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Mahnende Schicksale

Am 9. November wurden sieben weitere Stolpersteine in Erinnerung jüdischer Bewohner Schmalkaldens verlegt. Schüler des Gymnasiums lasen aus deren Biografien.

  • Zur Erinnerung und Mahnung: Kerzen brannten am Mittwochabend vor dem Kaufhaus Eckmann in der Auer Gasse. Foto: fotoart-af.de
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Schmalkalden - In der Auer Gasse 10 lebte Emma Eckmann. Sie wurde als Emma Sulzbacher am 10. Februar 1878 in dem mittelfränkischen Neustadt an der Aisch geboren. Ihre Eltern waren Jacob Sulzbacher und Getta, geb. Erlanger. Der Vater verstarb am 21. Mai 1915 in Neustadt a. d. Aisch. Daraufhin zog die Mutter Getta Sulzbacher am 16. Dezember 1915 zu ihren Töchtern Hedwig und Emma nach Schmalkalden, wo sie noch einige Jahre lebte. Ihr Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof Schmalkalden.

Hedwig hatte, wie ihre Schwester Emma, nach Schmalkalden geheiratet, und wohnte mit ihrem Mann, dem Schuhwarenhändler Julius Schlesinger, im Haus Soldatensprung 1. Am 25. Februar 1900 ging Emma mit Julius Eckmann die Ehe ein.

Julius Eckmann wurde am 9. Februar 1869 als Sohn des Warenhausbesitzers Mendel, genannt Emanuel, und seiner Frau Babette, geb. Lang, in Schmalkalden geboren. Sein Bruder, Eugen Eckmann, fiel im 1. Weltkrieg. Sein Grabstein befindet sich auf dem jüdischen Friedhof von Schmalkalden. Julius Eckmann hatte von seinen Eltern das Haus mit Geschäft in der Auer Gasse 10 geerbt, das er zusammen mit seiner Schwägerin, Erna Eckmann, und ihrem Sohn Ernst betrieb. Damals war das Kaufhaus, das nach der Wende 1989/90 den Namen "Eckmann" zurückerhielt, eine Glas- und Porzellanhandlung. Am 10. November 1938, im Alter von 69 Jahren, wurde der Kaufmann Julius Eckmann mit den anderen jüdischen Männern aus Schmalkalden in das KZ Buchenwald gebracht. Diesen Aufenthalt hatte er gesundheitlich nicht verkraftet. Er verstarb am 26. November 1938 auf der Rückfahrt von Weimar nach Schmalkalden im Auto. Genaueres über diese Zeit berichtet Richard Löwenberg, der 1949 Polizeichef in Schmalkalden war, in einem Brief: "Der Senior der Firma, der ehrenwerte Kaufmann Julius Eckmann, ist mit seinem Neffen, Ernst Eckmann, im Anschluss an die Massenverhaftungen am 9. November 1938 ins KZ-Lager Buchenwald verschleppt worden, aus dem Julius Eckmann an den Folgen der unmenschlichen Misshandlungen leidend, auf dem Rücktransport nach Schmalkalden am 26. November 1938 verstorben ist. Meine Kenntnisse der Vorgänge dieser Verbrechernacht und die [in der Nachkriegszeit] unter meiner Leitung als Chef der Schmalkalder Polizei erfolgten Vernehmungen der Täter und Zeugen gestatten mir darauf hinzuweisen, dass die genannten männlichen und weiblichen Gesellschafter in dieser Nacht aus den Betten geholt wurden und die SS- und SA-Meute ihre Revolver auf die Scheiben des Hauses Auer Gasse 10 richtend, geschossen haben. Unter dieser kollektiven Bedrohung und rassischen Verfolgung kam am 30. November 1938 der Vertrag Eckmann-Saft zustande. Die Firma ist dann auf Grund der Durchführungsbestimmungen zur Vermögenseinsatzverordnung (...) auf Antrag der Industrie- und Handelskammer in Cassel in ihrem Handelsregister Nr. A 692 gestrichen worden."

Emma Eckmann überlebte ihren Mann nur um einige Jahre. Am 1. Juni 1942, mit 64 Jahren, wurde sie zusammen mit ihrer Schwester Hedwig und anderen älteren jüdischen Bürgern aus Schmalkalden über Kassel nach Izbica/Sobibor deportiert. Am 3. Juni 1942 ist Emma Eckmann im Vernichtungslager Sobibor umgekommen.

Emma und Emil Hahn

Emma Hahn, geb. Mandel, wurde als zweites von sechs Kindern des Rentiers Liebmann Mandel und Fanny Eckmann am 14. März 1867 in Schmalkalden geboren. Die Mandels sind eine sehr alte Schmalkalder Familie, die ihre Blütezeit im 19. Jahrhundert hatte. Sie waren vor allem Metzger und Gastwirte und lebten am Lutherplatz. Auch der Bankier, Abraham Mandel, der von der Rotschildbank nach Neapel geschickt wurde und, bevor er 1863 in Frankfurt verstarb, als vermögender Mann seiner Geburtsstadt Schmalkalden eine große Stiftung für Bildungszwecke vermachte, gehörte zur Familie.

Emil Hahn wurde am 29. November 1869 in Fulda geboren. Nach Schmalkalden kam er 1890. Seine Ankunft brachte zweifelsohne spürbare Veränderungen im gesellschaftlichen Leben mit sich. 1892 heiratete er eine junge gebürtige Schmalkalderin, Emma Hahn. Die Hochzeit fand in Fulda statt, das Paar wurde vom Provinzialrabbiner, Dr. Cahn, getraut.

Emil Hahn war ein sehr engagierter Mann in der jüdischen Gemeinde, so ab 1921 Mitglied des Vorstandes. Sein Ziel war es, eine Ortsgruppe des Zentralvereins der deutschen Juden in Schmalkalden zu gründen. 1930 war er Kreisvorsteher der jüdischen Gemeinde, zu der auch Barchfeld gehörte. Unter seiner Leitung wurde die neue Synagoge in der Judengasse eingeweiht. Dr. Karine Moeglin bezeichnet ihn als "Aktivisten des liberalen deutschen Judentums", der fest von der Notwendigkeit und der Möglichkeit, die Rechte der Juden in der deutschen Gesellschaft zu etablieren, überzeugt war.

Die einstige Pelzhandlung L. Mandel und spätere Hut- und Manufakturenwarengeschäft Emil Hahn in der Auer Gasse 11 war in Schmalkalden und Umgebung bekannt, ältere Schmalkalder erinnern sich noch daran und viele Annoncen im Thüringer Hausfreund weisen darauf hin. Das Paar hatte zwei Kinder. Lili, die 1920 in Halle einen Löwenstein heiratete, und Ludwig, der das Einzelhandelsgeschäft in Schmalkalden führte. Beide haben Nachkommen.

Das Hutgeschäft mit Grundstück wurde Anfang 1938, also noch vor dem Novemberpogrom, verkauft. Der Sohn, Ludwig Hahn, wollte es vor der Gier der Nazis schützen und verkaufte es höchstwahrscheinlich einem Freund oder einem guten Bekannten, dem Schneidermeister Albert Reinhard. Bei dem Bombenangriff auf Schmalkalden im Februar 1945 wurde das Haus zu 80 Prozent zerstört, später aber wieder aufgebaut. Erst in den 1980er Jahren wurde es im Rahmen des Innenstadtwohnungsbaus abgerissen.

1937 befand sich Emil Hahn, der eine besonders dynamische Persönlichkeit des gemeinschaftlichen Lebens war, schon zwei Jahre, also seit der Bekanntmachung der Nürnberger Gesetze, in einem Sanatorium in Bayreuth. Man kann vermuten, dass die Hauptursache seiner Situation die Lage in Nazideutschland war. Seine Familie hatte ihn dann nach Schmalkalden zurückgeholt. Im August 1937 verstarb unter mysteriösen Umständen der Zeit seine Frau, Emma Hahn. Emil Hahn kommt einige Tage später in die Thüringer Landesheil- und Pflegeanstalt Hildburghausen, wo er am 26. August 1940 verstirbt. Die erwachsenen Kinder konnten mit ihren Familien rechtzeitig in die USA fliehen. Der aus Schmalkalden stammende jüdische Bürger, Ludwig Jacob, hatte erzählt, sie in New York getroffen zu haben.

Ludwig Pappenheim

Am 17. März 1887 wurde Ludwig Pappenheim in Eschwege geboren. Er war eins von vier Kindern einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Im Anschluss an seinen Schulabschluss entschied sich Ludwig für eine Lehre als Kaufmann in Hamburg und Köln. Nach dieser Ausbildung stieß er früh zur Sozialdemokratie und war seit 1905 Mitglied der USPD, später der SPD. Nach seiner Zeit als Soldat im ersten Weltkrieg gründete er mit Hilfe des von seinen Eltern geerbten Geldes die genossenschaftliche Zeitung "Volksstimme", Organ für die werktätige Bevölkerung West-Thüringens - Schmalkalder Tageblatt", deren Redakteur er ab 1919 war. Geschäftsstelle war das Haus Auer Gasse 9, in dem sich bis dahin die Redaktion der Zeitung "Schmalkalder Tageblatt befand. Neben seiner Arbeit engagierte sich Ludwig Pappenheim erst in Eschwege, dann in Schmalkalden in der Kommunalpolitik und im Regierungsbezirk Kassel. Zudem war er frühes Mitglied des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold.

Mit seiner Frau Frieda kaufte Pappenheim ein Haus auf der Sybillenburg in Schmalkalden. Dort lebten sie mit ihren Kindern Erna, Ruth, Günter und Kurt. 1918 und 1924 kurzzeitig inhaftiert, wurde Ludwig Pappenheim am 25. März 1933 erneut verhaftet. Grund für die letzte Verhaftung war ein in der sozialdemokratischen Volksstimme veröffentlichter Artikel (nicht aus der Feder von Ludwig Pappenheim stammend), an dem das Landeskirchenamt Kassel Anstoß nahm. Über die Verhaftung schrieb sein Sohn Kurt: "20. April, 16 Uhr: Zum letzten Mal sahen wir Kinder unseren Vater, als er vom Gerichtsgefängnis Suhl nach Schmalkalden zur Gerichtsverhandlung gebracht wurde. Wir standen vor dem Amtsgericht. Das Polizeiauto kam. Bewacht stieg Vater aus. Sie führten ihn ins Amtsgericht. Weder seine Frau, noch wir Kinder durften unserem Vater, als er an uns vorübergeführt wurde, noch einmal die Hand reichen, geschweige denn, ihn liebkosen."

Nach Verbüßen der Haftstrafe wurde Ludwig Pappenheim, ohne nochmals heimkehren zu können, in eine dreimonatige Schutzhaft in das KZ Breitenau eingewiesen. Auf Antrag des Landrates, Otto Recknagel, des Bürgermeisters Kramer und des Ortsgruppenleiters Henning wurde am 16. Oktober 1933 die Überführung Pappenheims in ein KZ bei Osnabrück veranlasst. Ein Mithäftling Pappenheims im KZ Neusustrum berichtete, dass dieser vom ersten bis zum letzten Tag seiner Haft von den Wachmannschaften schikaniert, geschlagen und misshandelt worden sei. Gnadengesuche seiner Frau Frieda beim Landrat und Bürgermeister, sich für eine Freilassung einzusetzen, wurden abgewiesen.

Am 4. Januar 1934 wurde Ludwig Pappenheim im KZ Neusustrum ermordet, amtlich wurde behauptet, er sei "bei einem Fluchtversuch aus dem Lager erschossen worden".

Der Sozialdemokrat Ludwig Pappenheim, der von Anfang an den Nationalsozialismus entschieden bekämpft hat, gehörte damit zu den ersten Opfern des Naziregimes. Seine letzte Ruhe fand er auf dem jüdischen Friedhof in Leipzig. Eine Überführung nach Schmalkalden hatte das Regime untersagt. 1943/1944 wurden auch die beiden Söhne in das KZ Buchenwald beziehungsweise Zwangsarbeitslager Weißenfels gebracht.

Hintergrund

Die Biografien sind in Zusammenarbeit von Ute Simon, Leiterin des Stadt- und Kreisarchivs, sowie den drei Schülern des Philipp-Melanch-thon-Gymnasiums, Karolin Kettner, Sophia Landgraf und Tobias Widder, erstellt worden. Es wäre jedoch nicht möglich gewesen, die Biografien der jüdischen Bürger zusammenzutragen, außer zu Ludwig Pappenheim, weil hier schon andere Forschungsarbeiten vorliegen, wenn man nicht auf die Dissertation von Dr. Karine Moeglin zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Schmalkalden hätte zurückgreifen können. Zur Ermittlung der Lebensdaten waren die Standesamtsregister von Schmalkalden und anderer Städte hilfreich.


    
    

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