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Rekonstruktion von 14 Jahren

Zum ersten Mal seit der Entdeckung der rechtsextremen Terrorzelle haben der Generalbundesanwalt und das Bundeskriminalamt über den Stand der Ermittlungen informiert - drängende Fragen bleiben offen.

Von Jens Wenzel
  • Das Fahndungsplakat der Bundesanwaltschaft. Foto: dpa
  • BKA-Chef Jörg Ziercke (l.) und Generalbundesanwalt Harald Range gestern in Karlsruhe. Foto: dpa
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Wie konnte es geschehen, dass sich eine Gruppe rechtsextremistischer Attentäter jahrelang durch Deutschland mordet und keiner bemerkt es? Welche Emittlungsbehörden haben hier versagt? Fragen wie diese waren es, die sich gestern durch die mit Spannung erwartete Pressekonferenz von Generalbundesanwalt Harald Range und dem Präsidenten des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke, in Karlsruhe zogen. Doch Antworten darauf gab es nicht. Dafür aber die Erläuterung, dass man nun einmal allen Spuren nachgehen müsse - ob das nun die Vermutungen angesichts der sogenannten Dönermorde waren, dass hier auch Schutzgeld-Erpressung im Spiel sein könnte, oder aber der Zusammenhang in Form des Ortsnamens Oberweißbach, von wo die in Heilbronn ermordete Polizistin Michéle Kiesewetter stammte und wo der Schwager des als mutmaßlicher Unterstützer verhafteten Ex-NPD-Funktionärs Ralf Wohlleben eine Gaststätte betrieben hatte.

Alte Kameraden

Es ist gerade das Umfeld der aus Jena stammenden Gruppe, auf die sich nun die Ermittlungen richten. Weil man sich hier "im Kernbereich" der Arbeit von mehr als 400 Kriminalisten und zehn Staatsanwälten befinde, könnten keine Details benannt werden. Immerhin kann sich jeder Beobachter zusammenreimen, dass es speziell um die einstige "Kameradschaft Jena" geht, die in den 90er Jahren aktiv war. Aus der sechsköpfigen Gruppe kamen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt - die beiden, die heute vor vier Wochen nach einem erfolgreichen Bankraub tot in einem brennenden Wohnmobil in Eisenach gefunden worden waren. Zusammen mit Beate Zschäpe, die sich drei Tage später der Polizei stellte, sollen sie die Terrorgruppe gebildet haben, die sich Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) nannte. Auch Holger G., der in Niedersachsen als mutmaßlicher Unterstützer der NSU verhaftet wurde, stammt aus Jena und aus der braunen Kameradschaft. "Kamerad" Ralf Wohlleben hatte es in der Zwischenzeit zum stellvertretenden Landesvorsitzenden und Jenaer Kreischef der NPD gebracht - auch er ist mittlerweile als mutmaßlicher Unterstützer verhaftet. Damit ist aus der Kameradschaft nur noch André K. auf freiem Fuß - einst an vorderer Stelle im "Thüringer Heimatschutz" aktiv.

56 Autos gemietet

Ziercke sprach gestern allerdings von einer Handvoll weiterer Verdächtiger, die die Ermittler im Blick hätten. Unter anderem geht es dabei um den Vorwurf, dass dem Terror-Trio Ausweispapiere zur Verfügung gestellt worden sein sollen. Doch der Nachweis gestalte sich schwierig - ganz einfach, weil der Verdächtige seine Unterstützung abstreite und erkläre, dass er die Ausweise verloren habe.

Wichtig waren die Dokumente ganz offenbar für das Anmieten von Autos. Laut Ziercke seien bereits 56 Fälle aktenkundig. Und während bislang der Eindruck entstanden war, dass die Täter vor allem mit Wohnmobilen umher gefahren seien, betraf das nach der Aussage des BKA-Chefs nur ein Drittel der angemieteten Autos - der Rest seien ganz normale Pkw gewesen. So wissen die Ermittler mittlerweile in den meisten Fällen, mit welchem Auto die Täter zu welchem "Döner-Mord" oder zu welchem Bankraub gefahren sind. Dass noch wesentlich mehr ans Tageslicht kommt, wollte Ziercke nicht ausschließen. So würden alle möglichen ungeklärten Verbrechen aus der Zeit noch einmal überprüft, ob ein Zusammenhang besteht. Der wahrscheinlich bekannteste Fall ist das Messer-Attentat auf den Passauer Polizeichef Alois Mannichl im Dezember 2008. Bislang allerdings scheint es keine belastbaren Spuren zu geben, die Bundesanwaltschaft schweigt dazu. Von tausenden derartigen Fällen ist die Rede.

Vor allem deshalb bitten die Ermittler um Hinweise, mit denen sich die vergangenen 14 Jahre rekonstruieren lassen. Dass es Urlaubsfotos und Urlaubsbekanntschaften der drei Terroristen vom Camping auf der Insel Fehmarn gibt, ist seit ein paar Tagen bekannt. Doch auch weitere Spuren, wann sich Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe wo aufgehalten haben, seien gefragt.

Auskunft könnte wahrscheinlich Beate Zschäpe geben - doch sie schweigt beharrlich. Zschäpes Verteidiger Wolfgang Heer sagte, er habe nur "in höchst begrenztem Umfang" Akten von der Bundesanwaltschaft erhalten. Deshalb könne er noch nicht entscheiden, ob sich seine Mandantin zu den Vorwürfen äußern werde. Bislang sei ihm nicht klar, "worauf die Ermittlungsbehörden den dringenden Tatverdacht hinsichtlich der Bildung einer terroristischen Vereinigung gegen Frau Zschäpe stützen". Heer mahnte ein faires Verfahren an: "Ich finde es höchst bedenklich, dass die Öffentlichkeit umfassend informiert wird, während die Verteidigung nur äußerst begrenzte Informationen erhält."

Keine Fehler-Analyse

Und so bleibt es bei den wildesten Spekulationen. Auch zu einem von der Illustrierten Stern veröffentlichten angeblichen US-Geheimdienst-Dossier gibt es keine offizielle Bestätigung. Danach soll es am Tag des Polizistenmordes in Heilbronn eine Observierung zusammen mit einem Beamten des Verfassungsschutzes Bayern oder Baden-Württemberg gegeben haben, die abgebrochen wurde, als Rechtsextremisten mit der Polizei in eine Schießerei verwickelt waren. Bei der Observation soll es um Melvin K. gegangen sein, der im Verdacht steht, den islamistischen "Sauerland-Bombern" Zünder beschafft zu haben - doch er sei vom Bundeskriminalamt zur fraglichen Zeit in der Türkei lokalisiert worden, sagte Ziercke.

Rätselhaft bleibt genauso das Versagen von Landeskriminalamt und Verfassungsschutz in Thüringen - hier nach Ursachen zu forschen, sei nun einmal nicht Aufgabe der Bundes-Behörden, so Ziercke und Range.

    
    

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