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Wie es riecht und schmeckt

Rund 80 Prozent der Umwelt nimmt man mit dem Auge wahr. Aber wie erleben Kinder, die nicht sehen können, die duftende und klingende Adventszeit?

Von Christopher Eichler
  • Paul öffnet ein Türchen am Adventskalender, Förderschullehrerin Cornelia Eff weist ihm den Weg. Fotos (3): Sascha Bühner
  • Oskar (vorne) lässt sich das Adventsfrühstück schmecken.
  • Sonderpädagogin Silvia Göbel liest, Marcus (2.v.l.) und Johanna lauschen.
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Schmalkalden - In der Luft liegt der markante Duft von Räucherkerzen. Von der Wand strahlen Sterne aus Velourpapier, dahinter hängt ein Firmament aus schwarzem Leinen - es weihnachtet an der Bentheim-Schule in Schmalkalden. "Bei uns ist die Adventszeit eingeläutet", bestätigt Silvia Göbel. Die Sonderpädagogin und ihre Kollegen unterrichten 57 Schüler im Alter von vier bis 22 Jahren. Die meisten, die das Förderzentrum des Blindeninstituts Thüringen besuchen, sind nicht nur seh-, sondern mehrfachbehindert.

Bei Silvia Göbel sitzen der zehnjährige Marcus und die 13-jährige Johanna - beide im Rollstuhl. Die Lehrerin liest eine kurze Geschichte über das Weihnachten der Tiere. "Am Morgen hörte der kleine Bär ein seltsames Klingeln an der Tür", beginnt sie. Marcus hält ein Glöckchen in der Hand, Lehrerin Göbel hilft beim Läuten - das Geräusch entspannt den dunkelblonden Jungen sichtbar. Während Johanna, mit geschlossenen, Augen, ohnehin in sich zu ruhen scheint. "Aber sie hört ganz genau zu", weiß Göbel. Einige ihrer Schüler leben in ihrer eigenen Welt. Silvia Göbel ist überzeugt, dass sie dort glücklich sind. "Manchmal kommt es mir fast so vor, als wenn wir Erwachsenen dort stören." Die sanften Worte, die sie liest, scheinen aber eher ein Schlaraffenland an Eindrücken zu sein. "Aus so einer Geschichte zieht sich jedes Kind etwas anderes raus", erzählt die Frau mit dem blonden Pferdeschwanz. Bei Kindern mit Sprachverständnis sind es inhaltliche Dinge, andere fesselt die Stimme und die Art des Vorlesens.

Spannende neue Reize

Beim Programm für die Weihnachtsfeier mit den Eltern wird Marcus den Bär in der Geschichte symbolisieren. Die passende Figur, ein kakaobrauner Bär aus Schaumstoff und Pappe, ist schon fertig. "Die hat er mit hergestellt", verrät die Lehrerin. Neue Gerüche, Materialien oder Geräusche seien unheimlich spannend für die blinden oder stark sehbehinderten Kinder. "Marcus hat sich zum Beispiel riesig gefreut, als der Schaumstoff beim Bearbeiten der Figur geknackt hat", berichtet Göbel.

Back-Tage, Ausflüge auf den Weihnachtsmarkt, gemeinsames Liedersingen, Kinderpunsch in der Aula oder Geschenkebasteln für die Eltern - "alles was zur Weihnachtszeit gehört, findet sich auch bei uns", sagt Schulleiterin Katrin von Vogt, "wir arbeiten gern mit Düften und versuchen, auf verschiedenen Wegen die weihnachtliche Atmosphäre in unser Haus zu holen."

In Cornelia Effs Klasse dürfen die Schüler jeden Morgen in eine herzförmige, blecherne Weihnachtsdose schnuppern, gefüllt mit Zimt und Anis. Auch der Weihnachtsbaum hat es in sich: "Wir haben eine Douglasie. Da stechen die Nadeln nicht, dafür entwickeln sie einen leichten Zitrusduft", erklärt die Förderschullehrerin. Auch Rituale seien wichtig. So werden jeden Morgen die Lichter am Adventskranz angezündet. Damit die Schüler die Wärme der Kerze spüren, führt Cornelia Eff die kleinen Hände vorsichtig an die Flamme heran.

Weihnachtszeit ist aber auch Kinozeit in der Blindenschule. Auf Filme in der Sehbehindertenfassung verzichtet man mittlerweile. "Das wurde als anstrengend und störend empfunden", sagt Schulleiterin von Vogt. In diesem Jahr wird der Muppets-Weihnachtsgeschichte gelauscht. Kindern, die Zusammenhänge verstehen, soufflieren Betreuer Ungesagtes. Auch alte DDR-Dias mit Märchenbildern werden gezeigt. "Die schwarze Umrandung auf den Dias ist sehr günstig für Sehbehinderte", berichtet Katrin von Vogt. Kinder mit einem winzigen Rest an Sehvermögen müssen dann natürlich ganz nah ran ans Bild.

Schulleiterin von Vogt weiß, welche entscheidende Rolle das Sehen spielt. "Rund 80 Prozent der Umwelt nehmen wir mit den Augen wahr", erklärt sie. Damit Lehrer und Betreuer für das Empfinden blinder Menschen sensibilisiert werden, versetzt sich jeder neue Mitarbeiter in die Lage der Schüler. Mit verbundenen Augen geht es darum, sich die Zähne zu putzen oder eine Mahlzeit einzunehmen. "Selbst der Geschmack wird dann anders wahrgenommen", sagt von Vogt.

Leckerer "Stollen-Kuchen"

Schmecken lässt es sich auch die Klasse von Ursel Wickendick. Die pädagogische Mitarbeiterin und ihre Kolleginnen haben ihren Schülern ein Adventsfrühstück vorbereitet, bei dem sich der siebenjährige Oskar und seine Klassenkameraden - ausnahmsweise - von vorne bis hinten bedienen lassen. Leberwurst und Nutella hätten ihm am besten geschmeckt, erzählt Oskar und der Kuchen - unter diesem Namen hat Ursel Wickendick den Stollen angepriesen.

Im nächsten Klassenraum schließt sich der blau-gelb gestreifte Vorhang. Heute ist der zehnjährige Paul an der Reihe. Er darf ein Türchen des Adventskalenders öffnen. Gelb auf blau, blau auf gelb - nach diesem Prinzip sind die kleinen Säckchen und Päckchen am Vorhang verteilt. Farben, die zusammen einen hohen Kontrast ergeben und deshalb auch von Menschen wahrgenommen werden können, die sehr schlecht sehen.

Paul sieht die Welt wie durch ein stecknadelkopfgroßes Schlüsselloch, dazu hat er den Grauen Star - sein Sehvermögen wird vermutlich immer schlechter, seine Laune an diesem Tag aber immer besser.

Das liegt weniger am Inhalt des gelben Vlies-Säckchens - eine Kugel für den Weihnachtsbaum im Klassenzimmer - sondern viel mehr am Besuch unseres Fotografen. "Mach mal ein Foto von mir", fordert Paul kess. Bei jedem Lichtblitz lacht er sich kaputt. "Computer, Autos, Technik - das sind seine drei Lieblingsthemen", erklärt Förderschullehrerin Cornelia Eff. Zuvor hat Paul unseren Fotografen auch nach der Automarke seines Vertrauens und der Lackierung ausgefragt.

Bei den Fragen des Redakteurs ist der autistische Junge mit den rehbraunen Augen kurz angebunden, weil er schnell noch eine Aufgabe lösen will. Dann beginnt seine "Computerzeit". Dank spezieller Software für Sehbehinderte schreibt er am PC auch Elternbriefe oder Einladungen - bestimmt auch die für die große Weihnachtsfeier..

"Ich bin der Computer-Profi hier", stellt Paul nüchtern fest. "Er ist der Schüler, der am besten mit unserem Computer umgehen kann", bestätigt auch Schulleiterin Katrin von Vogt. Auf die Frage, was ihm an der Adventszeit besonders gefalle, antwortet Paul lapidar: "Die Kerzen - und lauter so Zeug, was wir hier machen."

    
    

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