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Praline mit Leben gefüllt

Alle wollen in die Glaspraline: Tausende Menschen kommen gestern, um sich die Viba Nougat-Welt anzuschauen, sich etwas über die Firmengeschichte erzählen zu lassen, Schokolade herzustellen oder die Taschen mit Nougat zu füllen.

Von Silke Wolf
  • Wahnsinn: Eigentlich kennt man solche Schlangen nur aus DDR-Zeiten. Doch gestern macht es den meisten Gästen nichts aus. Sie warten bei Minusgraden und Sonnenschein auf Einlass in die Viba Nougat-Welt.
    fotoart-af.de
  • Die Kinder zeigen stolz, ihre selbst hergestellten Schokotafeln.
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Schmalkalden - Beim Anblick des Fotos vom Café Viebahn geht es Sibylle Schatt "durch und durch". Hier hat sie gesessen, genau vor der Glaswand, hier auf den Glaskacheln hat sie getanzt, sagt sie und wird melancholisch. Denn hier hat sie ihren Mann Karl-Heinz kennen gelernt, 1977, zum Tanz im Café Viebahn. Ein Jahr später haben die beiden geheiratet, drei Töchter bekommen. Im Jahr 2000 zieht die Familie wegen der Arbeit nach Neuwied am Rhein, bei Koblenz. Gestern sind die Schatts 270 Kilometer hin- und auch zurückgefahren, nur um bei der Eröffnung der Viba Nougat-Welt dabei zu sein. Da entdeckt die 63-Jährige das Foto auf dem Zeitstrahl in der Ausstellung in der oberen Etage.

    
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viba_eroeffnung
viba_eroeffnung
viba_eroeffnung
Eröffnung der Viba-Manufaktur
Schmalkalden
05.02.2012
    

Den Baufortschritt hat Sibylle Schatt ganz genau verfolgt. Die Schwiegermutter hebt ihre Heimatzeitung immer schön für sie auf und wenn sie dann mal zu Besuch in der alten Heimat sind, werden die gebunkerten Zeitungen mit nach Neuwied genommen und "von der ersten bis zur letzten Seite gelesen". So waren die Schatts immer auf dem Laufenden, was die Viba Nougat-Welt betrifft. Sie sei schon sehr gespannt, wie das mit der Erlebniswelt weitergeht, sagt die Ex-Schmalkalderin, aber auch das wird sie in ihrer Zeitung lesen. Karl-Heinz ergänzt, dass sich "überhaupt in der Stadt schon sehr viel getan hat" - und nun noch die Nougat-Welt. Es gäbe ja auch woanders Schokoladenmuseen, aber das in Schmalkalden sei nach neuesten Erkenntnissen gebaut. Er weiß noch genau, wie er an dem Abend im Café Viebahn seine Frau zum ersten Mal sah und zum Tanz aufforderte. Schon als Kind hat Karl-Heinz Schatt dort Kuchen eingekauft, erzählt er.

Den Raum nach hinten zur Judengasse, wo sich die Schatts kennen lernten, gibt es nicht mehr. Aber die Erinnerungen. 1893 haben die Geschwister Willi Viebahn und Anna Reim das Café mitten in der Stadt eröffnet, das später Stadtcafé wurde und heute das Café Endter beherbergt. Im gleichen Jahr gelingt einem deutschen Chemiker die Herstellung von Acetylsalicylsäure, was heute als Aspirin vermarktet wird, steht zum Vergleich auf dem Zeitstrahl.

An den gestrigen "Tag der offenen Tür" werden sich mit Sicherheit alle Besucher auch ihr Leben lang erinnern. Die meisten nehmen an einer Führung durch das Haus teil und kommen am Ende nicht am Shop vorbei, ohne ein süßes Mitbringsel zu erwerben. Im Obergeschoss sehen die Gäste als Erstes durch die Glaswand, wie die flinken Hände der Viba-Mitarbeiterinnen die Pralinen kunstvoll verzieren. Nach dem Zeitstrahl bleiben die meisten vor der Mandelröstmaschine stehen und greifen in die Schalen, um den Unterschied von nicht gerösteter und gerösteter Haselnuss zu erschmecken. Dann sehen die Führungsteilnehmer, wie Kinder - wieder hinter Glas - ihre eigene Schokolade herstellen. Leider entgeht ihnen der einzigartige Geruch in der Erlebnisfertigung, der warme, süße Schwall von erwärmter Schokolade. Die Kinder des Schokokurses sind mit Eifer bei der Sache. Legen eine Schablone aus Wachspapier auf, malen ihr Motiv - ein Herz, ein Delfin, ein Pilz und eine Schildkröte - nach und ziehen die Folie von der erkalteten Schokolade wieder ab. Mit der eigenen Tafel in der Hand gehen sie nach etwa einer halben Stunde stolz mit Anica Größl, die die kleinen Schokokünstler abholt, zu ihren Eltern zurück.

Gleich daneben lachen drei Damen mit einer Riesen-Nougatstange unterm Arm in die Kamera. Das Foto wird ihnen per Mail zugeschickt - eine lustige Sache, finden die Suhlerinnen, die ihren "Mädelstag" in Schmalkalden verbringen. Marita Tosch, Inhaberin der Gaststätte "Sohle" im Suhler Steinweg, will auf alle Fälle wiederkommen und nimmt viele Flyer von der Nougat-Welt mit, um sie in ihrer Gaststätte auszulegen, "damit die Gäste wissen, wo sie mal hingehen können".

Marina Heldt, Geschäftsführerin der Landesgartenschau Schmalkalden GmbH, ist sich sicher, dass "hier Martin Luther auch schwach geworden wäre". Der Reformator, der ein Genussmensch war, hätte seine wahre Freude im Nougat-Tempel gehabt. Schmalkalden sei mit dieser Attraktion wieder einen Schritt auf dem Weg als "Botschafter des guten Geschmacks" vorwärts gekommen, meint Heldt. Viba ergänze die Reihe von Waldquell-Wasser und Bratwurst von Fleisch und Wurstwaren.

Viba-Geschäftsführer Karl Heinz Einhäuser ist gestern mit "einem sehr guten Gefühl" aufgewacht. "Ich wusste zwar, es könnte hier und da eng werden, aber wir haben so gute Mitarbeiter, auf die wir uns verlassen können", sagt er in seiner ruhigen, gelassenen Art beim Anblick der vielen Gäste im und vor dem Haus, die bis zu 20 Minuten warten, um eingelassen zu werden. Das Ziel sei, an jeder Ecke eine Besonderheit den Gästen zu bieten und damit eine eigene "Viba-Stimmung" zu erzeugen. Das ist mit Sicherheit gelungen und auch sein zweites Ziel, die "Praline" nun mit Leben zu füllen, haben Einhäuser und sein Viba-Team gestern übererfüllt. Nun muss es nur noch so weitergehen.

    
    

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