zuletzt bearbeitet: 27.04.2011 15:14 Uhr
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Not zwingt zum Handeln
Der Hilferuf nach diesem langen kalten Winter ist unüberhörbar: Einen vierten wird die Schmalkalder Tafel am jetzigen Standort nicht überleben.
Schmalkalden - Es ist kalt an diesem Freitagnachmittag. In der kleinen, gemütlich eingerichteten Cafeteria der Schmalkalder Tafel Am Bad 2 duftet es bereits nach frischem Kaffee und Kuchen. Auf den mit weißem Tuch gedeckten Tischen stehen Vasen mit Blumen. Die zwei kleinen Elektro-Heizkörper sind auf den höchsten Temperaturwert eingestellt. Trotzdem klettert das Thermometer nicht über 15 Grad Celsius hinaus. Eine Frau aus dem Team der ehrenamtlichen Helfer spült Tassen und Teller. "So werden wenigstens die Hände warm", sagt sie und lacht.
Dick eingemummelt haben sich die Frauen, die für den Dienst in der Ausgabe eingeteilt sind. Schafwollsocken und gefütterte Stiefel, ein Schal um den Hals, Rollkragenpullover. Trotzdem: Die Frauen, meist zwischen 60 und 70, spüren, wie die Kälte langsam die Beine hinaufkriecht. Die Finger werden klamm, die Wangen rot. Bei jedem Atemzug bildet sich eine kleine Wolke vor dem Mund. Renate Herdmann weiß sich zu helfen. Ausgestattet mit einer Decke und einem Heizkissen sitzt die 68-Jährige aus Herges-Hallenberg an der Kasse und sammelt den symbolischen Euro ein, den die Kunden der Tafel für einen Einkauf zahlen. Die anderen aus dem Team, wie Anneliese Schulz, Christel Glöckner und Elke Wagner, sortieren die letzten Waren in die Regale. Obst und Gemüse sind bereits sortiert und geputzt, Brot und Brötchen in Tüten verpackt. Diese Arbeit hatte bereits ein anderes Team am Tag vor der Ausgabe erledigt.
Mittlerweile ist es 13.30 Uhr. Vor der Tür hat sich bereits ein Schlange gebildet. Auch die Tafel-Kunden frieren. Im langgezogenen Flur des Hauses zieht es, der Putz bröckelt ab, die Wände sind nass, wie überall im Gebäude. Doch die Männer und Frauen warten geduldig, bis sie eingelassen werden. Jeder, der den Verkaufsraum betritt, wird persönlich mit Namen begrüßt. Man kennt sich. Hier ein freundliches Wort, da ein kräftiger Händedruck, eine Frage nach dem Wohlbefinden und dem der Familie. Die Tüten und Beutel werden gefüllt. Für eine Person, für zwei oder auch für sieben. Immer dabei Brot und Brötchen, frisches Obst und Gemüse, abgepackte Wurst, Käse und Joghurt. Für die Kinder gibt es auch mal etwas Süßes. Im Hintergrund achtet Stine Hirsch darauf, dass die Regale immer gefüllt sind, zumindest solange der Vorrat reicht. Die junge Mutter aus Herges-Hallenberg hat den kältesten Arbeitsplatz, denn sie "wacht" über die Kühlkammer, in der die Lebensmittel, die Woche für Woche eingesammelt werden und lagern.
Nach vier Stunden Hochbetrieb legen die ehrenamtlichen Helferinnen ihre grünen Kittel ab, genießen in Ruhe eine Tasse Kaffee oder Tee. Sie sind erschöpft. Die Füße schmerzen. Das Schlimmste aber ist diese unbarmherzige Kälte. Durchgefroren bis auf die Knochen, haben alle nur einen Wunsch: Schnell nach Hause und in die Badewanne. Um eine Woche später wieder - dick eingemummelt - hinter dem Verkaufstresen zu stehen.
Benefizkonzert für Tafel
Mittlerweile haben die etwa 60 Ehrenamtlichen den dritten Winter im Gebäude Am Bad 2 hinter sich gebracht. Einen vierten wollen sie unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht erleben. Bereits im September vergangenen Jahres hatte der Träger der Schmalkalder Tafel, das Diakonische Werk im Kirchenkreis Schmalkalden, öffentlich auf die unzumutbaren räumlichen Bedingungen hingewiesen und die Stadt als Kooperationspartner um Unterstützung bei der Wohnungssuche gebeten.
Doch alle Immobilien, die besichtigt oder in Erwägung gezogen wurden, erwiesen sich als ungeeignet. Zu hoch wäre der Sanierungsaufwand gewesen. "Wir würden ja gern am jetzigen Standort bleiben", sagt Karola Leyh, Leiterin der Kreisdiakoniestelle und maßgeblich am Aufbau der Tafelarbeit in Schmalkalden beteiligt. Doch nicht unter den jetzigen Umständen. Viele Freiwilligen seien auf Grund der widrigen Bedingungen erkrankt, einige sogar für längere Zeit.
Um die Öffentlichkeit für die Sorgen und Nöte der Schmalkalder Tafel zu sensibilisieren, findet heute Nachmittag, um 17 Uhr, ein Benefizkonzert statt. Dieses werden Hans-Jürgen Gröschner mit seinen Nachwuchsinterpreten und der Schmalkalder Musikverein gestalten. In das Gemeindehaus der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde sind alle eingeladen, die mit ihrem Obolus helfen wollen, die räumliche Situation zu verbessern. Auch Bürgermeister Thomas Kaminski hat sich diesen Termin in den Kalender eingetragen. Ihm sind die Probleme wohlbekannt. Aus seiner Sicht, so dachte er gegenüber dieser Zeitung laut nach, wäre eine Instandsetzung der Räume am jetzigen Standort die beste Lösung.
Die Schmalkalder Tafel wurde im November 2007 gegründet. Sie ist ein Mosaikstein der Initiative "Not zwingt zum Handeln", ein Projekt des Diakonischen Werkes gegen Armut und soziale Benachteiligung und versorgt 420 Bedürftige, darunter mehr als 100 Kinder, mit Lebensmitteln. Manchmal auch mit neuem Lebensmut.
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