zuletzt bearbeitet: 06.08.2011 09:17 Uhr
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Mut haben, Neuland zu betreten
Das "Volkstheater Schwarzwurzel" feierte in Steinach mit seinen zwei Aufführungen grandiose Erfolge - völlig zu Recht erhielten die Laienschauspieler begeisterten Applaus des Publikums.
Steinach - Man kann also durchaus sagen, dass die Steinacher in diesen zwei Wochen "Schwarzwurzel"-Zeit nachgedacht haben - über sich, ihre Heimat und deren Zukunft. Doch "Schwarzwurzel" war mehr als lediglich die Einstudierung eines Theaterstücks; das Projekt ist angelegt als breites Nachsinnen über Steinach in den nächsten Jahren, als Ideenbecken dafür, wie man einem Ort ein neues Gesicht geben kann, dessen altes nach allen einschlägigen Statistiken langsam zu verschwinden droht. Und es ist ein Beweis dafür, was die verschiedensten Kulturtechniken - Architektur, Stadtplanung, Theater, Kino - gemeinsam erreichen können, wenn sie zusammengeführt werden.
So fanden, von einer großen Öffentlichkeit leider unbemerkt, im Verlaufe der zwei Wochen zwei Kinoabende im Vereinshaus "Reich" statt, die sich als Brennglas eigneten für alles, was "Schwarzwurzel" mit seinem Engagement erreichen wollte. Am ersten Abend zeigten die Veranstalter um Tobias Kurtz den Dokumentarfilm "NeuLand Denken". In diesem zieht ein Filmteam durch den hoffnungsloseren Teil der neuen Bundesländer: Also das Oderbruch, Ostbrandenburg und Mecklenburg-Vorpommern jenseits der touristenbesetzten Ostseestrände. Das Team filmt in stillen, vielsagenden Bildern Menschen, die oft nicht zu Unrecht das Gefühl haben, abgekoppelt zu sein von der Entwicklung, die angeblich immer schneller wird und internationaler. Es wird eine Arbeitsloseninitiative gezeigt sowie Betriebe, die gnadenlos heruntergewirtschaftet wurden, wie etwa die Chipfabrik Frankfurt/Oder. Keine Hoffnung, nirgends.
Der erste Teil des Films stellt schonungslos die Situation dar und man könnte allein vom Zuschauen depressiv werden. Dann, gegen Ende, als man schon denkt, die Dokumentation sei ein weiterer Beitrag zum aus Westsicht typischen Ostdeutschengejammer, werden plötzlich Geschichten der Hoffnung erzählt: Von den beiden jungen Leuten, die in Brandenburg eine Schneckenfarm eröffneten, oder von dem Bauern, der eine Bullenzucht etablieren will und dafür über eine Kreuzung mit Kühen nachdenkt, weil jene vom Bund gefördert werden. Das sind komische, rührende Geschichten, Geschichten der Hoffnung allemal.
Mut zu neuen Projekten
Der Film eignet sich wunderbar als bebilderte Parabel für das Projekt "Schwarzwurzel". Er steckt den Rahmen ab, in dem sich die Teilnehmer bewegen - Hoffnung geben und Mut zu neuen Projekten wecken in einer Kleinstadt, wie Steinach, die nicht sehr viel mehr hat als den Ideenreichtum ihrer Bewohner, ein touristisches Juwel am Fellberg und die Bereitschaft, jetzt anzupacken. Für einen selbst, und für die Kinder, sollen sie nicht gehen.
Was die Kraft des Menschen, aus dem gewohnten Alltagstrott herauszutreten, alles bewegen kann, beweist ein weiterer Spielfilm, den "Schwarzwurzel" am Abend darauf vorführt. "Schulze get's the Blues" heißt er, was auf Deutsch soviel bedeutet wie: "Schulze kriegt den Blues". Erzählt wird hier mit genialen, ruhigen Bildern die Geschichte des Bergarbeiters Horst Schulze aus Sachsen-Anhalt. Er ist im Vorruhestand, die Zeche dicht, und das Leben rauscht an ihm vorbei, wie der tägliche Vorortzug auf der Eisenbahnbrücke. Kein Lichtblick. Dann jedoch hört er eines Abends im Radio zufällig Musik aus den Südstaaten der USA, aus Louisiana. Das Lied lässt den Musiker nicht los. Er lernt es auf seinem Akkordeon, auf dem er ehedem nur Polkas spielte. Er verschreckt mit der "Negermusik" das halbe Dorf. Später dann wird Schulze von seinem Musikverein als Repräsentant tatsächlich zum Partnerstadttreffen mit einer Südstaatenstadt geschickt. Was er dort findet, erinnert ihn so sehr an seine Heimatstadt, dass er flieht in Richtung Louisiana. Dort findet er endlich "seine" Musik, der große Kreis schließt sich. "Schultze get's the Blues" ist ein Film der hellen Hoffnung, des Mutes, dessen Bilder man mit Worten nicht angemessen beschreiben kann. Dem man mehr Steinacher Zuschauer gewünscht hätte, als die fünf, sechs die letztlich kamen.
Weil er die Geschichte von einem Menschen erzählt, der anders war als die anderen. Die Geschichte von der einfachen Wahrheit, dass sich auch kleine Orte weiterbewegen müssen, um nicht stehenzubleiben. In einer Zeit, die vielleicht nie so war, wie wir sie in Erinnerung haben. Wo Schultze lebt, wurde kein Schiefer abgebaut, sondern Braunkohle. Aber sonst lässt sich vieles Übertragen, aus dem Anhaltinischen ins Südthüringische. Dieser Gedankentransfer war das Ziel von "Schwarzwurzel" - und daraus Mut entstehen zu lassen. Mut, Neuland zu betreten. Dass sich die "Schwarzwurzler" um Tobias Kurtz nun schon mit knapp 20 Mitstreitern zusammengeschlossen haben, um einen gleichnamigen Verein zu gründen, lässt erwarten und hoffen, dass sich das Projekt weiter fortsetzt und nicht im Sande verläuft.
Ideal als Kinosaal
Und auch etwas ganz pragmatisches haben die beiden Filmabende vergangene Woche in Steinach noch zu Tage gefördert: Der oft als Fehlplanung geschmähte Saal des Vereinshauses "Reich" eignet sich wunderbar als Kinosaal. Die Filmakustik ist wohl einzigartig - verglichen selbst mit den Kinos in der näheren Umgebung. Daraus könnte die Idee entstehen, ab und an in festen Abständen Filme zu zeigen; Filme für jeden Geschmack, über die man anschließend noch kurz reden kann, weil eigentlich jeder Film genug Gesprächsstoff liefert. Den Anschub dafür hat "Schwarzwurzel" geleistet - nun sind die Steinacher am Zug. Und es soll keiner mehr nach diesen zwei Wochen sagen, es gäbe keine Menschen in der Brunnenstadt, die sich dafür erwärmen könnten.
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