zuletzt bearbeitet: 11.11.2010 12:25 Uhr
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In ewiger Traurigkeit
Die Gedenkfeier zur Pogromnacht vor 72 Jahren ließ keinen der anwesenden Schmalkalder unberührt.
Schmalkalden - An die 100 Bürgerinnen und Bürger hatten sich in einem Halbkreis um die neuen Stolpersteine auf der Salzbrücke zu einem bewegenden Moment des mahnenden Rückblicks versammelt.
Viele Engagierte wirkten mit an der vom Arbeitskreis Christlicher Kirchen (ACK) organisierten Veranstaltung. Nicht zuletzt zeigten die Sponsoren der vier neuen "Stolpersteine" vor dem Haus auf der Salzbrücke 8 und dem einen vor dem Soldatensprung 1 ihre persönliche Anteilnahme für die schrecklichen Qualen der fünf jüdischen Mitbürger aus Schmalkalden. Während Ferdinand Müller bereits am 3. 8. 1939 an den Folgen der Haft in Schmalkalden verstorben war, kamen Helene Goldschmidt geb. Möller und Hedwig Schlesinger geb. Sulzbacher am 3. Juni 1942 im Vernichtungslager Sobibor, Else Levi geb. Müller am 1.3.1943 im Vernichtungslager Auschwitz, Hildegard Müller am 6.8.1943 im Ghetto Theresienstadt ums Leben. Die jeweiligen Sterbedaten waren in diesen Tagen erst über die moderne Datenbank im Bundesarchiv ermittelt worden (letzter Stand dort vom September 2010).
Karolin Kettner, Sophia Landgraf und Tobias Widder vom Philipp-Melanchthon-Gymnasium hatten sich auf Anfrage des Stadt- und Kreisarchivs Schmalkalden bereiterklärt, die wenigen Informationen vorzutragen, die zum Leben der fünf Menschen bekannt sind. Unter Leitung von Lehrerin Korntina Krichling gestalteten die Jugendlichen die eindrückliche Lesung, in deren Anschluss sie eine weiße Rose zu jedem der Stolpersteine legten. Christiane Jordan und Ann-Lisa Münch (Methodistische Gemeinde) setzten dazu passende Akzente mit wehmütiger Klezmer-Musik auf Klarinette und Gitarre.
Auch der Posaunenchor der Kirchgemeinde Schmalkalden trug das Gefühl der Traurigkeit mit Gesangbuchliedern durch die Veranstaltung. Pastor Steffen Klug hatte in seiner Ansprache auf die seelische Gewalt hingewiesen, die die "Dienerin Kirche" damals den Menschen zufügte. "Die Dienerin Kirche hat ihre eigene Vergangenheit abgeschnitten und die jüdischen Bürger in ihrer Seele getroffen", sagte er und erzählte: Eine "Kommission zur Entjudung des Gesangbuches" war einige Tage nach der Zerstörung der Synagoge gebildet worden. Weiterhin hatten 192 Leute von 18 verschiedenen Landeskirchen ein "Institut zur Erforschung und Beziehung des jüdischen Einflusses" auf der Wartburg gegründet, mit dem Ziel: Die Erfassung des Christlichen, ohne jüdischen Einfluss. Vor genau 70 Jahren waren die 2336 Lieder des Gesangbuches überprüft worden und bis auf fünf Prozent alle eliminiert worden. Eine Ausgabe des übriggebliebenen Rests war in einer Auflage von 200 000 erschienen und überwiegend in Soldatentornistern gelandet. Die Bemühungen gipfelten damals schließlich in der Aussage, Jesus sei kein Jude gewesen. "Wie müssen sich die jüdischen Mitglieder an der Basis gefühlt haben?", fragte Steffen Klug und proklamierte: "Wir brauchen Vergebung, wir brauchen einen neuen Anfang. Dazu hat Gott uns einen Raum der Versöhnung gegeben. Dieser Raum hat den Namen Jesus - Sohn Davids. Es ist an uns, diesen Raum zu betreten."
Bürgermeister Thomas Kaminski äußerte in seiner Rede, wie froh er darüber sei, dass es mit den schon vor zwei Jahren auf den Weg gebrachten Steinen des Gedenkens nicht nur eine Initiative der Stadt Schmalkalden geblieben ist, und sich zahlreiche Mitbürgerinnen und Mitbürger entschieden hätten, einen Stein mit Spendenmitteln setzen zu lassen. Im Hinblick auf Heute und dass Antisemitismus und Nazi-Ideologie nicht mit dem Dritten Reich untergegangen sind, zeigte sich Kaminski beschämt, dass jüdische Friedhöfe und Synagogen nach wie vor nicht vor Schändungen und Anschlägen sicher sind. Es sei erschreckend, dass Neonazis in manchen Orten den öffentlichen Raum erobert haben und dass rechte Parolen, oftmals vermittelt über Skinhead-Musik, gerade Jugendliche von heute ansprechen könnten. Hier bedürfe es "großer Achtsamkeit" und es müsse ein "Zugang" zu den Jugendlichen" geschaffen werden. "Aber auch in vermeintlich kleinen Dingen" zeige sich die Einstellung der Menschen in unserer heutigen Gesellschaft, führte der Bürgermeister das Augenmerk zum aktuellen Tagesgeschehen und lobte das Mitgefühl der Schmalkalder in den vergangenen Tagen: "Völlig unabhängig von der Herkunft, dem Geschlecht, dem Glauben oder dem Alter haben viele Bürger Schmalkaldens den Betroffenen des Erdfalls Hilfe zuteil werden lassen. Nachbarn haben betroffene Familien aufgenommen. Spenden werden an Schmalkalder helfen Schmalkaldern gezahlt. Es wird nach dem Befinden der Betroffenen gefragt. Viele helfen so gut sie können den geschädigten Personen." Wenn in einer Stadt die Menschen "unvoreingenommen einander helfen, nicht ausgrenzen, sondern verbinden, nicht schädigen, sondern Schaden mindern und beseitigen", dann werde deutlich, dass die richtigen Lehren aus den Ereignissen vom 9. November 1938 und den Jahren danach gezogen worden sind.
Stefan Svoboda hatte seine Ansprache mit dem Blick auf die letzte Wochen begonnen und angemerkt, dass man in den Gebeten zur Friedensdekade in der Stadtkirche St. Georg großen Dank ausgesprochen habe, "dass niemand ums Leben gekommen ist." Dass das Gedenken an die Pogromnacht bisher jedes Jahr traditionell in der Judengasse am Standort der ehemaligen Synagoge stattgefunden habe, sei bekannt. Nach dem Schließen der dortigen Baulücke ist es für diese Stelle auch wieder angedacht.
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