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Gegen den Rest der Welt

Was ist Kunst? Kunst ist es, ein Provinzstädtchen lebendig, spannend, faszinierend zu machen, nur durch Engagement und die Kraft der Fantasie.

Von Ully Günther
  • Dramatische Abschiedsszene am Bahnhof: Isolde (Tobias Kurtz) will fort aus Steinach, aber Heinz (Karolin Leipold) hängt ganz furchtbar an ihr.
  • Strahlt nach der Vorstellung: Beata Nagy, Schauspielerin aus Bochum, die in der Bahnhofsszene Regie führte.
  • Tolle Szene auf dem Marktplatz: Lucio Nardi (links), Mitinitiator des Schwarzwurzelprojektes, und Matthias Kubusch, der Regisseur des Volkstheaters.
  • Steinachs Schauspieltalente boten in jeder Altersklasse eine wunderbare Leistung. Das Publikum feierte sie mit Ovationen.
  • Hier geht's ins Steinacher Theater: Das leerstehende Haus am Bahnhof verwandelte sich in eine Bühne voller skurriler Gestalten. Fotos: Hein
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Steinach - Es war, als würde ein anderes, ein neues Steinach auferstehen am Freitagabend, 19 Uhr. Zu einer Zeit, wo üblicherweise die Gehsteige hochgeklappt werden in der Brunnenstadt und Leere sich breitmacht um Thüringens größten Marktplatz, pulste plötzlich munterstes Leben durch den Ort, hallten die Häuserwände vor Lachen wieder, tanzte die Fröhlichkeit durch die Straßen. Steinach spielte Theater. Die ganze Stadt war eine Bühne. Es war ein Experiment, dessen Ende keiner vorauszusagen wusste. Zwei Wochen lang hatten im Rahmen des Kunstprojektes Schwarzwurzel professionelle Schauspieler und Regisseure mit Freiwilligen aus der Stadt, mit Kindern, Jugendlichen und alten Menschen geprobt, und schließlich für Freitag zur Premiere geladen. Um 19 Uhr am Bahnhof sollte das Stück beginnen.

Isoldes Abschied

Dort stand, frisch frisiert für die Vorstellung, im Kunstpelzjäckchen und mit grellrot geschminktem Mund Ragna Körby, Mitwirkende und Mitinitiatorin des Schwarzwurzel-Projektes, und sagte: "Oh Gott!"

Dort oben, auf den Stufen vorm Bahnhof, begann plötzlich hypernervös der große lila Ohrring unter Beata Nagys blondem Haar hin und her zu baumeln. "Oh Gott", sagte mit schockiertem Lächeln auch die Regisseurin aus Bochum, "wo sollen wir die alle unterkriegen?" Die Gehsteige diesseits und jenseits der Straße waren angefüllt mit Menschen, die ins Theater wollten. In Steinach. In den Bahnhof. "Also hier gibt's ein bisschen Engpass, aber machen sie sich keine Sorgen, wenn nicht alle reinpassen", rief Beata Nagy. Sie lächelte.

So nahm ein Abend seinen Anfang, der am Ende etwa zweihundert Gäste zu Begeisterungsstürmen hinreißen sollte. Die Macher von Schwarzwurzel, die Schauspieler aus Steinach und Umgebung, sie feierten Triumphe. Sie ernteten Ovationen für ein Stück, das an unterschiedlichen Orten spielte, viele Szenen hatte und doch nur ein einziges Thema kannte, nämlich die Liebe zu dieser kleinen Stadt Steinach. Und den Hass auf ihre Enge. Die Flucht aus dieser provinziellen, scheinbar keine Zukunftschancen bietenden Stadt und die Rückkehr aus der Fremde in ihre ausgebreiteten Arme.

So wartete denn am Bahnhof in Kittelschürze und mit einem großen Koffer ausgestattet die jugendliche Isolde (gespielt von Tobias Kurtz) auf den Zug, der sie endlich fortbringen sollte aus diesem traurigen Nest: "Alle sind weg, nur ich hock' noch in dieser Einöde."

"Nein!", schrie angesichts solcher Pläne Isoldes Verehrer Heinz (Karolin Leipold), der ganz in schwarz gekleidet an ihrem Bein hing: "Neiiin Isolde! Ich lieb dich so! Geh nicht!"

Solche Dramen spielen sich ab unter Steinachs Jugend Jahr um Jahr, wenn wieder einer weggeht und der andere zurückbleiben muss. Und noch dramatischer wird's, wenn Lena Heinkele dabei ist: Sie saß - ebenfalls ganz in schwarz - auf diesem Bahnsteig und begleitete die Abschiedsszene mit todtraurigen Celloklängen. Dann rollte planmäßig der wie immer um diese Zeit dünn besetzte Zug der Südthüringenbahn ein am Bahnhof, und dem Lokführer gingen die Augen über, weil er den Bahnsteig von hunderten Menschen besiedelt sah wie niemals zuvor, als wär's Berlin oder New York, aber niemals Steinach.

Was die Steinacher Isoldes anrichten, wenn sie ihre Koffer packen, war im leerstehenden Haus gegenüber des Bahnhofs zu besichtigen. 200 Theaterbesucher quetschten sich durch die heruntergekommenen Räume und fanden in der leeren Küche, im leeren Schlafzimmer, im Flur vorm Kellereingang, auf der lichtlosen Toilette bizarre Gestalten vor. "Ich bin die Emmy (Bianca Metzner)", sprach die alte Dame, die auf dem Stuhl vor der Kellertreppe mit dem Oberkörper hin und her wackelte. "Ich bin 82. Ich bin die Emmy, gut merken. Ich wohn' oben im Bahnhof. Ich bin jung. Ich bin erst 82. Ich halte immer Ausschau nach dem Mann in Beige." Emmys dürre Spindelfinger umklammerten eine brutal gelbe Handtasche. Emmys Dauerwelle war so tadellos, wie ihr Gehirn darunter durcheinander. So allein dort drüben in ihrer Wohnung überm Bahnhof war sie ein bisschen verrückt geworden mit den Jahren.

Im Stockwerk über ihr hockte auf seinem lichtlosen Klo der Franz (Tobias Kurtz), aufgewachsen in der alten Brauerei am Markt, mittlerweile 94 Jahre alt. In seiner Brauerei, so erzählte der Franz jedem, der seinen Kopf neugierig durch die Klo-Tür steckte, hätte er vor 30 Jahren ein Rezept für ein Bier gefunden, das ewige Jugend verheißt. "Warum bist du dann so alt Franz", fragte ihn verwundert das Publikum. "Eine Seite hat gefehlt", jammerte der Franz, über die Jahre fast erblindet. "Ich such' sie. Hat sie einer gesehen?"

So steckte das leerstehende Haus gegenüber dem Bahnhof voller skuriller Gestalten mit wilden Geschichten. Neben jeder Figur hing ein Bild, das ein leeres Haus in Steinach zeigte. "So viele Steinacher", erläuterte Beata Nagy, die Regisseurin den Sinn der Szene, beklagen den Leerstand in der Stadt. "Da haben wir eben begonnen, in der Phantasie diese leerstehenden Häuser zu füllen. Wir haben uns gesagt, da machen wir jetzt wieder ein paar Einwohner rein." Weil ein Theaterpublikum nicht durch alle leeren Häuser in Steinach ziehen kann, wurden deren imaginäre Bewohner in einem Haus versammelt und erzählten dort ihre Geschichten: "Ich bin die Emmy. Ich halte Ausschau nach dem Mann in Beige..."

Kittelschürzen-Drama

So spielten sie sich durch die Stadt, über den Marktplatz weg, wo ein Fußballspiel stattfand mit meterhohen Pappfiguren (Steinach gegen den Rest der Welt), hinein in die "Spielzeugschachtel", wo endlich die Jugend dieses öden Nestes sinnfrei herumlungerte: "Hey, was geht ab?" Antwort: "Ich hau ab. Meine Alten kotzen mich an."

Und die Alten? Die ahnten - wie immer - rein gar nichts, tauchten plötzlich auf, sangen munter Geburtstagslieder, und die stolze Oma schenkte ihrem kleinen Mädchen - das sich ein i-phone erhofft hatte - zum 18. Geburtstag eine Kittelschürze, dieses ewige, furchtbare Symbol für Steinachs Provinzialität. Diese Schürze bringt das Mädchen, Laura Leipold, endgültig zum Ausrasten. Sie feuert sie der Oma vor die Füße. Sie tobt. Sie schreit. Sie packt ihren Koffer: "Ich hau ab!" Und dann - sie ist schon fast weg - macht sie auf dem Absatz noch einmal kehrt, reißt wutentbrannt die Schürze an sich und nimmt sie doch mit. Sie wird also wiederkommen, weil diese Schürze das Symbol ihrer Heimat ist und jener Menschen dort, die sie lieben und auf sie warten werden. In den Tiefen ihres Herzens weiß sie es.

So geht es also Steinach. Leerstand. Wegzug. Und warum? "Produktionssteigerung", dröhnte es wie wahnsinnig aus den Lautsprechern. "Wir entlassen Arbeiter Nummer zwei und fünf." Maschinensound. Die Reihe der Schauspieler arbeitet immer verängstigter mit immer zittrigeren Händen. "Zeitenwende drei", dröhnt es: "Wir entlassen Arbeiter sieben bis elf." Die Hände der Übriggebliebenen flitzen noch wilder übers Fließband. "Wir bedanken uns herzlich bei ihnen", sagt die Stimme aus dem Off, "wir verlegen unsere Produktion in den asiatischen Raum."

So könnte also Steinach eine Stadt ohne Zukunft werden, wenn es nicht seine Menschen hätte, die Alten und die Jungen: solche wie den wunderbaren 14-jährigen Tobias Greiner-Lahr, solche wie Anna Herrmann und Laura Leipold, die an diesem Abend ebenso mutig wie großartig Theater spielten. Solche wie Tobias Kurtz, Karolin Leipold und Bianca Metzner, die in der Ferne wohnen, aber nun schon den zweiten Sommer zurückgekehrt sind, um die Kittelschürzen anzulegen und ihrer Heimat mit einem tollen Projekt zu huldigen. Was auch passieren mag, Steinach wird sich neu erfinden dank des Mutes und der Fantasie seiner Menschen. Das war die Botschaft dieses umjubelten Abends.

    
    

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