zuletzt bearbeitet: 22.10.2011 09:31 Uhr
Text
Text
Saftmacher mit Lust und Laune
In Dietzhausen macht Thomas Linde Saft, mit einer alten Presse und viel Handarbeit. Das Besondere: Wer Äpfel abgibt, bekommt den Saft der eigenen Früchte.
Dietzhausen - Ein Apfel am Tag erspart den Doktor, besagt ein Sprichwort. Wenn es danach geht, bräuchte Thomas Linde wohl nicht mehr zum Arzt zu gehen, denn von Äpfeln hat der junge Mann aus Dietzhausen dieser Tage mehr als genug. Bis zu vier Tonnen Äpfel lagern seit dem Beginn der Apfelernte auf dem Hof des ausgebauten Einfamilienhauses mitten in Dietzhausen. Dutzende Säcke, Eimer, Kisten, Kartons, Stiegen, Wäschekörbe reihen sich dort dicht an dicht, alle randvoll mit Äpfeln gefüllt. Lange besteht dieses Lager nicht, denn Thomas Linde macht aus den unzähligen Äpfeln Saft - mit einer traditionellen Tuchpresse und mit viel Handarbeit.
Seit fünf Jahren macht der 34-Jährige aus Äpfeln und manchmal auch aus Birnen Saft. Wie er darauf kam? "Ich habe schon immer viele Äpfel aus dem Garten gehabt und wusste nicht so richtig, was ich mit ihnen anfangen soll. Also dachte ich mir irgendwann, mache ich eben Apfelsaft", erzählt der Dietzhäuser über die Anfänge seiner Mosterei. Und die waren recht holprig: Anfangs versuchte Thomas Linde mit einer Kloßmaschine Saft zu pressen und scheiterte kläglich. Also besorgte er sich schwereres Gerät. Im Internet erstand er eine Mühle, in der die Äpfel vor dem Pressen zerkleinert werden, und eine alte Tuchpresse. "Die Presse kommt ursprünglich aus Österreich und ist etwa 100 Jahre alt", weiß er über die wuchtige Maschine zu berichten, die er ebenso wie die Mühle aus Stuttgart nach Dietzhausen holte. Kaum angekommen, startete Thomas Linde den ersten Versuch. Die alten Maschinen funktionierten: "Es kam tatsächlich Saft raus, aber der war ungenießbar, der schmeckte nicht nach Äpfeln, sondern nach Staub", erinnert sich der Dietzhäuser an die wenigen Schlucke vom ersten selbst hergestellten Apfelsaft.
Seitdem hat sich der Geschmack des Safts gewaltig verbessert. Thomas Linde erneuerte diverse Teile der Presse, schaffte einen neuen Rost und vor allem ein neues Presstuch an - das half ungemein. Also presste Linde munter drauf los, für sich und seine Familie, ab und zu auch für Freunde oder Nachbarn. Etwas mehr als 100 Liter, so schätzt der 34-Jährige, hat er den Äpfeln im ersten Jahr seiner Mosterei entlockt. Damals war das Saft machen für ihn ein Hobby, das er neben seinem Beruf als Zahntechniker betrieb. Doch ein Artikel über ihn in einem Anzeigenblatt änderte das schnell. Sobald die Leute erfuhren, dass es in Dietzhausen jemanden gibt, der Most macht, stand das Telefon bei Familie Linde nicht mehr still. "Die große Nachfrage hat mich regelrecht umgehauen", gibt der Dietzhäuser zu. Die Suhler Gärtner mussten bisher immer bis Rohr zur Mosterei fahren und waren daher daran interessiert, ihre Äpfel in der Nähe zum Mosten abzugeben und Thomas Linde wollte und konnte sie nicht alle fortschicken. Also meldete er 2007 ein Gewerbe an, mit dem privaten Pressen war es damit vorbei.
Moster im Nebenberuf
Von da an presste Thomas Linde im Nebenberuf - sieben bis acht Stunden täglich während der Apfelsaison. Das geht nur, weil er im Hauptberuf selbstständig arbeitet - mit seinem Vater im eigenen Zahntechniklabor, das sich auch auf dem Grundstück befindet. "Für die Apfelsaison bin ich von der Arbeit freigestellt." Angesichts der Tonnen an Äpfeln wird auch für den Laien deutlich, dass man das Mosten nicht nebenbei erledigen kann. Und so steht Thomas Linde seit Ende August, als ihm die ersten Äpfel in diesem Jahr geliefert wurden, Tag für Tag auf dem heimischen Hof. Unter dem Carport hat er Mühle und Presse stehen. Zunächst wäscht er die Äpfel in einem großen Bottich, dann kommen sie in die Mühle zum Zerkleinern. Die zerkleinerten Äpfel werden anschließend in die Tuchpresse gegeben und dann erhöht Thomas Linde durch das Drehen an einem Gewinde den Druck auf die Masse so lange, bis der Saft herausläuft. Pro Durchgang schafft die Presse rund 80 bis 100 Kilogramm Äpfel, eine Masse, die erst einmal bewegt werden will. Das Mosten, wie der junge Dietzhäuser es betreibt, ist anstrengend. "Man weiß abends auf jeden Fall, was man gemacht hat."
Dennoch hat der zweifache Familienvater immer noch Spaß am Mosten. Aus unterschiedlichen Apfelsorten einen ausgewogenen Saft zu machen, der weder zu süß noch zu sauer ist, der einfach gut schmeckt, das begeistere ihn nach Jahren noch immer. Von Gravensteiner bis Ontario bekommt er so ziemlich alle Sorten geliefert, die hier wachsen. Und das mitunter in ungeheuren Mengen: "Eine Pflückgemeinschaft hat einmal eine Tonne Äpfel auf einmal abgeliefert, da guckt man nicht schlecht. Normalerweise bringen die Leute so um die 80 Kilogramm vorbei." Als ausgefallenstes Transportmittel erlebte er übrigens den Seitenwagen einer alten MZ, der bis zum Rand mit Äpfeln gefüllt war.
Persönliches Saftprodukt
Sind die Früchte erst einmal auf dem Hof, dann vermerkt der Dietzhäuser nicht nur die abgelieferte Menge, sondern beschriftet jeden Eimer, Sack etc. mit dem Namen des Ablieferers. Denn im Unterschied zu anderen Mostereien, bei denen man Obst abgibt und im Gegenzug Mostpfand erhält, bekommt man hier den Saft aus den eigenen Früchten. Eine Besonderheit, die inzwischen immer mehr Menschen aus der Umgebung zu schätzen wissen. "Das hat sich komplett verselbständigt", sagt Thomas Linde mit Blick auf den großen Berg an Äpfeln, der sich vor ihm auftürmt. Er kommt mit dem Pressen kaum hinterher, zumal die Apfelernte in diesem Jahr besonders üppig ausgefallen ist. "Ich bin vollkommen ausgelastet mit Arbeit."
Pressen, erhitzen, abfüllen
Die ist nach dem Pressen aber noch nicht getan. Erst muss das entsorgt werden, was vom Pressen übrig bleibt, der Trester. Im Fall des 34-Jährigen übernehmen das Tiere, denn er gibt den Trester an Förster und Tierbesitzer ab, die ihn als Futtermittel verwenden. Das erspare ihm die Entsorgung und die Abnehmer hätten auch etwas davon. Bleibt noch aus dem Rohsaft, der direkt aus der Presse kommt, einen Saft zu machen, der auch etwas länger hält. Dafür hat sich der Dietzhäuser eine Pasteurisationsmaschine zugelegt. Auf 78 Grad wird der Rohsaft darin erhitzt, um ihn haltbar zu machen.
Noch im heißen Zustand wird der Saft abgefüllt in eine sogenannte Bag in Box. Das ist ein hitzebeständiger Vakuumbeutel aus Plastik, der in einem Pappkarton steckt und mit einem Zapfhahn abgeschlossen wird. So luftdicht abgeschlossen, hält sich der Saft ohne die Zugabe von Konservierungsmitteln mindestens ein Jahr. Zu Dutzenden stapeln sich die Saftkartons bei Thomas Linde im Keller, alle mit einem Zettel des jeweiligen Abholers versehen, damit jeder auch wirklich seinen Saft erhält.
So viel Apfelsaft auf einmal, da bekommt man als Saftliebhaber sofort Lust, das ein oder andere Glas zu probieren. Thomas Linde sieht das im Moment anders, er hat von Apfelsaft erst einmal genug. Wenn der letzte Apfel für dieses Jahr gepresst ist, der letzte Saftkarton abgeholt wurde, wenn Mühle und Presse winterfest gemacht wurden, dann genehmigt sich vielleicht auch der Dietzhäuser Moster wieder ein Glas Apfelsaft.
Diesen Artikel
|
|||||
Die neuesten Kommentare
Ȇbersicht Suhl
Ein Festpaket für Groß und Klein lockt in die Stadt
Am Wochenende geht's rund in Suhl. Die Stadt hat mit vielen Partnern ein Festpaket für Groß und Klein geschnürt. Das Mammutprogramm bietet Kultur, Unterhaltung, Kulinarisches, Sport und die Krönung des Bratwurstkönigs. »mehr
Premiere: Tauffest im Waldtheater
Der Evangelische Kirchenkreis feierte gestern mit 20 Täuflingen und einer großen Gästeschar ein besonderes Tauffest. Die... »mehr
"Die Party ist der Hammer!"
Größer als ihre Vorgängerinnen sollte sie werden die diesjährige Schwarzbiernacht. Das hat offensichtlich geklappt, auch... »mehr
Fünf Mark und ein Besuch in der Silly-Garderobe
Das hätten sie nicht zu träumen gewagt - ein Treffen mit Silly und Anna Loos. Für vier Suhler gab es mit einem Meet and ... »mehr
Das könnte Sie auch interessieren
Party
Nachrichten
Sport
Gelesen
Kommentiert
Bewertet
Magazine
Umfrage









































