zuletzt bearbeitet: 04.02.2012 09:31 Uhr
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Der Schanze immer treu geblieben
Helmut Lesser aus Brotterode lebte seit 1957 im westlichen Teil Deutschlands. Seine Bindung in die alte Heimat hat er nie verloren. Er verpasst kein internationales Skispringen.
Brotterode - Wenn die Gardine am Küchenfenster zurückgezogen ist, trifft man Helmut Lesser an. Auf diese Weise sorgt er für einen freien Blick hinauf zum Inselsberg. Auch am Briefkasten in der Schmalkalder Straße steht noch sein Name, obwohl der heute 89-Jährige schon seit 1957 nicht mehr in Brotterode wohnt. Damals hat er "aus verschiedenen Gründen" - wie er heute sagt - seinen Heimatort verlassen und der DDR den Rücken gekehrt. Seine Beziehung in die Bergstadt hat er jedoch nie verloren. Im Gegenteil. Mehrmals im Jahr kehrt er gemeinsam mit seiner Frau Rosemarie immer wieder gerne in sein Elternhaus zurück, das heute gewissermaßen seine Ferienwohnung ist. Bisher hat er noch keinen Continentalcup der Skispringer ausgelassen. Und so ist Helmut Lesser auch an diesem Wochenende wieder dabei, wenn die internationale Springer-Garde über den Bakken geht.
Der Senior lebt heute unweit von Wiesbaden. Zur Schanzenanlage von Brotterode hat er ein besonderes Verhältnis. "Ich war für die Bauarbeiten von 1946 bis 1957 hier zuständig." Ehrenamtlich freilich, denn beruflich war Lesser schon damals als Vermesser tätig. Nach dem Krieg war die Schanze verfallen. Sie wurde neu- und umgebaut. 11 000 Kubikmeter Erdaushub wurden bewegt - und alles per Hand. Ungezählte Helfer legten mit Hand an. Helmut Lesser kann sich noch gut an die Schanzenweihe im Winter 1955/56 erinnern. "Bei der Premiere hatte ich weiche Knie. Werner Lesser hat die Schanze eingesprungen. Wenn alles klappt, reißt du unten die Arme hoch, habe ich damals vorher zu ihm gesagt." Und der Springer riss die Arme hoch, Tausende jubelten.
Zwischen den Sprungorten gab es zur damaligen Zeit harte Konkurrenz. "Vor allem zwischen Brotterode und Oberschönau. Jeder wollte die größten Weiten und besten Springer haben", kann sich Helmut Lesser noch gut erinnern. Da wurde auch gerne mal ein Meter hinzugemacht oder weggemogelt. "Doch das war nicht ewig so." In den Folgejahren entwickelte sich Brotterode zur Springerhochburg und brachte erfolgreiche Sportler hervor. Die Lessers, Aschenbachs, Dannebergs oder Gebstedts - um nur einige zu nennen - machten die Inselsberg-Stadt weithin bekannt.
Heute hält Brotterode mit dem Continentalcup als Austragungsort eines internationalen Wettkampfs die Thüringer Skispringer-Ehre hoch. Ansonsten sind die hochkarätigen Veranstaltungen hierzulande verschwunden. "Umso mehr muss man vor denen, die heute hier Verantwortung tragen, Hochachtung haben", sagt Helmut Lesser. Mit früher sei das alles nicht mehr zu vergleichen. Die Rahmenbedingungen an dieser technisch sehr anspruchsvollen Sportart, Organisation und Umfeld hätten sich rasant entwickelt und die Austragungsorte solcher Cups müssten immer wieder mitziehen. "Und man darf nicht vergessen, dass die Jüngeren alle beruflich eingebunden sind und alles auf ehrenamtlicher Basis erfolgt." Er wünscht sich deshalb, dass viele Zuschauer an diesem Wochenende an die Schanze kommen, einen tollen Wintertag erleben und wieder ein bisschen das Gefühl der Begeisterung von früher mit nach Hause nehmen, das die Alten noch miterleben durften. "Da fuhren sogar Sonderzüge von Leipzig hierher zum Springen."
Obgleich im Westen Deutschlands beheimatet hat Helmut Lesser immer verfolgt, was sich in Brotterode tut. Und er hat seinen Kindern und Enkeln, mit denen er viel gewandert ist, auch ein wenig Liebe zu Thüringen vermittelt. Der Sohn brachte schon seine Feuerwehrkameraden mit, die Tochter kommt mit Bekannten in die Heimat der Eltern.
Beim Dialekt hört man bei Helmut Lesser auf den ersten Moment nicht mehr heraus, dass er ein waschechter Brotteröder ist. "Doch, doch", sagt er. Sobald er den ersten Bekannten im Ort trifft und man ins Schwatzen kommt, wird automatisch der Schalter umgelegt. "Das vergisst man nicht."
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