» zur Übersicht Thüringen
    
    
Artikel
 

Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text   
Bergfrauen erobern eine Männerwelt

Nun fällt eine weitere große berufliche Domäne der Männer: Der Kalibergbau wird weiblich. Im Werk Werra der K+S Kali GmbH werden unter Tage die ersten fünf Bergbautechnologinnen Deutschlands ausgebildet.

Von Ilga Gäbler und Daniela Löffler
  • Die 21-jährige Sarah Lipp bedient im Werk Werra der K+S Kali GmbH einen Ankerbohrerwagen. Die Thüringerin hat im September 2010 ihre Ausbildung zur Bergbautechnologin begonnen. Fotos: ari
  • Johanna Bauch ist Auszubildende im ersten Lehrjahr.
  • Kerstin Staudtmeister.
  • Klaus Pietzko.
Bild von

Tief unter der Erde arbeiten sie acht Stunden am Tag im Schichtsystem. Nur künstliches Licht erhellt stellenweise den Arbeitsplatz im Kalibergbau. Rund 700 Meter in der Tiefe herrscht zwar meist Dunkelheit. Doch angenehme 25,5 Grad Celsius entschädigen für den eisigen Wind, der über Tage weht. Was jahrhundertelang nur Männern vorbehalten war, gilt nun auch für Frauen: Seit 2009 dürfen sie unter Tage arbeiten. Bei der K+S Kali GmbH haben sich bisher fünf junge Frauen getraut, eine Ausbildung zur Bergbautechnologin zu machen.

Wer die mutigen Damen im Kaliberg treffen will, sollte kein Hasenfuß sein. Ohne zünftige Bergmanns-Montur, Helm, Grubenlampe und Selbstretter kommt auch am hessischen Standort Hattorf/Wintershall von K+S keiner in die Grube. Dort, im Schacht Herfa bei Heringen, wird der bergmännische Nachwuchs des Verbundwerkes Werra ausgebildet. Dazu zählen in Thüringen Unterbreizbach und Merkers.

Zehn Meter in der Sekunde saust der Förderkorb in die Tiefe. Nach 700 Metern ist die Fahrt zu Ende. Dann tut sie sich auf, die unterirdische Welt des weißen Goldes. Wer sich schon am Ziel glaubt, der irrt. Weit und breit keine Spur von einer Frau. Wo sind sie also, jene fünf Frauen aus Thüringen und Hessen, die diese Männerbastion erobern wollen? Der Weg zum Ausbildungsrevier ist ein lang und dunkel. Dort warten schon Sarah Lipp aus dem thüringischen Dorndorf und Johanna Bauch aus dem hessischen Widdershausen, zwei der insgesamt fünf künftigen Bergbautechnologinnen.

"Einsteigen, bitte!", fordert Andreas Neumann auf. Er betreut als einer von mehreren Ausbildern auch die fünf Bergbautechnologinnen in spe. Drei von ihnen sind im ersten, zwei im zweiten Lehrjahr. Neumann im Geländewagen, der zum sogenannten Ausbildungsrevier fährt. Wie so vieles, läuft auch die Lehre unten im Berg anders als über Tage. Eine übliche Lehrwerkstatt, wo sich eine Werkbank an die andere reiht, gibt es nicht. 14 Kilometer muss der Jeep zurücklegen, bis er das Lehrrevier erreicht. Mehrere Meter hoch sind die Salzwände, die die Fahrbahn links und rechts begrenzen. Ein ausgeklügeltes Schildersystem weist den Weg. "Unser Werk erstreckt sich unter Tage in Thüringen und Hessen über eine Fläche so groß wie München mit all seinen Vororten", erzählt Neumann. Er steuert den Geländewagen mit einer Sicherheit durch das Gänge-Labyrinth, die Außenstehende nur staunen lässt.

Die Faszination blieb

Sarah Lipp und Johanna Bauch warten schon. Nein, geheimnisvoll ist ihnen diese Unter-Tage-Welt nicht mehr. Noch bis 2009 war sie Frauen beruflich gänzlich verschlossen. Doch die Faszination, so versichern beide, ist geblieben. Noch vor fünf Jahren war es undenkbar, dass Frauen im Kali-Schacht arbeiten würden. Bergbau war reine Männersache. Klaus Pietzko, Ausbildungsleiter Bergtechnik am Standort Wintershall/Hattorf, ist selbst in einer Bergarbeiterfamilie aufgewachsen. Der gelernte Bergbauingenieur weiß: In der Grube hatten Frauen nichts verloren. Über Jahrhunderte hinweg hielt sich der Aberglaube, sie brächten Unglück. Selbst zu sozialistischen Zeiten, wo so viel über Gleichberechtigung am Arbeitsplatz geredet wurde, war der Schacht für das schöne Geschlecht Tabu-Zone.

2009 sollte sich das schlagartig ändern. Klaus Pietzko: "Der Bundestag kippte vor drei Jahren das Bundesberggesetz, das Frauen eine ständige Arbeit unter Tage verbot." Nun durfte es ganz offiziell nicht nur Bergmänner, sondern auch Bergfrauen geben. Für Sarah Lipp aus Dorndorf im Wartburgkreis war es das Signal. Eigentlich hatte die burschikose und couragierte 19-Jährige schon einen Abschluss in der Tasche: Sie ist Restaurantfachfrau und ausgebildete Barkeeperin. "Damals wollte ich nach Calgary in Kanada auswandern. Doch das hat sich zerschlagen", erzählt die heute 21-Jährige. Dann hatte der Zufall seine Hände im Spiel. Sie las eine Anzeige von K+S in der Zeitung. Der Konzern suchte junge Leute, die Bergbautechnologe werden wollten. "Ein ganz neuer Beruf. Früher hieß das Bergmechaniker. Die Ausbildungszeit belief sich nicht mehr auf dreieinhalb, sondern nur auf drei Jahre", erklärt Sarah. "Das Schönste aber war, dass dort stand: Auch für Frauen geeignet." Sarah musste nicht lange überlegen. Schließlich war ihr der Kalibergbau nicht fremd. Ihr Vater arbeitet im Schacht bei K+S.

Nicht anders ist das bei Johanna Bauch: Ihr Vater, Bruder und Schwager sind Kalikumpel. Johanna hatte in der Schule davon gehört und sich im Internet über den Bergbautechnologen-Job schlau gemacht. "Wir sprechen dort gezielt auch Mädchen an", erzählt Kerstin Staudtmeister, Leiterin Ausbildung im Werk Werra bei K+S. "Oft denken die Leute noch, das Salz wird mit dem Pickel von den Wänden gebrochen. Die meisten schauen dann ganz entgeistert, wenn wir sagen, dass diese schwere körperliche Arbeit mittlerweile moderne Maschinen übernehmen. Interessant ist das durchaus auch für Mädchen."

Gerade diese großen Maschinen und Hightech-Geräte sind es, die Sarah und Johanna begeistern. Bammel davor haben beide nicht. Ganz im Gegenteil. "Ein Mädchen kann das auch", sagt Sarah und demonstriert das am Ankerbohrwagen. Sein langer Arm reicht bis hinauf zur Firste. Dort, an der Grubendecke, lässt Sarah das Riesen-Gerät Löcher bohren und Anker setzen. Das sind 1,20 Meter lange Gewindestangen mit einer Spreizhülse an der Spitze, die ähnlich einem Dübel die Salzschichten miteinander verbinden und ihnen damit mehr Stabilität geben.

Schnell haben Sarah und Johanna begriffen, welch große Verantwortung sie tragen. Auch für die teuren Maschinen. So ein Ankerbohrwagen mag an die 250 000 Euro kosten. Aber das macht den Reiz des Jobs aus. "Du musst allein entscheiden, bist dein eigener Herr. Du kannst nicht den Lehrling nebenan fragen. Der arbeitet hundert Meter weiter an einem anderen Standort."

Wird es wirklich mal brenzlig, trägt Sarah wie die anderen Lehrlinge ein Funkgerät bei sich. In wenigen Minuten ist der Ausbilder mit dem Fahrzeug vor Ort und hilft weiter. Überhaupt sind die Männer wie Andreas Neumann ständig von Azubi zu Azubi auf Achse, um nach dem Rechten zu sehen, um zu erklären und zu unterstützen. "Auf jeden Fall macht es Spaß, sein Wissen weiterzugeben", versichert Neumann. Er und seine Kollegen erziehen die jungen Leute vor allem zur Selbstständigkeit. Bei Schichtbeginn bekommt jeder einen schriftlichen Arbeitsauftrag mit der Tages-Aufgabe in die Hand und los geht es.

Lars Nadenaus heutige Aufgabe ist es, den Sprenglochbohrwagen zu bedienen und die Salzwand vor ihm in eine Art Schweizer Käse zu verwandeln. Der 18-Jährige treibt mit einem Bohrer Löcher ins Gestein - mit einem Durchmesser von 38 Millimetern und sieben Meter lang. Alles nach einem festgelegten Schema und computergesteuert. Auch Johanna darf ran und den entscheidenden Knopf am Bohrwagen drücken. Am Ende wird die Wand 60 solcher kleinen Löcher aufweisen, die später mit Sprengstoff befüllt und mit Zündern besetzt werden. Gesprengt wird bei Schichtwechsel, dann, wenn alle Bergleute die Grube verlassen haben. Für Nadenau ist es normal, mit Frauen zusammenzuarbeiten. Für ihn wie für die meisten männlichen Kollegen sind Frauen im Kali-Bergbau nichts Besonderes mehr. "Dass sie irgendwann auch zu uns in den Schacht kommen würden, war klar. Der Arbeitsmarkt hat sich gewandelt", meint Ausbilder Marco Tornagel und bescheinigt den weiblichen Lehrlingen: "Sie machen ihre Sache nicht schlecht, manches besser als die Jungen." Auch Ausbilder Thomas Schäfer hegt keine Vorbehalte. "Mädchen sind geduldiger, passen besser auf", sagt er. Und die älteren Bergmänner? "Die sehen das lockerer als die Jüngeren", hat Tornagel festgestellt. "Sie begegnen den Frauen wie jedem anderen Kumpel - mit Respekt. Hauptsache sie haben handwerkliches Geschick und technisches Verständnis." "Ein Job im Büro wäre nichts für mich", ist Sarah Lipp überzeugt. Sie ist Motorrad-Freak, hat zu Hause eine 125er Enduro im Stall und träumt von einer Kawasaki 600.

Rauer, aber herzlicher Ton

Natürlich ist der Ton unter Männern rauer. "Dafür ist aber die Kameradschaft untereinander umso größer und ehrlicher. Jeder muss sich auf den Kumpel nebenan verlassen können - auch im Notfall", erläutert Staudtmeister. Wer durch unentschuldigte Fehlzeiten in der Schule glänzte, hat deshalb mit seiner Bewerbung bei K+S schlechte Karten. Denn wer morgens zu Schichtbeginn nicht pünktlich ist, schaut in die Schachtröhre und dem Förderkorb hinterher. Aber könnte diese Pünktlichkeit nicht in der Perspektive für Bergfrauen mit Kind zum Problem werden? Was, wenn es beim Abschied von Mama im Kindergarten in der Frühe mal länger dauert?

Kinderbetreuung ist eine Frage, über die schon heute im Unternehmen nachgedacht wird. Fest steht für Ulrich Göbel, Sprecher von K+S: Der demografische Wandel macht um den Düngemittelkonzern keinen Bogen. Die bisherige Männerwelt unter Tage wird weiblicher, die Bergbautechnologinnen sind nur der Anfang. Denen allerdings räumt Ausbildungsleiter Klaus Pietzko gute Chancen ein, übernommen zu werden. "Sie können sich weiterbilden und studieren." Soweit aber wollen Johanna Bauch und Sarah Lipp noch nicht denken. Sarah will einen guten Abschluss hinlegen. Und sich ihren Traum von der Kawasaki erfüllen.

Weshalb es ein Verbot gab

Der Bundestag beschloss am 20. Januar 2009 eine Änderung des Bundesberggesetzes. Das bisherige Beschäftigungsverbot für Frauen unter Tage wurde als Verstoß gegen den Grundsatz der Gleichbehandlung von Männern und Frauen angesehen. Ein Übereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation von 1935 hatte bisher jegliche Untertagearbeiten von Frauen untersagt. Daran war auch die Bundesrepublik gebunden.

Dieses Übereinkommen konnte erst 2008 gekündigt werden, nachdem der Europäische Gerichtshof die EU-Länder dazu verpflichtet hatte, da das Übereinkommen gegen eine europäische Richtlinie verstieß.


    
    

Diesen Artikel

  • Teilen:
  •  
  • Facebook
  •  
  • MySpace
  •  
  • Twitter
  •  
  • StudiVZ / MeinVZ
  •  
  • Google
  •  
  •  
Bewertung: 
  •  
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
0 Bewertungen (Sie müssen angemeldet sein)
    
    

Die neuesten Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare geschrieben...
Zum Kommentar abschicken bitte vorher einloggen
Benutzername
Passwort
 
     
Sie sind noch kein Mitglied auf insuedthueringen.de? Dann jetzt gleich »hier registrieren
    
    

»Übersicht Thüringen

Ein Toter bei Lkw-Unfall, hoher Schaden durch Biertlaster

Saalburg-Ebersdorf/Gotha - Ein Toter und mehrere Verletzte sowie hoher Schaden sind die Bilanz einer Reihe von Lkw-Unfällen in Thüringen. »mehr
    
    

 
Feuerwehr muss Imker bei Bienenfang helfen

Eisenberg - Die Feuerwehr hat einem Imker in Eisenberg beim Einfangen eines herrenlosen Bienenschwarms geholfen. Erst mi... »mehr
    
 
    

 (1)  
Nach Bericht zu Terror-Trio: Zielfahnder des LKA v...

Erfurt - Der für die Suche nach den seinerzeit untergetauchten mutmaßlichen Mitgliedern der rechtsextremistischen Terror... »mehr
    
 
    

 
Biertransporter platzt der Reifen, Fahrer wird sch...

Gotha - Bei einem Unfall mit einem Biertransporter auf der Autobahn 4 bei Gotha ist am späten Dienstagabend der 29 Jahre... »mehr
    
    

Das könnte Sie auch interessieren 

    
    

Party

 
    

Nachrichten

 
    

Sport

    
    

Magazine

Stadtfest Ilmenau 2012
Leserreisen 2012
Gästezeitung Thüringer Wald
Bikers Guide 2012
Landesgartenschau 2012
t-wood 2012
Bikers Guide 2012
Gesundheitsforum März 2012
Gesundheitsführer Hildburghausen
Sportkalender HBN 2012
Thüringen im Blick
FH-Schmalkalden
Sportkalender Suhl 2011
Gesundheitsführer Schmalkalden
Anpfiff FW/STZ
Anpfiff FW
Gesundheitsführer Suhl
    
Anzeige
    

Umfrage

Lade TED
 
Die Umfrage wird geladen, bitte warten...
 

    
    

Deutschland hat im Ostseerat den Hut auf

Deutschland führt zur Zeit eine wichtige Gruppe an: den Ostseerat. Unser Land hat seit fast einem Jahr den Vorsitz, deshalb ist Bundeskanzlerin Angela Merkel diese Woche auch die Gastgeberin beim Ostseerats-Gipfel in Stralsund. »mehr
    
    

Webcams aus der Region 

Eine Vielzahl von Webcams, die von Firmen, öffentlichen Einrichtungen oder Privatpersonen installiert wurden, zeigen aktuelle Bilder aus der Region. »mehr
    
    

Silly wird die Suhler Schwarzbiernacht rocken 

Mit dem Liveprogramm zur Erfolgsplatte "Alles rot" eröffnen Anna Loos und Silly am Pfingstsamstag, 26. Mai, die Suhler Schwarzbiernacht. Ab sofort gibt es die Karten. »mehr
    
    

Börseninformationen