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Ironiegewürzte Rückschau

Mit dem traditionellen Kirmesbegräbnis, der Rock- und Pop-Party für Jung und Alt sowie dem abschließenden Feuerwerk ging gestern die 112. Steinacher Kirchweih zu Ende.

Von Tobias Ross
  • Heulend schiebt sich die Trauergesellschaft durch die Brunnenstadt, um sich anschließend im voll besetzten Festzelt die Begräbnisrede anzuhören.
  • Wer zur Begräbnisrede einen Platz haben wollte, musste schon rechtzeitig reserviert haben. Fotos (4): camera900.de
  • Was für eine schöne Kirmes-Leiche...
  • Begräbnisrednerin Luise Demmler.
Bild von

Steinach - Spätestens als Kirmes-Begräbnisrednerin Luise Demmler beginnt, von ihrer Reise nach Dubai zu erzählen, gibt es auf den voll besetzten Biertischgarnituren im Steinacher Festzelt kein Halten mehr: Sie sei auf dieses Abenteuer von ihrem Handyanbieter eingeladen worden und wollte wenigstens einmal landestypisch arabisch essen, erzählt Demmler augenzwinkernd: "Doch, um das zu verspeisen, was es gab, brauchte ich nicht weltweit zu verreisen." Kredenzt wurden ihr im erstbesten Lokal: Bratwurst, Eisbein, Schnippel und Detschä: "Als der Koch kam, dachte ich, ich krieg einen Klaps an der Dattel, vor mir stand der Maestro von der Straße zum Silbersattel. Der Rossberg, der Dieter sprach in mein verblüfftes Gesicht: Landestypische Küche erlebst du von mir auch in Dubai nicht!" Würde hier Protokoll geführt, stünde dort: frenetischer Jubel.

Der Montagnachmittag ist bei der Stäniche Kerwa traditionell der Tag, um ironiegewürzte Rückschau zu halten auf das, was in der Brunnenstadt das Jahr über passiert ist. Zu berichten gibt es dabei aus 2010 und 2011 einiges: Von der Dauerbaustelle Tankstelle etwa, bei der "eine Seite immer erneuert" werde, bis zu Kleintierzüchter Uwe Scheler, dessen Begegnungen mit der Justiz Luise Demmler noch einmal kurz zum Gefallen des Publikums zusammenfasst.

Auch die Kerwasrede aus Haselbach darf natürlich im Fernduell über die Hohe Warte hinweg nicht unbeantwortet bleiben. Dass man dort vorschlug, die Straße nach Haselbach in "Straße ins Paradies" umzubenennen, lässt Demmler spotten: "Schaut man sich um, kommt man zu dem Schluss, das alles fehlt, was im Paradies vorhanden sein muss": Sparkasse, Schulen, Arztpraxis - "außer Frischluft kann man in Haselbach gar nichts tanken."

Während die Temperaturen im Zelt auf subtropische, fast wüstenähnliche Werte klettern, erinnert Demmler an den "Frauentausch in der Unterstadt, der mit der Erkenntnis endete: Es kommt nicht immer auf die Optik an." Insgesamt gelingt Luise Demmler eine ironiesatte, über weite Strecken sehr gute Rede, in der nichts ausgelassen wird: Auch das Kulturprojekt "Schwarzwurzel", das in den letzten Wochen die Stadt beschäftigte, bekommt von der Trauerrednerin eine satte Breitseite ab - allerdings verpackt in einen Vorschlag an die geliebten Lauschner: "Nehmen wir an, der Lauschner Bürgermeister hat einen Sohn und der kennt einige Leute mit einer Vision. Die gründen ein Projekt mit nichtssagendem Titel - und schon hat der Norbert jede Menge Fördermittel." Und diese Gruppe könne in Lauscha dann "hochwissenschaftlich angehaucht", jede Menge Dinge machen "die die Welt nicht braucht."

Und weiter geht der Ritt: Um die Rettungsschirme für Europa zu testen, spottet Demmler, habe man es nun erst mal im "Schlosshof" mit "vier Rettungsschirmen" probiert, aber das habe dann doch nicht so toll geklappt. Da johlt das Zelt. Was war sonst noch? Die Rote Ampel in Hüttengrund, die Straßenbauarbeiten in der Goldbachstraße, die uns die "Schnempelsau" kosteten, diverse kleine und große Fahrfehler mit Folgen, das geplante Altenheim beim "Ech" und natürlich die Wie-Lie-Bahn: Hier ist Demmler sichtbar bemüht, sich nicht selbst in eine der Fronten aus Bürgerinitiativen einzureihen. Es bleibt eher allgemein bei dem schönen Bild eines "Hängebrücken-Himalaya-Feelings am Pathelsbruch" und der Frage: "Zahlen wir dann alle, für den Fall, es wird ne Kostenfalle?" Auch für den in Steinach fehlenden Aufschwung hat Luise Demmler eine Idee: "Nun ist es uns sauer aufgestoßen: Es fehlt an gebärfreudigen Frauen."

Es wird an diesem Nachmittag auch die feine ironische Klinge geschwungen, insgesamt ist die Rede ausgewogen fein-deftig. Das würdigen auch die Zuhörer, die Luise Demmler im Anschluss an die Rede mit tosendem Applaus bedenken, genauso wie die Organisatorin des Festzuges vom Sonntag, Isolde Mahr. Doch wie sagt es Luise Demmler: "Die Kerwas-Leiche wird unruhig und will zur Auferstehung starten. Auf die nächste Kerwa müssen wir nun wieder ein Jahr warten, warten, warten..."

Spätestens wenn der letzte Feuerwerksböller verklungen ist, wird dann in Steinach wieder von vorne hingezählt: auf die Kerwa 2012.

    
    

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