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Ein Beitrag zum Frieden in dieser Stadt

Es ging um ein heißes Thema am Freitagabend in der Stadtbücherei: "Zensur in der DDR - Gespräche über Literatur". Und es wurde heiß diskutiert. Am Ende gingen viele Zuhörer nachdenklich nach Hause.

Von Lilian Klement
  • Das Podium und das Publikum: Eine Erfahrung für beide Seiten. Foto: frankphoto.de
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Suhl - Das lokale Bündnis für Demokratie und Toleranz, gegen Rechtsradikalismus hat Mut bewiesen und erstmals nach der friedlichen Revolution 1989 ein heißes Thema angepackt - die Zensur in der DDR am Beispiel der Literatur, und das Gespräch darüber.

Die bemerkenswerte Veranstaltung fand am Freitagabend inmitten von viel Literatur statt - in der Stadtbücherei. Angeregt wurde das Bündnis von einem Beitrag in Freies Wort vom vorigen Jahr, als es um eine Veranstaltung in Suhl zur Bücherverbrennung im Dritten Reich ging. In dem Text war angemerkt worden, man könne Autoren und ihre Bücher vernichten, auch ohne sie zu verbrennen, indem man sie mundtot mache, Bücher verbiete oder gar nicht erst drucken lasse, wie in der DDR geschehen.

Diesem Kapitel wollte sich das Bündnis zuwenden. Anhand von acht völlig unterschiedlichen Erfahrungsberichten wurde ein Dialog angeschoben, sich an die DDR-Zeit zu erinnern, um über deren Geschichte und die Geschichte dieser Stadt und ihrer Menschen ins Gespräch zu kommen. Auf dem Podium saßen: Siegfried Schütt, Bärbel Gebauer, Erhard Kretschmann, Ingrid Ehrhardt, Elisabeth Pfestorf, Holger Uske und Regina Kiel-Udhardt. Für den erkrankten Karl-Heinz Walther las Pfarrer Hauke Meinhold vom Bündnis dessen Bericht vor.

In die Knie gezwungen

So unterschiedlich wie das Podium besetzt war, so unterschiedlich war das Publikum. Und so unterschiedlich waren die Reaktionen und die Meinungen über diese Erfahrungsberichte und das heftige Wort "Zensur". Betroffenheit, Leidenschaftlichkeit, Nachdenklichkeit im Raum, gelegentlich konnte sogar herzhaft gelacht werden. Beispielsweise als Bärbel Gebauer vom Kabarett "Die Hinterwälder" von diversen Auftritten erzählte. Wie die Zensur durch die Genossen aus SED-Kreis- und Bezirksleitung - dort mussten sie die Texte vorlegen - wenigstens die Kreativität ihrer Sprache beflügelt habe. Das Publikum wusste die verpackten Botschaften sehr wohl zu verstehen.

Wie lang der Schatten dieses Themas ist, erfuhren die Zuhörer gleich zu Beginn. Werner Bräunigs Roman "Rummelplatz" über die Wismut erschien erst 2007, obwohl das Manuskript aus den sechziger Jahren stammt. Das Buch durfte in der DDR nicht erscheinen. Bräunig ertränkte seinen Kummer im Alkohol und starb 1976 im Alter von nur 42 Jahren. Später wird Bürgermeister Klaus Lamprecht (Die Linke) sagen, dass er während seines Urlaubs im Sommer diesen Roman gelesen hat und erschüttert war. "Dass Schriftsteller kaputt gemacht wurden, ist eine Schande aus dieser Zeit."

Man muss nicht weit über den Rennsteig hinaus, um etwas von Zensur in der DDR-Literatur zu erfahren. Sie wurde auch hier praktiziert. Der Dietzhäuser Schriftsteller Siegfried Schütt schilderte seine Erlebnisse. Vergleichsweise noch harmlos, obschon ärgerlich, war die Geschichte seiner Betriebschronik über das EGS. Weil darin anstelle eines üblichen Honecker-Bildes der Suhler Waffenschmied abgebildet war, kam das Buch nicht in den Handel und durfte nur im Betrieb verkauft werden. Viel schlimmer traf es ihn, dass sein Lustspiel "Göttermacher" nicht wie geplant im Meininger Theater aufgeführt wurde. Abgelehnt ohne Begründung. Seine Götter, das waren Honecker und Co. Später erfuhr er, dass die Stasi darin einen "versteckten Angriff gegen die politisch-ideologischen Positionen in unserer Gesellschaft" sah.

Selbst die Kirche war betroffen. Erhard Kretschmann, ehemals Superintendent, erzählte, wie manche Teile der Wochenzeitung "Kirche" frei blieben, weil die Zensur die Texte strich, berichtete, wie Pfarrer Schwennicke 1982 auf Geheiß der Abteilung Inneres das Plakat "Christus zerbricht das Gewehr" aus dem Schaukasten des Pfarramtes nehmen musste - eine Zeichnung des Malers Otto Pankok. "Zensur wird dann nötig, wenn jemand Angst hat, Macht zu verlieren und die freie Meinungsäußerung fürchtet", bemerkte er.

Holger Uske, neben seiner Arbeit als Sprecher der Stadtverwaltung Lyriker, machte ebenfalls Erfahrungen mit der Zensur, beispielsweise mit seiner Veranstaltungsreihe "Lesebühne", wo vorwiegend junge Autoren ein Podium bekamen und deren Texte einfach ausgesiebt wurden oder er selbst einmal eine Geschichte umschreiben sollte, was er nicht tat.

Zensur in SED-Zeitung

Wie Zensur in der damaligen SED-Zeitung Freies Wort funktionierte, schilderte Ingrid Ehrhardt, die dort lange als Journalistin arbeitete, am Beispiel ihres Interviews mit Bettina Wegner Ende der siebziger Jahre. Dessen Veröffentlichung hatte die Kontrolle der Redaktion selbst verhindert. Als Wegners bekanntestes Lied "Sind so kleine Hände" nochmals erklingt, herrschte Stille im Raum. Eine Frau sagte mit Tränen in den Augen, sie sei damals beim Konzert gewesen, die Zeile "Leute ohne Rückgrat hab'n wir schon zu viel" bleibe auch heute aktuell.

Offene, ehrliche Worte zu seiner Vergangenheit fand Karl-Heinz Walther, die Pfarrer Meinhold vorlas. Walther hat eine Funktionärsbiografie, war Leiter der Bezirksparteischule, Abteilungsleiter bei der SED-Bezirksleitung und Büroleiter beim 1. Sekretär Hans Albrecht. "Aus heutiger Sicht kritisiere ich viele Dinge, die ich damals für richtig befand." Dennoch sei es nicht richtig, die Geschichte der Literatur in der DDR nur auf die Zensur zu reduzieren, "es gab auch gute Bücher".

Die DDR-Literatur

Und daran entzündet sich ein Disput. Die beiden Bibliothekarinnen Elisabeth Pfestorf und Regina Kiel-Udhart zeigten sich verbittert. Die eine kritisierte die Zensur in der BRD, die andere beklagte, dass so vieles aus dem Leseland DDR infrage gestellt würde. Und eine Frau aus dem Publikum dazu: "Ich stelle die Zensur ja nicht in Abrede, aber muss man das mit der Bücherverbrennung vergleichen? Und muss man die DDR-Literatur nur unter dem Blick der Zensur bewerten?, das entwertet ja diese Literatur." Entwerten mochte niemand die Werke von Autoren, die sich mit Namen wie Strittmatter, Heym oder Wolf verbinden. Aber es gab auch die Ausgereisten wie Becker, Kunze oder Kuhnert. Die vielen ungedruckten Bücher, die politisch nicht genehm waren. Zu finden sind sie in "Die verschwiegene Bibliothek", 100 Autoren, 40 000 Seiten.

Viele Fragen blieben offen. "Wir wollen im Erzählen bleiben, uns über die DDR verständigen. Wenn wir die ganz individuellen Wahrnehmungen in unseren Kopf reinlassen, ist das ein Anfang. Und das trägt auch zum Frieden in unserer Stadt bei". Kluge Worte von Hauke Meinhold. Eine Fortsetzung folgt hoffentlich.

    
    

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