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STOLPERSTEINE als Fingerzeig

Bürgerschaftliches Engagement für Erinnerung an Naziopfer / Schmalkalden forscht weiter
Von Margit Dressel
  • sm1stolper_060908 Auf dem Schmalkalder Altmarkt könnten an exponierten Stellen zunächst drei STOLPERSTEINE gesetzt werden. Foto: Fotoart-af.de
     
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SchmalkaldenAm 9. November 1938 brannte die Synagoge in der Judengasse. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde wurden auf den Altmarkt getrieben und mussten zusehen, wie die Austattung des Gotteshauses von Nazianhängern zerschlagen wurde. Sie mussten die Scherben zusammenfegen und wurden danach in Konzentrationslager deportiert. An die Pogromnacht erinnert eine Tafel am einstigen Standort der Synagoge. Auf die Ereignisse wird außerdem auf einer Informationstafel am Rathaus hingewiesen.

Nicht erst der bevorstehende 70. Jahrestag der Pogromnacht, sondern die Sanierung des Stadtbodens war Anlass für die Idee Kurt Pappenheims, den einstigen Mitbürgern sozusagen alltagstaugliche Denkmale zu setzen, die nicht nur an Jahrestagen wahrgenommen werden. Dabei dachte er an das Projekt STOLPERSTEINE des Kölner Künstlers Gunter Demnig. Die Stolpersteine sind 10 mal 10 Zentimeter große Betonwürfel mit einer darauf verankerten Messingplatte. Darauf wird der Name eines NS-Opfers eingehämmert.

„Die Steine werden vor dem letzten freiwillig gewählten Wohnsitz verlegt. Jeder Mensch bekommt einen Stein“, antwortete Gunter Demnig auf die Frage, ob nicht ein Stein für die gesamte jüdische Gemeinde verlegt werden könnte. Die STOLPERSTEINE sind ein Kunstprojekt, für das Gunter Demnig alle Rechte hat. Bundespräsident Horst Köhler zeichnete ihn im Jahr 2005 dafür mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland aus.

Bisher, so teilte der Kölner Künstler mit, seien in 348 Kommunen 16 000 Steine niveaugleich im Belag von Gehwegen versenkt worden. In Thüringen hat er in Nordhausen, Bleicherode, Heiligenstadt, Gotha, Waltershausen, Friedrichroda, Suhl, Hildburghausen und Saalfeld STOLPERSTEINE eingebracht.

Das Interesse für sein Projekt sei ungebrochen und europaweit verwies Demnig auf derzeit 12 Anfragen aus dem Osten, 13 Anfragen aus dem Westen Deutschlands sowie 40 Anfragen aus Budapest.

Gunter Demnig sieht sich als „Spurenleger“. Für ihn ist es wichtig, dass das Gedenken in die Lebensmitte verlegt wird. Darüber hinaus sollen die STOLPERSTEINE bürgerschaftliches Engagement und keine „Alibiveranstaltungen“ sein. Deshalb gibt es für jeden Stein einen Paten. Also einen Menschen, eine Institution oder Firma, die 95 Euro für einen solchen Stein aufbringen.

Bisher, so war von Kurt Pappenheim zu erfahren, gebe es bereits neun Patenschaften, dazu gehören das Ehepaar Reim aus Bonn, die Bundestagsabgeordnete Iris Gleicke und der Vorsitzende der Thüringer Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten, Roland Hahnemann.

Schmalkaldens Bürgermeister Thomas Kaminski erinnert sich, dass bereits vor anderthalb Jahren eine erste Anfrage für die Stadt an Gunter Demnig gerichtet worden war. In den neu gestalteten Altmarkt sollten STOLPERSTEINE versenkt werden. Doch aus Köln kam zunächst keine Antwort. Bürgermeister und Altstadtbeirat waren irritiert und baten die Bundestagsabgeordnete Iris Gleicke zu vermitteln. „Demnig ist kein Unternehmer, sondern Künstler“, war die Lehre, die Schmalkalden ziehen musste.

Wobei die inhaltlichen Voraussetzungen für das Verlegen von STOLPERSTEINEN bereits bestanden. Kaminski verweist auf Arbeitsgruppen und Schülerarbeiten, die sich mit der NS-Vergangenheit in Schmalkalden befasst haben.

Das Stadt- und Kreisarchiv hat in Zusammenarbeit mit Kurt Pappenheim eine Liste der jüdischen Menschen zusammengetragen, die 1936 noch in Schmalkalden lebten. Einige davon seien emigriert, einige auf der Überfahrt umgekommen oder verschollen, weiß Archivleiterin Ute Simon. Sie hat sich intensiv mit dem Projekt befasst und auf der Internetseite der Stadt Würzburg ein interessantes Beispiel für die STOLPERSTEINE gefunden. Ute Simon weist allerdings auf den Erläuterungstext des Projekts hin.

Darin heißt es u. a. „das die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Zigeuner, der politisch Verfolgten, Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer im Nationalsozialismus lebendig erhält“. Um diesem Gesamtanspruch gerecht zu werden, müsste eine Arbeitsgruppe gegründet werden.

Die Bürgerinitiative stehe den STOLPERSTEINEN positiv gegenüber, betonte Fraktionsvorsitzender Peter Hammen. Er könne allerdings nicht nachvollziehen, warum es so lange dauere, bis das Projekt hier begonnen werde. Allerdings „wenn wir den halben Altmarkt damit pflastern, nimmt das keiner mehr wahr.“

Zustimmung habe das Projekt auch von der SPD-Fraktion, erklärte Vorsitzender Peter Handy. „Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus wird sehr lebhaft betrieben“, berichtet er von vielen Schülerarbeiten. Handy versicherte die Mitwirkung des Schmalkaldischen Geschichtsvereins.

Für die CDU-Fraktion sagte Hans-Werner Spieß, er halte es für sinnvoll, dass sich die heutigen Bürger und insbesondere die Jugendlichen in der Geschichte der Stadt auskennen. Mit dem Verlust der jüdischen Mitbürger während des Naziregimes habe es auch einen Verlust an Kultur der Stadt gegeben. Mit den STOLPERSTEINEN bleibe das Gewissen wach. „Wir beraten das Projekt am 10. September in der Fraktion“, teilte Magadalene Saal für die Linke mit. Dabei verwies sie auf die umfangreichen Vorarbeiten, die von Kurt Pappenheim geleistet wurden.

Bis zum 70. Jahrestag der Pogromnacht, da ist sich Thomas Kaminski sicher, könnten keine Steine verlegt werden. Gunter Demnig habe in seiner Planung ein Jahr Vorlauf. Die Stadt habe deshalb die Initiatoren Kurt Pappenheim und Ulrich Beck gebeten, sich weiter um das Projekt zu kümmern.

Zunächst sollten, so Kaminski, drei Steine verlegt werden. Gleichzeitig solle eine Initiative gestartet werden, d. h. „mit den drei Steinen ist das Projekt für uns nicht erledigt“. STOLPERSTEINE haben nur einen Zweck, so der Bürgermeister, „wenn ich wirklich über ein menschliches Schicksal stolpere“. In diesem Sinne sei weniger sogar mehr.

    
    

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