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Die Perle

Joachim Gauck steht klar für den Begriff Freiheit. Aber auch der Verantwortlichkeit.
Von Christop Witzel
  • Christoph Witzel über Joachim Gauck
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Lassen wir einmal das Parteiengeschacher vom Wochenende beiseite - bei jeder Kandidatenkür und bei jeder Bundespräsidentenwahl hat parteistrategisches Kalkül eine Rolle gespielt, das war diesmal (trotz anderslautender Willensbekundungen) nicht anders. Angela Merkel hat eine ihrer berühmten Volten geschlagen, Philipp Rösler ist für den Mut des Verzweifelten belohnt worden, SPD (bemerkenswert klug in Verhalten und Äußerungen: Sigmar Gabriel) und Bündnisgrüne haben sich letztlich durchgesetzt. Das Resultat: Joachim Gauck wird höchstwahrscheinlich Bundespräsident. Es ist ein Glück.

 In seinem ersten, sehr menschlich-sympathisch vorgebrachten Statement am Sonntagabend hat Joachim Gauck einen Kernbegriff seines Lebens erwähnt: "Aber eins weiß ich, die Nähe von Menschen, die Ja sagen zur Verantwortung, die es überall gibt in unserem Land, nicht nur auf der politischen Ebene, die wird meine Hauptaufgabe sein. Und dort will ich wirken, wo wir Menschen wieder neu einladen, diese Haltung von Verantwortung anzunehmen und nicht nur als Zuschauer und kritischer Begleiter der öffentlichen Dinge herumzustehen." Man hat immer wieder betont, Freiheit und Demokratie seien Schlüsselbegriffe im Leben des ehemaligen Pastors und DDR-Bürgerrechtlers. Und das ist auch richtig. Als Gauck vor anderthalb Jahren gegen Christian Wulff antrat, beschrieb eine Zeitungskarikatur dies als Duell "Politiker (= Wulff) gegen Demokrat (= Gauck)". Das war überspitzt, traf aber den Kern. Joachim Gauck, der ein halbes Jahrhundert in Diktaturen gelebt hat, steht klar für den Begriff Freiheit.

Zur Freiheit gehört allerdings immer auch die Verantwortung - dem Anderen und dem Ganzen gegenüber. Freiheit ohne Verantwortlichkeit führt ins Chaos und wirkt unmenschlich. Die große Zustimmung, die Gauck seit seiner ersten Nominierung in der Bevölkerung erfährt, zeigt den Wunsch der Menschen nach wirklich gemeinsamer Verantwortlichkeit jenseits von Parteipolitik. Dieser Wunsch ist urdemokratisch. Er zielt auf eine Bürgergesellschaft, an deren Spitze idealerweise ein Bürgerpräsident steht, wie das beispielsweise Gustav Heinemann war. Von dem stammt der Satz: "Überall müssen sich Autorität und Tradition die Frage nach der Rechtfertigung gefallen lassen ... Nicht weniger, sondern mehr Demokratie - das ist die Forderung, das ist das große Ziel, dem wir uns alle und zumal die Jugend zu verschreiben haben." Heinemanns Satz gilt heute wie damals, in seiner Tradition könnte Joachim Gauck zu einem echten Bürgerpräsidenten werden.

Das heißt übrigens nicht, dass nun die repräsentative Demokratie zugunsten einer direkten eingerissen wird. Und es ist auch keine Abwertung der Parteien, ohne die diese Demokratie nicht zu machen ist. Aber es ist auch ein Zeichen an die Parteien, die Verantwortlichkeit dem Ganzen gegenüber wieder stärker in den Blick zu nehmen. Er sei ein "linker, liberaler Konservativer", hat Gauck einmal von sich gesagt. Wir brauchen Linke, Liberale und Konservative. Die aber brauchen jeweils auch und in ihrer Gesamtheit ein Korrektiv. Ein guter Bundespräsident kann das sein.

Am 17. Juni 2009 ist zwischen Geisa und Rasdorf an der ehemaligen innerdeutschen Grenze die Bürgerrechtsbewegung der DDR mit dem Point-Alpha-Preis ausgezeichnet worden. Laudator Joachim Gauck hat die ehemaligen Bürgerrechtler damals als "Perlen des Landes" bezeichnet. Gauck selbst - dafür steht seine persönliche Lebensgeschichte - ist eine solche Perle. Möge sie strahlen, glitzern und funkeln - in Schloss Bellevue und im ganzen Land.

    
    

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