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Nachts, wenn die Zeitung im Kasten landet

Viele Zeitungszusteller sind Nacht für Nacht in Suhl unterwegs, um Freies Wort an die Leser zu bringen. Grit Brüggemann ist eine von ihnen. Wir waren mit ihr auf Tour.

Von Georg Vater
  • 3 Uhr - Ablagestelle Klinikum: Der Twingo wird beladen.
  • 4 Uhr - Alter Friedberg: Wieder eine Zeitung im Kasten.
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Suhl - Kurz nach drei liegt die Friedbergsiedlung in tiefstem Schlummer. Die Häuser sind dunkel, die Straßen verwaist, die Bürgersteige hochgeklappt. Niemand ist unterwegs - kein Mensch, kein Hund, kein Auto. Eiskristalle glitzern auf dem Asphalt. Ein grüner Renault Twingo biegt in den Tulpenweg ein, kommt am Abzweig Azalienweg zum Stehen. Die Fahrertür fliegt auf. Eine dunkle Gestalt mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze und schwarzem Basecap springt heraus. Im grellen Schein der LED-Stirnlampe beugt sie sich über den Kofferraum. Die Gestalt ist zierlich. Eine Frau. Sie zieht sich den Träger einer Umhängetasche über den Kopf, tastet sich über das Eis auf der Straße vorsichtig zum Gartenzaun gegenüber, hangelt sich den spiegelglatten Weg hinunter. Hier und da macht sie sich an Gartentüren und Briefkästen zu schaffen. Immer wieder verschwindet die Hand in der großen Umhängetasche. Eine Einbrecherin, eine Diebin? Nein.

Grit Brüggemann, Nachtarbeiterin aus Passion, holt nichts - sie bringt. Die Tageszeitung Freies Wort. An sechs Tagen die Woche, zu jeder Jahreszeit. Bei Wind und Wetter, verlässlich wie ein Uhrwerk. Zeitungszustellerin ist ihr Job. Dafür hat sie ihre innere Uhr umgestellt. Dafür piepst bei ihr jede Nacht kurz nach zwei der Wecker. Dafür hat sie ihr kleines Autos mit Kartons und Kisten vollgepackt und als rollende Sortierstation zweckentfremdet.

Manchmal auf allen Vieren

Seit 2009 ist die 55-jährige Suhlerin nachts auf Tour, damit die Abonnenten am Alten Friedberg, am Hoheloh und in der Hainbergsiedlung zum Frühstück ihre Tageszeitung lesen können. "Bis sechs Uhr ist das Ziel", sagt sie. Manchmal klappt das nicht ganz - wenn der Kleintransporter zu spät von der Druckerei in Erfurt loskommt oder wenn der Winter schwere Geschütze auffährt und alles lahmlegt. Dann braucht auch Grit Brüggemann länger, um die 250 Zeitungen an den Leser zu bringen. Normalerweise ist sie zwischen sechs und halb sieben fertig mit ihrer Tour. Muss sie mit viel Schnee und Eis kämpfen oder viele Briefe zustellen, kann es schon mal eine Stunde länger dauern. "Aber ich habe immer alle Zeitungen an den Mann gebracht, auch wenn ich auf allen Vieren zu den Briefkästen gekrochen bin."

Heute ist es auch wieder so teuflisch glatt. Tagsüber hat es getaut, nachts herrscht Frost. In der Dunkelheit ist das Eis kaum zu sehen. Zweimal ist Grit Brüggemann schon gestürzt. Ernsthaft verletzt hat sie sich aber nicht. Doch sie ist vorsichtig. Der Alte Friedberg gilt als eines der schwierigsten Zustellgebiete der Stadt. Die steilen und engen Straßen, die relativ weit auseinander liegenden Häuser der Abonnenten - dafür braucht es Kondition.

Am Twingo zurück, füttert Grit Brüggemann ihre Tasche mit Zeitungen vom großen Stapel für die nächste Fußrunde. Doch zunächst geht's im Auto weiter über den Nelkenweg bis zur Kreuzung Tulpenweg/Fliederweg. Immer wieder hält der Twingo. Dann schnappt sich die sportliche Frau eine Zeitung vom Beifahrersitz, springt aus dem Auto und steuert zielgerichtet zu den Briefkästen und Zeitungsköchern. Die sind oft an den abenteuerlichsten Stellen versteckt. Grit Brüggemann kennt sie alle. Seit 2009 ist sie im Geschäft.

Anfangs war sie nach der Zustell-Liste der Vertriebsagentur unterwegs. Doch die war mit den Gegebenheiten vor Ort nicht gerade kompatibel. Die Tour hätte viel zu lange gedauert. Aus ihren Erfahrungen heraus erstellte sich die Zustellerin eine effektivere Routenplanung. Die hat feste Haltepunkte für das Auto. Von da schwärmt sie zu ringförmigen Fußrouten aus.

Die Zustell-Liste mit den Namen der Abonnenten braucht sie ohnehin nicht mehr. Sie weiß, wer welche Zeitung bekommt - denn auch das Neue Deutschland, Die Welt oder die FAZ werden von ihr mit ausgetragen - und welcher Weg der kürzeste ist, um die Briefkästen abzuklappern. Meist sind auch noch zwischen 50 und 80 Briefe des Zustelldienstes LLS dabei, die mit den Zeitungen aus Erfurt in Suhl ankommen. Zwischen 2.45 und 3 Uhr kommt der Kleintransporter aus der Druckerei in Erfurt an den vereinbarten Ablagepunkt am SRH Zentralklinikum. Sind sehr viele Briefe dabei, geht Grit Brüggemann am Vormittag noch einmal separat auf Tour, um sich mit den letzten Zeitungen nicht zu sehr zu verspäten. Denn dann muss sie auch zu Häusern, in denen keine Zeitung abonniert ist.

Ausgerüstet für alle Lagen

Die Zeiger der Uhr sind auf vier vorgerückt. Die dritte Fußrunde ist geschafft. Nach dem Veilchenweg steht der lang gezogene Friedbergweg an. Etwa 30 Zeitungsleser gibt es dort. Zum laufen sind die Entfernungen zu groß. Immer wieder hält der Twingo vor einem der Häuser an. Auf einer Eisplatte drehen plötzlich die Räder durch. Grit Brüggemann bleibt gelassen. Sie zerrt eine Schaufel und ein Säckchen Splitt aus dem Kofferraum, wirft das Streugut vor die Räder. Das kleine Auto wühlt sich frei. Auch Schneeketten hat sie an Bord. Außerdem Wärmepacks für die Hände, Handschuhe mit gummierten Fingerkuppen, Unterschnallkrallen für die Schuhe, ein Beutelchen Hunde-Leckerlis. "Die Ausstattung beruht auf eigenen Erfahrungen", lacht sie. Seit 2009 ist sie als eine von vielen Zeitungszustellern in Suhl unterwegs. Im letzten Winter fuhr sie sich einmal hoffnungslos fest. Ihr Mann musste zu Hilfe eilen; sie mit seinem Auto herausziehen. Auch mit Hunden hat sie Erfahrungen. "Aber nur gute. Ich weiß, wo welche wohnen und hab' mich mit denen angefreundet."

Nach der Kunigunde überquert der Twingo die Schleusinger Straße. Am Hoheloh geht es zügig. Im Nu sind ein Dutzend Zeitungen in der Briefkastenanlage des altersgerechten Wohnens in der ehemaligen Schule verschwunden. Auch Sonneberger und Hildburghäuser Lokalausgaben sind darunter. Die älteren Abonnenten sind nach Suhl gezogen und wollen ihren Lokalteil weiterlesen. Kein Problem - der Wunsch wird erfüllt.

Einsam und bewegt

Es ist ein einsamer Job, den Grit Brüggemann hat. Gerade deshalb liebt sie ihn. Den ganzen Tag im Büro zu sitzen, das wäre nichts für sie. Die Bewegung an der frischen Luft - gern auch mal mit kleiner Jogging-Einlage - und das gute Gefühl, am Morgen, wenn andere zur Arbeit gehen, die Brötchen schon verdient zu haben, gefallen ihr: "Das ist mein bezahlter Frühsport." Im Frühjahr und im Sommer, wenn Vogelzwitschern und Dämmerung den neuen Tag ankündigen, ist das freilich angenehmer. Aber die Zeitung muss auch im Winter an den Leser.

Im Autoradio laufen die 5-Uhr-Nachrichten. Weiter geht es in die Hainbergsiedlung. Der erste Winterdienst-Lkw rumpelt vorüber, wirft Salz auf die Straße. Dann ist es wieder still. Angst, nachts allein unterwegs zu sein, hat die vitale Mittfünfzigerin nicht: "Ich hab' früher mal Judo gemacht; kann mich verteidigen."

Allmählich erwacht die Stadt. Die ersten Autos sind unterwegs. Nach Freiligrath-, Prießnitz- und Kollwitzstraße bläst Grit Brüggemann kurz nach sechs in der Hainbergstraße zum Finale. Trotz der Glätte hat sie ihre Zeitungen zu den Lesern gebracht. Wieder mal. Zu Hause warten Kaffee, Frühstück und Couch für ein Nickerchen bis zum Mittag.

Die wenigsten ihrer Kunden kennen Grit Brüggemann. Und die wenigsten werden sie je kennen lernen. Das ist auch nicht wichtig. Wenn sie aufstehen, steckt die Zeitung - so wie diese - im Briefkasten. Selbstverständlich. Das zählt.

    
    

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