, Raub, Körperverletzung. "Dafür gibt's Knast", sagt der Richter irgendwann, als die Geduld des Gerichts bereits schwer strapaziert worden ist.

Im Januar 2011 haben die beiden jungen Männer nach einer durchzechten Nacht wohl beschlossen, die Ex-Freundin des 21-Jährigen an der Schulbushaltestelle abzufangen. Angeblich, um Monate nach dem Ende der Beziehung, "nochmal vernünftig zu reden". Anlass des "Gesprächs"-Bedarfs: Ein Gerücht im Dorf, die 18-jährige Schülerin habe ihren Ex-Freund vor der Trennung betrogen - "also dass die 'ne Schlampe ist". Der Gehörnte soll das Mädchen hinter die Kirche gezerrt, sie gewürgt und viele Male geohrfeigt haben. Er soll ihr das Handy, sein Freund ihr die Zigaretten aus der Schultasche genommen haben. Mehrere Stunden lang sollen die beiden die 18-Jährige festgehalten, sie zwischendurch - erfolglos - gezwungen haben, Geld abzuheben.

Als die Angeklagten energisch aufgefordert werden, "endlich den Mund aufzumachen", erklären sie, das Mädchen "hätt doch ganz normal weglaufen können". Das hätte sie kaum. Sie war wohl - und das Gericht glaubt ihr das - nach wiederholten Drohungen, man werde sie umbringen, fast starr vor Angst. Zwar ist der 26-Jährige, wie jemand im Prozess sagt, "kein Schwarzenegger", der Ex-Freund aber ist ein großer Mann. Und hatte sie schon heftig geschlagen. "Ich hab mich nicht getraut, wegzulaufen." In der Hoffnung, man werde sie gehen lassen, habe sie sowohl die Zigaretten als auch das Geld auf ihrem Konto - fünf Euro - angeboten. Raub?

"Um Himmels willen", sagt die Vorsitzende Richterin - "das ist ein großer Unterschied". Auch zu dem, was die 18-Jährige bei der Polizei ausgesagt hat. Nach einigem Zögern gibt das Mädchen die Falschaussage zu.

Das ändert die Sachlage. Das Verfahren gegen den 26-Jährigen, dem maximal noch unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen werden könnte, wird eingestellt. Der Prozess gegen den Ex-Freund des Mädchens, der sich nach wie vor wegen Geiselnahme und Körperverletzung verantworten muss, wird fortgesetzt. m

    
    

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