zuletzt bearbeitet: 27.04.2011 15:12 Uhr
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Nazis marschieren und wir diskutieren
Kurt Pappenheim erinnert an die Vertreibung der Schmalkalder Juden / Für Stolpersteine auf dem Marktplatz
Schmalkalden – Kurt Pappenheim war elf Jahre alt, als in Schmalkalden in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 die Geschäfte jüdischer Bürger zerstört und die Synagoge gesprengt wurden. Alle seine jüdischen Verwandten verließen nach der Pogromnacht Deutschland. Die Familie Pappenheim blieb in Schmalkalden, obwohl Ludwig Pappenheim, Kurts Vater, der aus einem jüdischen Elternhaus in Eschwege stammte, bereits 1934 im Konzentrationslager Neusustrum/Papenburg ermordet worden war.
Morgen jährt sich dieser unheilvolle Tag zum 69. Mal. Im Stadt- und Kreisarchiv geht es am heutigen Archivabend deshalb von 18 bis 21 Uhr um „Jüdische Spuren in Schmalkalden“. Morgen findet um 18 Uhr die Gedenkfeier in der Judengasse statt, an der Stelle, an der die Synagoge stand.
Kurt Pappenheim hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Andenken an die jüdischen Familien in Schmalkalden zu bewahren und daran zu erinnern, welche Verbrechen in der Nazizeit begangen wurden. Er tat dies in seinem Beruf als Lehrer, indem er über die jüdische Geschichte und den Holocaust vor Schülern, aber auch vor Lehrern sprach.
Immer wieder erinnern
Er sprach und spricht bis heute über seine Erinnerungen, darüber, dass ihn seine Mutter an diesem Tag aus der Schule abholte, aus Angst, dass ihm etwas passieren könnte. Aber er erinnert nicht nur. Kurt Pappenheim tut noch mehr: Er hält Kontakt zu jüdischen Verwandten, die aus Schmalkalden fliehen mussten, was in der DDR nicht immer einfach war.
Ein Sohn seiner Cousine, der in München studierte, wollte die Pappenheims besuchen, bekam aber von den DDR-Behörden keine Einreiseerlaubnis. Er stellte einen Antrag, Prag besuchen zu dürfen, was ihm gewährt wurde „und von dort aus besorgte er sich über die Botschaft eine Einreise in die DDR“, beschreibt Pappenheim ein Beispiel, welche Umwege manchmal gegangen werden mussten, damit sich die jüdischen Verwandten treffen konnten.
Kurt Pappenheim machte es sich zur Aufgabe, die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Schmalkalden aufzuarbeiten und „nach vielen Diskussionen“ gelang es ihm mit Vertretern des Stadtrates 1988 und mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde, Scharf-Katz, aus Erfurt, am 9. November 1988 die Gedenktafel am Ort der Zerstörung der Synagoge in Schmalkalden anzubringen.
Erst nach der Wiedervereinigung konnte Pappenheim den Kontakt zu mehreren ehemals in Schmalkalden wohnenden jüdischen Familien aufbauen. So zu den Familien Heilbrunn in Buenos Aires, Argentinien, Hammerschlag/Simonsohn in Chile, Jacob, Freemann und Rosenberg in den USA, Valk und Burak in Israel, Jacob in Frankreich sowie zu Familien in den Niederlanden, England und der Schweiz.
Den Mut des Vaters bewundert
Seine Verwandten, Geschwister seines Vaters, leben in Brasilien und den USA. Bis heute hält er Kontakt zu einer Cousine in Brasilien, ihr Bruder, der in den USA lebt, besuchte dieses Jahr erstmals Deutschland. Er besaß das einzige noch existierende Foto des Großvaters von Kurt Pappenheim. Deshalb hatte der Schmalkalder über dessen Schwester Kontakt zu ihm aufgenommen. Eine Kopie des Fotos hängt nun in der Wohnung des Schmalkalders, der auch erst nach der Wende das Grab seines Vaters Ludwig fand und nun regelmäßig besucht.
Er fand es auf dem jüdischen Friedhof in Leipzig und war „in einem sehr gepflegten Zustand“, als es Kurt Pappenheim zum ersten Mal sah. „Ich habe meinen Vater sehr geliebt und verehrt. Leider waren mir nur sechs Jahre gegönnt, ihn als liebevollen Vater zu erleben. Ich bewundere noch heute seine Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, seinen Einsatz für Gerechtigkeit und besonders seinen Kampf gegen die immer stärker werdende Nazibewegung im Kreis Schmalkalden und in Deutschland, seinen Mut, diesem Spuk entgegenzutreten“, sagt der 80-Jährige. Die Familie erfuhr 1947 nach einer Anfrage, dass die Urne des Vaters bei Leipzig bestattet wurde, „doch wir fanden den Grabstein nicht, weil es mehrere jüdische Friedhöfe gab“.
Viele der ehemaligen Schmalkalder Juden und ihre Nachkommen hatten „große Vorbehalte, unsere Stadt zu besuchen“, weiß Pappenheim. Mittlerweile waren einige hier und seien sehr positiv überrascht gewesen von dem Empfang, der ihnen hier bereitet wurde. Kurt Pappenheim erfährt das in Gesprächen, aber auch durch Dankesworte, die er per Brief bekommt. So formulierte Grete Blum: „Sie haben viel für das Verhältnis von Deutschen und Juden getan.“ Werner Simonsohn fragte in einem Brief: „Was würden wir ohne euch in Schmalkalden tun?“ Genau dieser Werner Simonsohn, der mit seiner Frau Ellen, geborene Hammerschlag, in Santiago de Chile lebt, war im Juni dieses Jahres wieder beim Ehepaar Inge und Kurt Pappenheim zu Gast.
Sie waren unter anderem im Stadt- und Kreisarchiv, um ein Schriftstück von Alon Schuster aus Israel abzugeben. Dieser war im vergangenen Jahr in Schmalkalden und suchte nach Spuren seiner jüdischen Familie. Großvater Natan war im November 1938 Synagogenältester in Schmalkalden, Alons Vater Joachim ein Schulkamerad Kurt Pappenheims. Die Simonsohns hatten ihre Kinder, die in Israel leben, besucht und das Schriftstück von dort mit nach Schmalkalden gebracht. Nach seiner Rückkehr hatte Alon Schuster die Erlebnisse seiner Reise aufgeschrieben. Freies Wort veröffentlicht sie in dieser Woche in einer kleinen Serie.
Unverständliche Diskussion
Pappenheim kämpft weiter gegen das Vergessen: „Mein Ziel ist es, die jüdischen Opfer aus der Anonymität zu holen, ihnen wieder einen Namen zu geben. Deshalb sollen Stolpersteine auf dem sanierten Altmarkt ihren Platz finden.“ Dass darüber so viel diskutiert wird, kann er nicht verstehen. „Die Nazis marschieren und wir diskutieren“, sagt er klagend. Silke Wolf
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